Mehr Umsatz – auch wenn es Tote gibt

„Ich hätte nicht gedacht, dass die so dumm sein können“, kommentiert unser Börsenexperte Rainer Heißmann das VW-Desaster. (Foto: Cineberg / Shutterstock.com)

Kürzlich war ich mit meiner Tochter und meinem Schwiegersohn unterwegs.

Wir haben für deren 5-köpfige Familie einen schicken Passat-Kombi von VW gekauft – prima Auto: schnell, komfortabel und geräumig; gut gekauft!

Gut gekauft? – Seit dem Wochenende sind wir uns dessen nicht mehr so sicher.

Denn die Nachricht, die an der Börse einschlug wie eine Bombe, weckte auch bei uns Zweifel:

Volkswagen hat Schadstoffwerte von Diesel-Autos für den amerikanischen Markt manipuliert. Von den betroffenen Fahrzeugen wurden mehrere 100.000 Autos verkauft.

Betrug nimmt Tod in Kauf

Vor wenigen Tagen ging eine Meldung des Max-Planck-Instituts für Chemie durch die Medien. Dabei wurde von jährlich rund 3,3 Mio. Toten als Folge von Luftverschmutzung berichtet. Abgase von Autos sind ein Teil davon.

Und wer so manipuliert und betrügt, dass mehr Feinstaub ausgestoßen als ausgewiesen wird, nimmt mehr Tote in Kauf. Umsatz ist demzufolge wichtiger als Menschenleben.

VW zieht DAX 30 Index ins Minus

Die kurzfristige Reaktion an der Börse war ein Desaster: Der Kurs der VW-Aktie brach um bis zu 22% ein und sorgte damit im Alleingang für den schwachen Auftakt des DAX 30 Index, der vormittags rund 1% im Minus lag.

Die VW-Aktie ist im DAX 30 Index mit rund 3,7% gewichtet. Würde sie rechnerisch auf 0 fallen, gäbe der DAX 30 Index um 3,7% nach. Der Crash der VW-Aktie um 22% hat den DAX 30 Index entsprechend mit rund 0,8% (3,7 x 0,22) belastet.

Betrug gepaart mit Dummheit

Da VW die Manipulation zugegeben hat, kann man wohl von Tatsachen ausgehen. Stellt sich die Frage, wer für dieses gleichzeitig kriminelle und unglaublich dumme Vorgehen verantwortlich ist?

Es wird sich zeigen. Da vertraue ich auf die US-Justiz. Wer gesehen hat, wie diese auch weltbekannte Top-Manager bei Anhörungen „grillt“, weiß: Die kennen kein Pardon – gut so!

VW-Chef Winterkorn wird gehen

Wusste VW-Chef Winterkorn davon? Dann muss er gehen – sofort!

Wusste er es nicht? Dann hat er seinen Laden nicht im Griff. Dann muss er ebenfalls gehen!

Im Frühjahr hat Firmen-Patriarch Ferdinand Piëch den VW-Chef Winterkorn angezählt. Letztlich hat Piëch den Machtkampf aber verloren.

Wenn Großaktionär Piëch von den Manipulationen nichts wusste, wird er vermutlich zurückschlagen und steht am Ende doch als Gewinner im Machtkampf da. VW ist aber so oder so der Verlierer.

Wie dumm sind die denn?

Versucht man, sich in die Gedankenwelt der für den Betrug Verantwortlichen hineinzuversetzen, stellt sich die Frage nach deren Geisteszustand:

Wie dumm muss man sein, um in einem Land (USA), das für rigoroses Durchgreifen und Klagefreudigkeit bekannt ist , 100.000-fach Autos auf die Straße zu bringen, die in betrügerischer Absicht manipuliert wurden?

Die kurzfristige Reaktion der Börse ist das kleinste Übel. Ein möglicher Rückruf mehrerer 100.000 Autos wird verkraftbar sein. Außerdem drohen Strafzahlungen; 18 Mrd. US-$ gehen durch die Medien.

Es kommt aber der größte Schaden: Image-Verlust und rückläufige Verkaufszahlen.

Das ehemalige Qualitätssiegel „Made in Germany“ wird zur Belastung. Die deutschen Mitbewerber (hoffentlich ohne vergleichbare Manipulationen) lassen grüßen.

1. ADAC, 2. VW – wer ist der nächste?

Anfang letzten Jahres gab es den Manipulations-Skandal beim „Gelben Engel“ des ADAC. Jetzt haben wir den Manipulations-Skandal bei VW.

Preisfrage: Wer aus der deutschen Automobil-Branche steht als nächstes am Pranger?

VW-Benziner in Deutschland nicht betroffen?

Unser eingangs genannter Kauf des VW-Passats war ein Benziner. Glück gehabt.

Glück gehabt?

Zweifel bleiben aber doch – alles o.k. mit dem schicken Auto?

Oder wurde hier anders getrickst, getäuscht, betrogen?

Das ist finanziell gesehen der größte Schaden für VW und die Autobranche: Vertrauensverlust.

Zum guten Schluss: Am 22.09.1826, also heute vor 189 Jahren, verließ der deutsche Schriftsteller, Theologe und Pädagoge Johann Peter Hebel unsere Welt. Er wusste zu berichten:

„Wer nie anfängt, der hört nie auf, und wem wenig auf einmal nicht genug ist, der erfährt nie, wie man nach und nach zu Vielem kommt.“

Wenige Änderungen machen daraus einen prima Börsen-Tipp:

Wer nie anfängt, der erzielt nie Gewinn, und wem wenig auf einmal nicht genug ist, der ist zu gierig und erfährt nie, wie man nach und nach zu vielen Gewinnen kommt.

Ich wünsche Ihnen, dass Ihnen „wenig auf einmal als Gewinn genug ist“ und sende Ihnen nette Grüße

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Von: Rainer Heißmann. Über den Autor

Rainer Heißmann ist Autor für Wirtschafts- und Börsenfachpublikationen und Chefredakteur vom "Optionen-Profi". Außerdem ist er Autor des Buchs "Reich mit Optionen". Seine größte Stärke: Komplexe Sachverhalte so zu erklären, dass sie auch dem Nicht-Fachmann verständlich und nachvollziehbar werden.

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