Minus Zinsen jetzt auch für 10-jährige Bundesanleihen

Am 14.06.2016 gegen 9.15 Uhr ist es passiert:

Erstmals in der Geschichte notiert eine Anleihe der Bundesrepublik Deutschland mit einer (Rest-)Laufzeit von 10 Jahren mit einer Rendite von unter 0%.

Das bedeutet konkret: kaufen Sie heute eine solche Anleihe, erwirtschaften Sie in den nächsten 10 Jahren (sofern die Anleihe nicht verkauft wird) jedes Jahr ein Ergebnis von -0,03% (so der Stand am 14.06. gegen 11.30 Uhr).

Die Werkzeuge der EZB, um die Zinsen zu senken

Hauptgrund für den Zinsverfall ist die Zinspolitik der Zentralbanken weltweit, die seit dem Jahr 2008 in eine Art Zinssenkungs-Wettlauf eingetreten sind.

Die formal wichtigste Interventions-Möglichkeit ist dabei der sogenannte Leitzins. Diesen hat die EZB zuletzt am 10.03.2016 nach 0,25% auf 0% gesenkt.

Ein historisches Tief. Die Schweizer Nationalbank hat ihren Leitzins sogar bereits seit 18.12.2014 negativ, somit besteht auch für die EZB weiter Spielraum.

So müssen bereits seit geraumer Zeit die Banken in Europa für kurzfristige Geldanlagen bei der Zentralbank negative Zinsen hinnehmen.

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Stand: 14.06.2016

Darüber hinaus kauft die EZB bereits seit 2015 in jedem Monat für rund 60 Mrd. € europäische Staatsanleihen auf, und seit einigen Monaten sogar auch Unternehmens-Anleihen, um die Renditen an den Zinsmärkten weiter dauerhaft zu drücken.

Und eine Fortsetzung dieser Käufe ist in den kommenden Monaten fest geplant.

Die Folgen für die Geldanleger

Diese ultra-niedrigen Zinsen führen inzwischen zu negativen Renditen und Zinsen in verschiedenen Märkten.

So liegen die sogenannten Fixings für variable Zinsen bereits seit Mitte April 2015 (siehe roter Pfeil) im negativen Bereich (hier als Beispiel der Euribor für 3 Monate), mit weiter rückläufiger Tendenz.

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Stand: 14.06.2016

So wird es für Geldanleger immer schwieriger, auskömmliche Renditen zu erzielen. Auch Lebensversicherungen klagen und schrauben ihre Renditeversprechen kontinuierlich zurück.

Darum kaufen Anleger Anleihen mit negativer Rendite

Eigentlich ist der Kauf solcher Anleihen paradox. Schaut man sich aber die Kursverläufe der seit Anfang des Jahres an, so erkennt man gewichtige Gründe.

Die Anleihe im obigen Beispiel wurde am 12.01.2016 ausgegeben, mit einem Kurs von rund 99%. Jetzt steht sie bei knapp 106%, also hat ein Anleger ein Kursplus von rund 7% erzielt.

Der DAX ist im gleichen Zeitraum von rund 10.000 auf 9.600 Punkte gefallen, ein Minus von 4 %.

Einige Anleger gehen von weiter fallenden Zinsen aus, und hoffen durch Käufe auf weitere Kursgewinne in ihren Anleihe-Portfolien. Bisher ging diese Spekulation sehr gut auf.

Zusätzlich sind verschiedene Institutionelle Anleger (Fondsgesellschaften, Rentenkassen u. a.) gemäß ihrer Anlage-Richtlinien gezwungen, eine bestimmte Summe in Bundesanleihen anzulegen.

Investitionen in andere Märkte

Viele Investoren sind jedoch inzwischen auf zinsfremde Märkte ausgewichen, haben beispielsweise Aktien, Immobilien oder Gold erworben.

Dort herrschen allerdings andere Kursrisiken als am Zinsmarkt, diese will aber nicht jeder Anleger eingehen.

Alternativen am Zinsmarkt

Nachfolgend sehen Sie die Renditen für verschiedene europäische Staatsanleihen mit einer Restlaufzeit von rund 10 Jahren.

LandRenditeVorteil zu DeutschlandWährung
Deutschland-0,03 %Euro
Belgien0,45 %0,48 %Euro
Frankreich0,41 %0,44 %Euro
Italien1,5 %1,53 %Euro
Niederlande0,24 %0,27 %Euro
Spanien1,55 %1,58 %Euro

Stand: 14.06.2016; Abweichungen durch Rundungsdifferenzen möglich

Wenn Sie allerdings in Staatsanleihen investieren wollen, dann lohnt der Blick und der Vergleich mit anderen Staaten.

15. Juni 2016

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Stefan Waldmann
Von: Stefan Waldmann. Über den Autor

Stefan Waldmann arbeitet nach Bankausbildung und Studium der Volkswirtschaft und Sozialpsychologie seit über 20 Jahren im Kapitalmarktbereich einer großen deutschen Bank.

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