Nachhaltigkeitsindex der Deutsche Börse ist eine Mogelpackung

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Die Deutsche Börse stellt einen Nachhaltigkeitsindex vor. Doch der DAX-ESG erweist sich als Mogelpackung. (Foto: create jobs 51 / Shutterstock.com)

Wussten Sie schon, dass Sie nun in einen neuen deutschen Aktienindex investieren können? Der DAX hat nämlich ein weiteres Geschwisterchen bekommen, den DAX 50 ESG Index. Dahinter verbirgt sich ein Index für nachhaltige Investments in Deutschland. Im ESG-DAX enthalten ist eine Auswahl von 50 Werten aus dem DAX-, MDAX– und TecDAX, also dem Leit-, dem Mittelwert- und dem Technologieindex der Deutschen Börse.

Kriterien für die Aufnahme

Die Indexgewichtung entspricht der bekannten Methodik, nach der die Marktkapitalisierung des Streubesitzes sowie der durchschnittliche Börsenumsatz für die Indexgewichtung herangezogen werden. Zusätzlich müssen die aufgenommenen Unternehmen bestimmte Kriterien aus den Bereichen Umwelt, Soziales und guter Unternehmensführung berücksichtigen, kurz ESG (aus dem Englischen für Environmental, Social, Governance), inzwischen die etablierte Abkürzung dessen, was am Kapitalmarkt unter Nachhaltigkeit verstanden wird.

Neben den Prinzipien, die die Vereinten Nationen für ein nachhaltiges Unternehmen festgelegt haben, gibt es außerdem einige produktbasierte Ausschlusskriterien, die eine Aufnahme in den ESG-DAX verhindern. Hierzu zählen Unternehmen, die sogenannte umstrittene Waffen herstellen, erheblichen Anteile ihrer Erträge mit Kohle und Atomkraft erwirtschaften sowie gravierende Governance-Probleme aufweisen.

Sieben DAX-Werte nicht ESG-Index enthalten

Dieser eng gefassten Negativauswahl sind bereits vier DAX-Unternehmen zum Opfer gefallen: die Energiekonzerne E.ON und RWE aufgrund ihrer Kohle- und Atomgeschäfte, der Triebwerksbauer MTU Aero Engines wegen der Produktion militärischer Fahrzeuge und der Autobauer Volkswagen – nein, nicht wegen der Umweltbelastung, sondern weil der Konzern aufgrund der intransparenten Handhabung des Diesel-Skandals gegen die Regeln der guten Unternehmensführung der Vereinten Nationen verstoßen hat.

Aus den Unternehmen, die von diesen Ausschlusskriterien nicht betroffen sind, erstellt die Deutsche Börse anschließend eine Rangliste, in der auch die von der Deutschen Börse ESG-Bewertungspunkte eingehen. Diese bezieht die Deutsche Börse vom Spezialanbieter Sustainalytics, einer Ratingagentur, die sich auf Nachhaltigkeitsbewertungen spezialisiert hat. Von dieser Liste werden anschließend die 50 Titel mit den höchsten Bewertungspunkten ausgewählt.

Kein Index für Naturfreunde

Besonders bemerkenswert ist, dass nur drei weitere DAX-Werte den Einzug in den DAX-ESG verpasst haben: der Gesundheitskonzern Fresenius, das Immobilienunternehmen Vonovia und der Zahlungsabwickler Wirecard. Warum es ausgerechnet diese Unternehmen getroffen hat und warum nur diese, wurde auf der Pressekonferenz der Deutsche Börse in der vergangenen Woche nicht geklärt.

Dies führt zu der kuriosen Situation, dass ausgerechnet der Chemieriese Bayer, der sich mit dem Saatguthersteller Monsanto und dessen umstrittenen Unkrautvernichter Glyphosat sicherlich kein besonders nachhaltiges Unternehmen einverleibt hat, ebenso im DAX-ESG enthalten ist, wie der Autobauer Daimler, der immer noch kein glaubwürdiges Elektroauto in der Produktpalette hat, sowie die wenig nachhaltige Zement- und Luftfahrtindustrie. Auch BASF, dessen Tochter Wintershall sich rühmt, größter deutscher Erdöl- und Erdgasproduzent zu sein, kann wohl kaum als nachhaltig eingeschätzt werden.

Hierfür ist laut Aussage der Deutsche Börse die hohe Gewichtung des Kriteriums Marktkapitalisierung verantwortlich: Dabei ist die Deutsche Börse wohl vor großen institutionellen Investoren eingeknickt, die dies Gerüchten zufolge gefordert hatten.

Da der Index nach dem Best-in-Class-Prinzip zusammengestellt wird, können daher auch Unternehmen aufgenommen werden, die nicht übermäßig nachhaltig, sondern einfach nur etwas nachhaltiger als die Konkurrenz sind. Dies hat zur Folge, dass sich die Zusammensetzung des Nachhaltigkeitsindizes nicht wesentlich vom DAX unterscheidet. Die größten Unternehmen Deutschlands sind nach dieser Auswahl auch die nachhaltigsten.

Berechtigte Kritik

Was wiederum Kritik von Umweltverbänden auslöst. Der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland bezeichnet den Auswahlansatz der Deutschen Börse als „Augenwischerei“. Nicht mehr als eine grüne Verpackung sei der DAX-ESG, ein echter Transformationsprozess hin zu einer klima- und umweltfreundlichen Wirtschaft werde durch den DAX-ESG nicht ausgelöst.

Da hilft es auch wenig, wenn die Zusammensetzung des Indizes alle drei Monate überprüft wird. Wie bei den anderen Auswahlindizes gibt es auch hier sogenannte Fast-Exit- und Fast-Entry-Regeln, wonach Unternehmen, die gegen die Nachhaltigkeitskriterien verstoßen, auch außer der Reihe aus dem Index entfernt werden können.

Sinnvoller wäre ein echter Nachhaltigkeits-Index mit harten Kriterien für den ökologisch orientierten Anleger gewesen. Doch dieser Schritt war der Deutschen Börse wohl zu mutig. Fürs erste werden sich die Anleger noch selbst Gedanken machen müssen, welche Unternehmen nachhaltig sind.

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Von: Peter Thilo Hasler. Über den Autor

Peter Thilo Hasler ist seit über 25 Jahren als Finanzanalyst tätig, zunächst für einige große Investmentbanken, seit 2010 in seiner eigenen Research-Firma. Als Analyst berät er namhafte Fondsmanagern und Vermögensverwalter weltweit.

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