Nasdaq Composite: Kennen Sie dieses Signal?

Sujet Kurse

Wenn Sie die Aktienmärkte besser verstehen möchten, dann sollten Sie hinter die Kulissen schauen.

Der DAX reagiert auf die Verlängerung der Brexit-Hängepartie am vergangenen Wochenende überraschend gefasst. Allerdings kann sich auch der deutsche Leitindex auf Dauer nicht der Vorgabe der Wall Street entziehen.

An den US-Börsen hält sich die Euphorie derzeit tatsächlich in engen Grenzen. Warum das so ist, zeige ich Ihnen heute einmal am Beispiel des Nasdaq Composite anhand eines weniger bekannten Signals.

Durch Studien belegtes Verkaufsmuster

William J. O’Neill ist nicht nur Gründer und Betreiber der Börsenzeitung „Investors Business Daily“ sowie der gleichnamigen Internet-Plattform. Aus seiner Feder stammen auch zahlreiche, höchst lesenswerte Bücher zum Handel mit Aktien.

In seinem Werk„5 Schritte zum Börsenerfolg“ stellte O’Neill die von ihm entwickelte Methode der „Zählung der Distributionstage“ vor. Die englisch-sprachige Originalausgabe erschien übrigens im Jahr 2004 unter dem Titel „The Successful Investor“ („Der erfolgreiche Investor“).

O’Neill studierte intensiv jedes Top des Aktienmarktes in der Zeit von 1954 bis 2004. Dabei fiel ihm ein sich wiederholendes Muster ins Auge: Die „Distributionstage“.

Die Distributionstage-Methode

Und so funktioniert die O’Neill’sche Methode:

Ein Distributionstag liegt dann vor, wenn ein Markt um mehr als -0,2% gegenüber dem Vortag fällt und gleichzeitig der Umsatz den des Vortages übersteigt. Das lässt sich in einem Chart recht einfach überprüfen.

Mindestens 4 Distributionstage innerhalb eines Zeitraums von 2 bis 4 Wochen signalisieren Ihnen einen möglichen, bevorstehenden Trend-Wechsel. Je mehr Distributionstage, umso „sicherer“ ist das Warnsignal.

Ein Tag als Investmentfonds-Manager

Um die Hintergründe dieser Betrachtungsweise besser zu verstehen, schauen wir einmal darauf, wie ein Großinvestor arbeitet.

Nehmen wir einmal an, Sie wären Manager/in eines großen Aktien-Investmentfonds. Das von Ihnen zu verwaltende Anlagevolumen beträgt mehrere Milliarden US-Dollar.

Stellen Sie sich nun vor, Sie hielten in Ihrem Fonds eine bedeutende Position in einer einzelnen Aktie. Unterstellen wir weiter, diese Position war zum Zeitpunkt Ihres Einstieges rund 500 Mio. USD wert. Inzwischen liegt der Wertzuwachs bei +30% (= 650 Mio. USD).

Sie beschließen daher, die Hälfte Ihrer Position zu verkaufen: Überdies macht sich ein realisierter Gewinn in solcher Größenordnung hervorragend in dem in Kürze anstehenden Rechenschaftsbericht.

Wie gehen Sie also vor?

Der Verkauf einer Position in Höhe von 325 Mio. USD ist kein Pappenstiel. Insbesondere, wenn wir einmal annehmen, dass börsentäglich im Durchschnitt Anteile dieser Aktie im Volumen von rund 4 Mio. USD den Besitzer wechseln.

Ein Komplett-Verkauf würde daher mit hoher Wahrscheinlichkeit einen Kursrutsch auslösen: Schließlich beobachtet auch die Konkurrenz Ihre Aktionen am Markt.

Daher veräußern Sie die Aktien über mehrere Tage verteilt in kleineren Paketen: Das bezeichnet O’Neill als Distribution.

