Mega-Stau als Brexit-Vorgeschmack?

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Die abrupte Grenzschließung trifft vor allem die Lkw-Fahrer hart, die tagelang festsitzen. Erhöht das den Druck auf London? (Foto: Zoltan Gabor / Shutterstock.com)

Ist das der Vorgeschmack auf den No-Deal-Brexit? Tagelang stecken tausende Trucker auf britischen Autobahnen fest. Sie sind auf dem Weg in Richtung Kontinentaleuropa – doch der Kontinent hat die Grenzen dichtgemacht.

Buchstäblich von heute auf morgen wurden Flug-, Zug- und Schiffsverbindungen eingestellt, der Euro-Tunnel gesperrt und Passagiere an Flughäfen festgesetzt. Der Grund: Corona, genauer gesagt die neuartige Virusmutation, die derzeit in Teilen Großbritanniens wütet und weitaus ansteckender sein soll als die bisher bekannten Varianten.

Grenzschließung als Brexit-Warnschuss?

Um eine weitere Ausbreitung zu unterbinden, schottet sich Europa gegenüber den britischen Inseln ab, wenngleich Virologen davon überzeugt sind, dass die Mutation längst auch den Kontinent erreicht hat – immerhin wurde die Variante bereits vor mehreren Wochen festgestellt und unter anderem auch in den Niederlanden oder Italien nachgewiesen.

Die dennoch erfolgte Grenzschließung könnte in diesem speziellen Fall auch andere – politische – Gründe haben. Immerhin steht in der kommenden Woche der finale Vollzug des britischen Austritts aus der Europäischen Union bevor, noch immer sind die Verhandlungen über ein Abkommen festgefahren, noch immer ist völlig unklar, wie die Handelsbeziehungen ab dem 1. Januar aussehen werden.

Im schlimmsten Fall: so wie in den letzten Tagen. Kilometerlange Staus, frustrierte Fahrer, verderbende Ware auf den Ladeflächen und zunehmend leere Regale in britischen Supermärkten. Tatsächlich dürfte die britische Seite einen stockenden Warenverkehr wesentlich schneller und heftiger spüren als umgekehrt die europäischen Verbraucher das Ausbleiben britischer Importe bemerken würden.

Der neue normale Wahnsinn?

Wenngleich es offiziell freilich bestritten wird, so liegt doch der Gedanke nahe, dass etwa Frankreich die kurzzeitige Grenzschließung auch als politisches Druckmittel eingesetzt haben könnte: Immerhin sind es vor allem die Franzosen, die mit den Briten nicht übereinkommen hinsichtlich der Fischfangquoten, an denen ein möglicher Deal bislang zu scheitern droht.

War das nun also ein Warnschuss in Richtung London? Seht her, das wird der Normalzustand für die kommenden Wochen oder auch Monate, wenn ihr euch nicht auf einen Kompromiss einlasst und einen Vertrag unterzeichnet?

Die britische Gesundheitsversorgung NHS zeigte sich jedenfalls alarmiert und richtete sich mit einem Schreiben an Premierminister Boris Johnson. Darin bittet die NHS um eine Verlängerung der bislang geltenden Übergangsfrist um zumindest einen Monat. Dies würde dem Gesundheitssystem Zeit verschaffen, sich mit Medikamenten und medizinischem Equipment einzudecken, das für die Bekämpfung der Pandemie erforderlich ist. Das Virus grassiert in Großbritannien besonders heftig.

Es hängt allein an Johnson

Von Grenzkontrollen und Handelsverzögerungen wären jedenfalls wohl auch medizinisch relevante Produkte betroffen, und so könnten die vergangenen Tage den Druck auf Johnson tatsächlich erhöht haben, doch noch einer Einigung zuzustimmen oder zumindest die Übergangsphase zu verlängern – ein Schritt, den der Premier bislang stets kategorisch ausgeschlossen hatte.

Am Ende aber hängt es allein an ihm, mit welchen handelspolitischen Rahmenbedingungen die Briten am ersten Tag des neuen Jahres erwachen werden. Lkw-Fahrer, die in nächster Zeit den Ärmelkanal passieren sollen, tun vermutlich gut daran, sich in ihrer Kabine mit hinreichenden Vorräten einzudecken – für alle Fälle.

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Von: David Gerginov. Über den Autor

David Gerginov publizierte unter anderem zum Thema Schuldenbremse und beschäftigt sich heute mit allen Fragen rund um Wirtschaft, Politik und Finanzen.

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