Nasdaq 100: Auf die Perspektive kommt es an

"Ich kann diesen Rat nur regelmäßig wiederholen: Verändern Sie in der Charttechnik ständig Ihren Blickwinkel", so Börsen-Experte Andreas Sommer. (Foto: Matej Kastelic / Shutterstock.com)

Neulich postete mir mein Schwager über „Whats App“ ein Foto, vermutlich eine Fotomontage. Auf dem Bild war ein Berg zu sehen, der in seiner Mitte einen großen Einschnitt aufwies.

Durch diese Schlucht wurde der Blick frei auf eine hinter dem Berg liegende Wüstenlandschaft.

Gemeinsam mit den darüber hinweg ziehenden dicken Wolken entstand der Eindruck, dass die Schlucht ein gigantisches Glas Bier mit Schaumkrone sei.

Klar: Das Auge täuscht hier unsere Sinne. Es vermischt bekannte Dinge miteinander, die tatsächlich nicht zusammengehören.

Lassen Sie sich nicht von der Perspektive täuschen

Auch in der Charttechnik kann es uns leicht passieren, dass wir aufgrund unserer Perspektive Dinge sehen, die durchaus zu einem Trugschluss führen können.

Ich möchte Ihnen das an dieser Stelle einmal anhand des Nasdaq 100 zeigen.

Beginnen wir mit einem Tages-Chart des Index, der die Kurs-Entwicklung der 100 nach Marktkapitalisierung größten US-Technologie-Firmen widerspiegelt:

Arithmetische oder logarithmische Chart-Darstellung?

nasdaq 100 arithmetisch und logarithmisch_06-06-2017

Nasdaq 100 in arithmetischer und logarithmischer Darstellung

Auf den ersten Blick scheinen sich die beiden Charts nicht zu unterscheiden: Es wird jeweils der Nasdaq 100 mit 3 immer steiler verlaufenden Trend-Linien abgebildet.

Erst ein Blick auf die Skalierung zeigt Unterschiede auf: Der linke Chart stellt den Nasdaq 100 in arithmetischer, die rechte Grafik in logarithmischer Form dar.

Das bedeutet:

  • Bei der arithmetischen Darstellung sind die Punkt-Abstände gleich: Ein Anstieg um 200 Punkte von 4.000 aus ist in der Grafik ebenso hoch wie derselbe Anstieg von 5.000 Zählern aus.
  • Im logarithmischen Chart sind hingegen die prozentualen Abstände stets gleich. Ein 200-Punkte-Anstieg von 4.000 aus entspricht einem Index-Plus von +5%. Von 5.000 aus sind es indes nur +4%. Hier ist eine Rallye um +5% von 4.000 aus genauso hoch wie das +5%-Plus von 5.000 Punkten aus.

Der Unterschied erscheint beim Nasdaq 100 nur marginal:

Doch ein ebenso großer Anstieg im Dow Jones von 1.000 und von 20.000 Punkten aus ergibt im ersten Fall +20% und im zweiten nur +1%!

Ich bevorzuge logarithmische Charts

Genau deshalb verwende ich bei meinen Analysen ausschließlich Charts in logarithmischer Darstellung.

Bei der Verwendung von Trend-Linien, wie von mir im Chart eingezeichnet ergeben sich so deutlichere Unterschiede:

Beim (linken) arithmetischen Chart könnte der Nasdaq 100 bis 5.000 Punkte abrutschen (rote Linie), ohne den Aufwärtstrend seit 2011 zu gefährden.

In der (rechten) logarithmischen Darstellung wäre ein Rückfall auf 5.000 Punkte bereits als Trend-Bruch (rote Linie) zu werten.

Quartalszahlen: US-Technologie-Aktien werden weiter marschierenNachdem inzwischen 90% der US-Firmen ihre Quartals-Berichte vorgelegt haben, lässt sich ein sehr positives Fazit ziehen. So sieht's aus: › mehr lesen

Zu kurz betrachtet?

Noch etwas suggeriert uns die oben gezeigte Darstellung – gleich ob arithmetisch oder logarithmisch:

Der Nasdaq 100-Verlauf der vergangenen 6 Monate ist derart steil, das uns der Index massiv überkauft erscheint.

Ändern wir noch einmal die Perspektive, diesmal auf Art von Google-Maps:

Sie kennen die Funktion des Heraus-Zoomens – der vergrößerte Karten-Ausschnitt hilft Ihnen dabei, die Lage des betrachteten Ortes innerhalb einer Region oder eines Landes einzuordnen.

Genau das machen wir jetzt mit dem Nasdaq 100: Wir vergrößern den zu sehenden Zeitabschnitt, um eine andere Perspektive zu erhalten:

Der Blick in die Historie verändert unsere Analyse-Ergebnisse

nasdaq 100 ab 2008_06-06-2017

Nasdaq 100: Bis zum Jahr 2019 könnte der Index über 10.000 Punkte klettern

In diesem Kursverlauf ist das Tief des Jahres 2009 Ausgangspunkt des noch heute gültigen Aufwärtstrends.

Der eingezeichnete Trend-Kanal macht Ihnen sichtbar: In dieser zeitlich ausgedehnten Perspektive ist der Nasdaq 100 keineswegs mehr „massiv überkauft“.

Im Gegenteil: Nach oben hin ist – rein theoretisch – ein Anstieg des Nasdaq 100 bis 2019 auf mehr als 10.000 Punkte denkbar.

Der US-Technologie-Index würde sich selbst dann noch innerhalb der Grenzen des eingezeichneten Trend-Kanals bewegen.

Selbst weniger ist schon viel mehr

Für den Fall, dass Ihnen das unwahrscheinlich erscheint, habe ich einmal den Anstieg von November 2012 bis Juli 2015 mit einer (roten) Aufwärtstrend-Linie versehen.

In dieser Zeit ist der Nasdaq 100 „nur“ nahezu parallel zum Trend-Kanal gestiegen:

Doch diese Rallye führte den Index bereits von 2.494 auf bis zu 4.694 Punkte: Ein Anstieg um +88%!

Die von mir eingezeichnete extrem lange Seitwärts-Bewegung (blau unterlegt) unterstreicht die ausgezeichnete Perspektive des Nasdaq 100 für die kommenden Jahre:

Es ist beinahe so, als wenn Sie die zusammengedrückte Metallspirale eines Kugelschreibers loslassen: Die Spirale springt Ihnen förmlich aus der Hand.

Der Ausbruch aus der rund anderthalb Jahre andauernden Seitwärts-Bewegung setzt völlig neue Nachfragekräfte frei:

Die Entwicklung seit Jahresende ist demnach erst der Anfang einer noch lang anhaltenden Aufwärts-Rallye.

Sie sehen: Auf die Perspektive kommt es an!


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Von: Andreas Sommer. Über den Autor

Andreas Sommer ist ein absoluter Börsen-Profi. Der gelernte Bankkaufmann war 10 Jahre als Wertpapierberater bei einer großen deutschen Bank tätig.