Negative Preise an den Rohöl-Märkten?

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Wie eine beschauliche Kleinstadt in Oklahoma plötzlich die Rohstoffmärkte durcheinander bringt. (Foto: John Williams RUS / Shutterstock.com)

Bis vor wenigen Tagen dürfte die Kleinstadt Cushing im US-Bundesstaat Oklahoma nur Cowboy-Fans und eingefleischten Anhängern von Countrymusik ein Begriff gewesen sein. Seit Montag hat sich das jedoch geändert. Seither steht Cushing mit seinen gerade mal 7.826 Einwohnern als Symbol für eine völlig verrückte Welt. Eine Welt, in der Preise für ein Barrel Rohöl plötzlich negative Werte annehmen können.

Negative Preise für ein Fass Öl?

Viel ist in den letzten beiden Tagen geschrieben worden über das, was am Montagabend an den Rohstoffmärkten zu beobachten war. Wer sich zunächst noch verwundert die Augen gerieben hatte, weil die Preise der Rohöl-Futures im Tagesvergleich plötzlich um 99% eingebrochen waren, glaubte wenige Minuten später, dass sein Kursdatenanbieter falsche Werte eingespeist hat. Da standen nämlich negative Preise. Bis zu 37,63 Dollar sollte man dafür bekommen, wenn man sich bereit erklärte, ein Barrel der Rohölsorte WTI (West Texas Intermediate), einer leichten, schwefel­armen Rohölsorte aus den USA, abzukaufen.

Schnell machten Witze die Runde von Menschen, die ein leeres Fass zur Tankstelle rollen wollten, um dem offenbar verzweifelten Tankwart noch rasch ein paar Liter Benzin abzunehmen. So ging das natürlich nicht, was uns wieder zur eingangs erwähnten Stadt Cushing bringt. Sie ist nämlich der Erfüllungsort sämtlicher Futures-Geschäfte mit WTI-Öl.

Futures kurz erklärt

Bei diesem Derivativ verpflichtet sich der Käufer eines Kontrakts, die in diesem spezifizierte Menge – ein Barrel – eines Basiswertes (WTI-Öl) an einem bestimmten Zeitpunkt – dem gestrigen Dienstag – und einem vorab festgelegten Kaufpreis zu erwerben. Wer nach Ablauf der Laufzeit noch im Besitz des Futures ist, ist also verpflichtet, ein Barrel Rohöl abzunehmen – und zu lagern. Und zwar in Cushing.

Darin bestand am Montag das Problem. Nach Schätzungen der Investmentbank Morgan Stanley liegt die maximale Lagerkapazität in den Tanks von Cushing bei etwa 80 Millionen Barrel, umgerechnet also bei etwa 13 Milliarden Litern. Diese reichen im Normalfall locker aus. Noch Mitte April waren in Cushing nach Angaben des US-Energieministeriums nur etwa 55 Millionen Barrel eingelagert. Doch im Zuge der COVID-19-Pandemie hat sich in den vergangenen Tage ein so gewaltiges Überangebot ergeben, dass die Kapazitäten schon in den kommenden Tagen vollständig gefüllt sein werden.

Wo nur lagern?

Für die Futures-Händler (und -Spekulanten) entsteht daraus ein Problem. Weil absehbar war, dass sie ihr erworbenes Rohöl in Cushing nicht lagern können, mussten sie ihre im April auslaufenden Kontrakte auf den darauffolgenden Fälligkeitsmonat „rollen“. Durch diesen Trick verschieben sie ihre Abnahme- und Lagerverpflichtung einfach um einen Monat nach hinten.

Weil auf diesen Ausweg so viele gleichzeitig gekommen sind und plötzlich jeder seine Abnahmeverpflichtung auf den Mai verschieben wollte, kam es zu der kuriosen Situation, dass der WTI-Preis erstmals in seiner Geschichte negative Werte annahm. Profitieren kann davon aber nur, wer die Auslieferungen tatsächlich entgegennehmen kann. Wer also über Lagerkapazitäten in Cushing verfügt.

Weitere Verwerfungen

Nach Auslaufen des Mai-Futures am gestrigen Dienstag richtet sich die Aufmerksamkeit der Öl-Investoren folgerichtig auf den Juni-Kontrakt. Da absehbar ist, dass die Lagerkapazitäten in vier Wochen nicht weniger angespannt sein werden als heute, sind mittlerweile auch hier erhebliche Verwerfungen zu beobachten. Allein gestern brachen die Rohöl-Preise um knapp 35% ein. Weitere Preisimplosionen sind, Marktbeobachtern zufolge, durchaus möglich. Die Nerven liegen blank am Ölmarkt, über einen Einstieg sollten seriöse Investoren noch nicht einmal nachdenken.

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Von: Peter Thilo Hasler. Über den Autor

Peter Thilo Hasler ist seit über 25 Jahren als Finanzanalyst tätig, zunächst für einige große Investmentbanken, seit 2010 in seiner eigenen Research-Firma. Als Analyst berät er namhafte Fondsmanagern und Vermögensverwalter weltweit.

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