Mehr Schein als Sein bei The We Company

Abschreibung Symbolbild Münzstapel_shutterstock_549124294_Jinning Li

The We Company geht an die Börse. Der vorliegende Wertpapierprospekt lässt wenig Gutes erahnen. (Foto: Jinning Li)

Manche von Ihnen mögen sich noch an die Zeiten des Neuen Marktes erinnern, als Finanzvorstände besondere Kreativität an den Tag legten, um den Anlegern die wieder einmal unerwartet höheren Verluste schmackhaft zu machen. Da wurden dann „Gewinn“kennzahlen erfunden, aus denen die Vorstände bestimmte Positionen, die sie zuvor kurzerhand als einmalig deklariert hatten, herausgerechnet haben. Ein berüchtigtes Beispiel war EBITDAR: Das Ergebnis vor Zinsen, Steuern, Abschreibungen und Restrukturierungskosten, wobei der Buchstabe „R“ je nach Gusto auch für Mietaufwendungen – englisch „Rent“ – zum Einsatz kam.

Immer mehr Buchstaben wurden hinzugefügt, immer mehr Aufwendungen herausgerechnet, bis schließlich die ehemalige Chefbuchhalterin der US-Börsenaufsicht SEC monierte, dass viele Börsenprospekte nicht viel mehr als die Kennziffer EBBS – also „Everything But Bad Stuff“, also „Alles Außer Bösen Stoffen“ – enthielten. Als besonders Kreative dann die Kennzahl EBAC entwickelten, Earnings Before All Costs, also Gewinne vor allen Aufwendungen, war das Ende des Neuen Marktes besiegelt.

Rückfall in schlechte Zeiten

Sollte sich Geschichte wiederholen, steht das Ende der längsten Bullenphase aller Zeiten unmittelbar bevor. Diesen Eindruck muss bekommen, wer sich den Wertpapierprospekt des Coworking- und Immobilien-Start-Ups WeWork, der in der letzten Woche veröffentlicht wurde, zu Gemüte führt. Da rechnet der Finanzvorstand doch tatsächlich ein „Community-Adjusted EBITDA“ aus, mit dem der Gemeinschaftsgedanke der WeWork-Jünger dokumentiert werden soll. Gemäß dieser obskuren Kennzahl erwirtschaftete WeWork im vergangenen Jahr einen Gewinn von 467 Millionen US-Dollar. Tatsächlich wurde aber ein Verlust von 1,9 Milliarden US-Dollar eingefahren. Die Verluste lagen damit sogar noch höher als die Umsätze.

Mit diesem „Meisterwerk der Verdunkelung”, wie ein US-Analyst den Prospekt bereits bezeichnet hat, will das mittlerweile in The We Company umbenannte Unternehmen nicht weniger als 3,5 Milliarden Dollar einsammeln. Damit wäre das erst vor wenigen Jahren gegründete Unternehmen der zweitgrößte Börsengang des Jahres 2019.

Wenn selbst der Chef verkauft

Doch die Verluste sind nicht das einzige, was manchen Anleger irritiert. Sauer aufgestoßen ist vielen auch, dass einer der Gründer des Unternehmens, Adam Neumann, bereits vor dem Börsengang einen Teil seiner Aktien verkauft hat. Und damit mehr als 700 Millionen US-Dollar eingestrichen hat. Da er überdies Teile seiner Aktien beliehen hat, ist gegenwärtig völlig unklar, wie viele Anteile der 40-Jährige an The We Company noch tatsächlich hält.

Ebenfalls unklar ist, worin das Geschäftsmodell von The We Company eigentlich besteht. Dem Unternehmen weniger freundlich Gesonnene behaupten, The We Company wäre ein Immobilienunternehmen, das Büroflächen und Shared Workspaces für Selbständige und Kleinstunternehmen anbietet, und zwar zu exorbitanten Gemeinkosten, um Venture Capital-Investoren, die sich durch viel Kapital und wenig Ideen auszeichnen, anzulocken und sie die horrenden Verluste übernehmen lassen.

Fremdbild und Selbstbild klaffen auseinander

Sich selbst sieht The We Company dagegen als Technologieplattform, das zufällig einige Immobilien bilanziert und damit an der Börse einen Premium-Multiplikator verdient hat. Dass Adam Neumann mit dieser Einschätzung durchkommt, scheint an seiner charismatischen Persönlichkeit zu liegen. Über ihn kursiert mehr als eine Anekdote, wonach es ihm problemlos gelingt, selbst skeptische Investoren auf seine Seite zu ziehen und davon zu überzeugen, The We Company wäre ein sinnvolles Investment.

Ob es das ist, wird sich zeigen. Womöglich ist The We Company der letzte Test für das Interesse von Investoren an Unternehmen, die zwar Geld verbrennen, zuvor jedoch über Private Equity-Finanzierungsrunden massiv Kapital eingesammelt haben. Dass diese Gesellschaften nach dem Börsengang nicht unbedingt gut entwickeln, haben zuletzt die Aktien des zuvor hochgehandelten Fahrdienstvermittlers Lyft gezeigt. Diese haben seit dem IPO im April mehr als ein Drittel ihres Wertes verloren.

Vapiano RED – shutterstock_1213907845

Vapiano vor der Pleite: Ich habe mehrfach gewarnt!Bei der Restaurantkette Vapiano liegt der Insolvenzgrund Zahlungsunfähigkeit vor. Nun soll die Politik helfen. Ich habe Sie rechtzeitig gewarnt. › mehr lesen


© Verlag für die Deutsche Wirtschaft AG, alle Rechte vorbehalten
thilo-hassler-experte
Von: Peter Thilo Hasler. Über den Autor

Peter Thilo Hasler ist seit über 25 Jahren als Finanzanalyst tätig, zunächst für einige große Investmentbanken, seit 2010 in seiner eigenen Research-Firma. Als Analyst berät er namhafte Fondsmanagern und Vermögensverwalter weltweit.

Profitieren Sie von unserem kostenlosen Informations-Angebot und erhalten Sie regelmäßig den kostenlosen E-Mail-Newsletter von Peter Thilo Hasler. Herausgeber: GeVestor Verlag | VNR Verlag für die Deutsche Wirtschaft AG. Sie können sich jederzeit wieder abmelden.

Hinweis zum Datenschutz