Nike: Frühindikator einer gigantischen Fehleinschätzung?

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In Kürze beginnt die Quartalsberichtssaison in den USA: Die desaströsen Nike-Zahlen sind alles andere als beruhigend. (Foto: Mr.Raw / Shutterstock.com)

Am vergangenen Freitag kam es an der Wall Street zu einem kleinen Ausverkauf. Insbesondere die Titel, vor denen ich hier zuletzt mehrfach gewarnt hatte, gerieten deutlich unter Druck:

Die sogenannten FAANG-Aktien, also Facebook, Amazon, Apple, Netflix und Alphabet (früher Google) plus Microsoft verloren zwischen -2% und -8,3%. Unter den größten Verlierern waren überdies auffallend viele Banken und Finanzdienstleister, von denen einige mehr als -11% an Wert einbüßten.

Und dann war da noch der spezielle Fall von Nike, die nach unerwartet schlechten Quartalszahlen knapp -8% verloren. „Ausfälle“ wie Nike könnten sich bald mehren:

Denn in der zweiten Juliwoche bilden die Banken den Auftakt zur nächsten Quartalsberichtssaison!

Das Narrativ von der V-förmigen Erholung

Die unglaubliche Rallye, die wir seit den Märztiefs erlebt haben, beruht nicht zuletzt auch auf einem Narrativ (sinnstiftende Erzählung für eine Gruppe): Es ist die Mär von einer V-förmigen Erholung der globalen Wirtschaft nach einer überstandenen Corona-Krise.

Dieses Narrativ ist in der letzten Woche deutlich erschüttert worden: Zum einen durch die plötzlich in einigen, wirtschaftlich besonders bedeutsamen, US-Bundesstaaten wieder massiv angestiegene Zahl der Corona-Infizierten.

In der Konsequenz werden einige Lock-Down-Maßnahmen wiederbelebt oder noch bestehende Beschränkungen verlängert – zumindest jedoch verläuft hier die Wiedereröffnung nicht so reibungslos, wie vielfach unterstellt. Das hat selbstverständlich wirtschaftliche Konsequenzen – vor allem für die Jobs anbietenden Unternehmen.

Das vielleicht prominenteste Beispiel ist Apple: Der Konzern hat aufgrund der gestiegenen Infektionszahlen in den betroffenen US-Bundesstaaten mit der (erneuten) Schließung von 32 Stores (Stand: 26. Juni 2020) reagiert.

Hat Nike „Vorbild“-Charakter?

Zum anderen war es der Quartalsbericht von Nike, der so manchen Investor geschockt haben dürfte: In dem just zu Ende gegangenen Jahresviertel (Geschäftsjahresende: 31. Mai) verbuchte der Sportartikelhersteller einen Umsatzeinbruch um sage und schreibe -38% von 10,1 auf 6,3 Mrd. USD!

Nike fuhr zudem einen Verlust von 790 Mio. USD oder 0,51 USD je Aktie ein. Im entsprechenden Vorjahresquartal hatte der Konzern noch 989 Mio. USD bzw. 0,62 USD je Aktie verdient. Das ist ein Negativ-Swing von -1,78 Mrd. USD beim Umsatz und -1,13 USD beim Ergebnis je Aktie!

Die 34 Analysten (Quelle: finance.yahoo.com) hatten im Konsens sogar einen Gewinn von 0,07 USD je Aktie bei einem Umsatz von 7,3 Mrd. USD erwartet. Wenn die Experten also schon bei Nike um 1 Mrd. USD beim Umsatz und 0,58 USD je Aktie bei Ergebnis danebenliegen, wie mag es dann um die noch ausstehenden Quartalszahlen bestellt sein?

Erinnern wir uns auch daran, dass der Lock-Down in den USA Mitte / Ende März begann. Nike ist damit eines der Unternehmen, dessen Zahlenwerk noch einen geringen Anteil an halbwegs „normalem“ Geschäftsverlauf beinhaltet: Die nun kommenden Geschäftsberichte beziehen sich mehrheitlich auf die Monate April bis Juni!

Genau deshalb könnte Nike ein Art Frühindikator dafür sein, was uns in der in Kürze beginnenden Quartalsberichtssaison erwartet.

Schockierender Niedergang der Gewinnerwartungen

Tatsächlich sind die Gewinnprognosen der Analysten für die US-Unternehmen alles andere als rosig. Damit widersprechen sie übrigens auch klar den Mainstream-Erwartungen der meisten Marktteilnehmer:

Die Gewinnschätzungen für das 2. Jahresviertel waren seit Ende März drastisch zurückgenommen worden: Im Januar 2020 einigten sich die Analysten für die 500 im S&P 500 enthaltenen Gesellschaften noch auf ein Ergebniswachstum von +3,0%.

Ende März, also mit Beginn des Lock-Downs, war der Konsens mit -5,2% schon spürbar eingetrübt. Seither sanken die Gewinnerwartungen der Analysten im Schnitt – ich hoffe, Sie sitzen gut – auf -44,2%!

Nicht viel besser sieht es bei den Prognosen für das Gesamtjahr 2020 aus: +7,9% Gewinnwachstum Anfang Januar, +5,3% Anfang März, -4,4% Anfang April, -19,6% Ende April. Aktuell liegt der Analysten-Konsens bei -24,2%. Nochmal: Für 2020!

Fazit

Das Fatale an den Nike-Quartalszahlen ist: Sie beinhalten noch gut 3 halbwegs „normale“ Geschäftswochen. Aber dennoch lagen die Experten – und wir reden hier immerhin von insgesamt 34 Analysten – mit ihrer durchschnittlichen Einschätzung heftig daneben!

In der zweiten Juliwoche startet der Reigen der US-Quartalsberichtssaison traditionell mit den Zahlenwerken von Alcoa und den Banken. Die heftigen Abschläge im gesamten Sektor am vergangenen Freitag – der DJ US Banken Index war mit einem Minus von -6,1% der sechstgrößte Tagesverlierer unter insgesamt 121 Branchen – lassen nichts Gutes erwarten.

Und nun kommt zu allem Übel auch noch die Corona-Krise in Gestalt massiv ansteigender Infektionszahlen in einigen wirtschaftlich wichtigen US-Bundesstaaten wie Florida, Texas und Kalifornien unerwartet heftig zurück.

Die daraus resultierenden Folgen werden sich natürlich erst in den kommenden Wochen in den Analysten-Prognosen für das 3. Quartal 2020 niederschlagen – ähnlich der Entwicklung bei den Erwartungen für das zweite Jahresviertel.

Angesichts der dargestellten „Evolution“ der Gewinnerwartungen für das 2. Quartal und das Gesamtjahr 2020 von Ende März bis heute ist für mich die gigantische Ignoranz der Marktteilnehmer in der seither laufenden Rallye umso erstaunlicher!

Fallen die Ergebnisse in der nun anstehenden Quartalsberichtssaison noch schlechter aus, als die schon jetzt deprimierenden Prognosen, dann dürfte dies den Anhängern des Narrativs einer „V“-förmigen Wirtschaftserholung einen gewaltigen Tiefschlag verpassen!

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Andreas Sommer
Von: Andreas Sommer. Über den Autor

Andreas Sommer ist ein absoluter Börsen-Profi. Der gelernte Bankkaufmann war 10 Jahre als Wertpapierberater bei einer großen deutschen Bank tätig.

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