Warum Aufwärtstrend fast nie abrupt enden

Ich habe es schon unzählige Male geschrieben: In einem gesunden Aufwärtstrend überwiegen die Kauf-Aktivitäten (Nachfrage) die Verkaufs-Aktivitäten (Angebot).

Deswegen bilden Aufwärtstrends auch immer höher liegende Hoch- und Tiefpunkte aus. Kippt die Relation zugunsten des Angebots, dann zeichnet sich das Ende einer Aufwärtsbewegung ab.

Das ist genau der Grund, warum Aufwärtstrends praktisch nie abrupt von einem Tag auf den anderen enden. Die Ausbildung eines Markthochs ist vielmehr ein Prozess, der sich innerhalb von einigen Wochen vollzieht – die Großinvestoren bauen nach und nach ihre Positionen ab.

6 Distributionstage in 4 Wochen

An jedem dritten Freitag eines Monats verfallen die Optionen an den Aktienmärkten. Im letzten Monat eines Quartals gesellen sich noch die endenden Futures-Kontrakte hinzu.

Deshalb wird dieser Tag auch gerne als Hexensabbat bezeichnet. Da zu solchen Terminen sehr viele Aktien den Besitzer wechseln, sind die Umsätze an diesen Tagen nicht selten sehr hoch.

Daher berücksichtige ich die Verfallstermine nicht bei der Zählung der Distributionstage. Im Chart habe ich diese mit grünen Vertikalen unterlegt.

Damit genug der Vorworte: Schauen wir uns den Nasdaq Composite einmal näher an. Dieser Index spiegelt die Kursentwicklung von rund 3.000 US-Technologieaktien wider und ist damit extrem breit aufgestellt.

Nasdaq Composite: 6 Distributionstage in 4 Wochen

Die blauen Vertikalen zeigen Ihnen nun die Distributionstage. Die pinkfarbene Vertikale markiert den Zeitraum der vergangenen 4 Wochen.

Es fällt auf, dass in diese Spanne gleich 6 Distributionstage fallen. Das ist eine klare Bestätigung dafür, dass die Großinvestoren derzeit eher auf der Verkaufsseite agieren.

Großinvestoren verkaufen tendenziell Technologieaktien

Schauen wir zum Abschluss noch auf einen weiteren Chart des Nasdaq Composite. Diesmal habe ich Ihnen das On-Balance-Volumen (OBV) eingeblendet.

Nasdaq Composite: Großinvestoren verkaufen tendenziell Technologieaktien

Dieser Indikator verknüpft, wie Sie wissen, die täglichen Kursveränderungen auf Schlusskursbasis mit den Umsätzen. Ein steigender Indikator signalisiert Ihnen somit überwiegende Nachfrage.

Ein fallendes OBV weist hingegen auf Distribution, also auf verstärktes Angebot hin. Ich denke, der Chart spricht für sich.

Fazit

Zu wissen, was für ein Spiel hinter den Kulissen von den Großinvestoren getrieben wird, ist essentiell für Sie als Aktien-Anleger: Das „Big Money“ macht, treibt an und beendet Trends an den Finanzmärkten.

O’Neill hat uns mit seiner Methode der Zählung der Distributionstage ein mächtiges Werkzeug an die Hand gegeben. Für den Nasdaq Composite zeigt sich:

Mit derzeit 6 Distributionstagen innerhalb der vergangenen 4 Handelswochen signalisiert der große Bruder des Nasdaq 100, dass die Großinvestoren derzeit auf der Verkaufsseite stehen: Aktienkäufe sind mithin derzeit nicht ohne Risiko.

Das bestätigt uns auch das On-Balance-Volumen: Der Trend zeigt hier für den Nasdaq Composite bereits seit Ende Juli bergab.

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Andreas Sommer
Von: Andreas Sommer. Über den Autor

Andreas Sommer ist ein absoluter Börsen-Profi. Der gelernte Bankkaufmann war 10 Jahre als Wertpapierberater bei einer großen deutschen Bank tätig.

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