Microsoft oder die Wahrheit über Kurs-Gewinn-Verhältnisse

Welches Kurs-Gewinn-Verhältnis ist eigentlich günstig, welches teuer? Von mir erfahren Sie die Wahrheit über KGVs. (Foto: Volodymyr Kyrylyuk / shutterstock.com)

Es gibt die unterschiedlichsten Methoden zur Bewertung von Aktien. Eine der beliebtesten und vermutlich auch der am stärksten verbreiteten ist das Kurs-Gewinn-Verhältnis, auch KGV abgekürzt.

Dabei wird der Gewinn pro Aktie einer Aktiengesellschaft in Relation zum Kurs gesetzt. Das Ergebnis je Aktie wird dabei auf Basis der umlaufenden Anteile berechnet.

Der Nettogewinn wird also durch die Zahl der Anteile dividiert, die an der Börse frei handelbar sind.

Wie die Bezeichnung Kurs-Gewinn-Verhältnis bereits vermuten lässt: Bei einem Verlust kann kein KGV errechnet werden.

Kleiner Exkurs: Kauft eine Aktiengesellschaft im Rahmen eines sogenannten Aktien-Rückkauf-Programmes eigene Anteile am Markt zurück, dann sind diese nicht mehr an der Börse frei handelbar. Für eine solche Maßnahme gibt es vor allem 3 Motive:

–       Das zurückkaufende Unternehmen möchte die Anteile vom Markt haben, um den Aufkauf durch einen fremden Konzern zu erschweren.

–       Das zurückkaufende Unternehmen möchte die Anteile vom Markt haben, um diese einem Wunschpartner als Beteiligung andienen zu können.

–       Das zurückkaufende Unternehmen möchte die Anteile vom Markt haben, weil es derzeit keine bessere Verwendungsmöglichkeit für seinen (überschießenden) Cash sieht. Als feiner Nebeneffekt steigt durch die Maßnahme bei einem gleich bleibenden Nettoergebnis der Gewinn pro Aktie, was wiederum zu einer attraktiveren Bewertung führt.

Welches KGV ist günstig, welches teuer?

Aber: Ist ein KGV von 5,0 nun niedrig oder eines von 25,0? Ist ein KGV von 50,0 bereits teuer oder eines von 300,0?

Genau das ist das Problem mit dem KGV: Niemand vermag zu sagen, ob ein KGV nun hoch oder niedrig ist, günstig oder (zu) teuer. Denn die Bewertung einer Aktie bestimmt zu jeder Zeit ausschließlich der Markt, also alle Marktteilnehmer.

Deshalb behaupte ich schon seit vielen Jahren: Eine Aktie ist zu jeder Zeit „fair“ bewertet, weil der Markt den Wert eines Dividendentitels bestimmt.

Natürlich kann sich die Bewertung einer Aktie innerhalb kürzester Zeit dramatisch verändern. Doch verantwortlich dafür ist ausschließlich der Markt, also wir Marktteilnehmer.

Und wir ändern unsere Bewertungsmaßstäbe eben auch hin und wieder dramatisch, weil wir Menschen sind und Dinge aufgrund neuer / anderer Informationen eben anders beurteilen (können).

In meinem Börsendienst Momentum-Trader beschäftige ich mich ausschließlich mit Wachstumsaktien.

Damit sind nicht Unternehmen gemeint, die bei Umsatz und Gewinn wachsen, sondern bei Umsatz und Gewinn stark wachsen. Das ist ein kleiner, aber feiner Unterschied, wie Sie gleich feststellen werden.

Das Wachstums-Dilemma

Dazu habe ich Ihnen heute einmal den langfristigen Chart einer ehemaligen Wachstumsaktie herausgesucht: Microsoft.

Schauen wir auch direkt einmal auf die Kurs-Historie seit 1986. Zur besseren Übersicht habe ich hier einen Jahreschart genommen, bei dem eine Kerze den Kursverlauf eines Jahres widerspiegelt.

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Microsoft: Kursverlauf von 1986 bis August 2013

Wie Sie im Chart unschwer erkennen können, kletterte der Kurs bis ins Jahr 2000 hinein geradezu unaufhörlich an und brach dann abrupt ab.

Das in jenem Jahr erreichte Allzeithoch von 53,97 USD wurde danach nie wieder auch nur annähernd erreicht, wie Sie an der oberen horizontalen Linie ablesen können.

Tatsächlich pendelt der Microsoft-Kurs seit nun fast 13 Jahren zwischen grob 26 USD und 20 USD (von wenigen Ausrutschern einmal abgesehen). Das Kuriose an der ganzen Sache ist:

Microsoft setzte im abgelaufenen Geschäftsjahr 2013 (endet immer am 30. Juni) mit 77,849 Mrd. USD das 3,4fache des Umsatzes aus dem Jahr 2000 um!

Gleichzeitig verdient der „Windows“-Konzern 2,32-mal so viel, wie vor 13 Jahren. Der Gewinn pro Aktie ist 3,04-mal so hoch wie im Jahr 2000.

Wenn wir also die absoluten Zahlen betrachten, müsste die Microsoft-Aktie heute eigentlich viel teurer sein, als zur Jahrtausendwende.

Dazu zeige ich Ihnen nun eine Tabelle, in der ich einmal die Daten für Umsatz, Gewinn und Ergebnis je Aktie seit 1994 zusammengetragen habe. Der Zeitraum beginnt also sozusagen mit der Endphase des Kurswachstums.

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Microsoft: Unternehmensdaten und Bewertung von 1986 bis August 2013

Der untere Tabellenteil zeigt die Jahresschlusskurse sowie das jeweilige Jahreshoch und Jahrestief und die sich daraus ergebenden KGVs. Ganz unten finden Sie das Mittel zwischen Jahreshoch und Jahrestief und das daraus errechnete mittlere KGV.

Wie Sie sehen, bewertete der Markt die Microsoft-Aktie im Jahr 1999 mit dem höchsten mittleren KGV (59,6) in diesem Zeitraum.

Trotz der oben beschriebenen höheren Umsätze und Gewinne wird die Aktie vom Markt heute aber nur noch mit knapp einem Fünftel des damaligen KGVs bewertet.

Wenn Sie nun einmal die Wachstumsraten der Jahre 1995 bis 1999 mit denen der letzten 13 Jahre vergleichen, dann erkennen Sie schnell, dass Microsoft nur in den Jahren 2003 und 2005 ein vergleichbar hohes Gewinnwachstum gelungen ist.

Fazit:

Wenn Ihnen also demnächst einmal wieder jemand eine Aktie ans Herz legt, weil sie doch so ein günstiges KGV aufweist, dann wissen Sie das einzuordnen.

Ich nenne das KGV in meinem Börsendienst Momentum-Trader zwar auch gelegentlich, aber hauptsächlich zu Demonstrationszwecken.


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Von: Andreas Sommer. Über den Autor

Andreas Sommer ist ein absoluter Börsen-Profi. Der gelernte Bankkaufmann war 10 Jahre als Wertpapierberater bei einer großen deutschen Bank tätig.