Notstand in der Schweiz

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Am 16. März hatte der Bundesrat die außerordentliche Lage erklärt. Zwei Monate später, Mitte Mai, gab es die ersten Lockerungen. (Foto: Eisenhans - Adobe.com)

Lieber Value-Anleger,

am 16. März hat der Schweizer Bundesrat den Notstand ausgerufen, um der Ausbreitung des Coronavirus entgegenzuwirken.

Zuvor waren die verhängten Maßnahmen zu wenig umgesetzt worden. Das öffentliche Leben kam weitestgehend zum Erliegen. Neben Banken, Bahnhöfen, Hotels, Poststellen und Tankstellen dürfen lediglich Lebensmittelgeschäfte und Gesundheitseinrichtungen öffnen. Die Grenzen zu den Nachbarländern wurden geschlossen. Nur für Berufspendler und den Transit- und Warenverkehr sind sie durchlässig.

Wie ernst die Situation ist zeigt auch die Tatsache, dass die Armee mit der größten Mobilmachung seit dem 2. Weltkrieg zur Unterstützung der zivilen Behörden eingesetzt wird. Beispielsweise helfen Soldaten beim Sanitätsdienst, in der Pflege, bei Patientenüberwachungen, beim Aufbau temporärer Infrastruktur und unterstützen die kantonalen Polizeieinheiten. Um die Wirtschaft zu unterstützen wurde ein Hilfspaket über 42 Mrd. SFr verabschiedet. Es ist die größte Wirtschaftshilfe in der Schweizer Geschichte. Zum einen hilft der Staat mittels Bürgschaften für Bankkredite für Unternehmen mit akuten oder drohenden Liquiditätsproblemen.

Bis Mitte April hatten bereits 100.000 Unternehmen 16 Mrd. SFr abgerufen. Zum anderen wurden 14 Mrd. SFr für Kurzarbeitergeld zur Verfügung gestellt, bei dem der Staat einen Großteil der Personalkosten der Unternehmen übernimmt, um Entlassungen zu verhindern. Davon haben bis Mitte April 150.000 Unternehmen für 1,7 Mio. Angestellte, was rund 32% der Beschäftigten in der Schweiz entspricht, Gebrauch gemacht.

Vorerst zeigen die Maßnahmen zur Vorbeugung von Insolvenzen und Entlassungen Wirkung. Im April ist die Arbeitslosigkeit gegenüber März leicht von 2,9 auf 3,2% angestiegen. Die Wucht und Dynamik der Pandemie hatten die Schweiz wie viele andere Länder vollkommen unvorbereitet getroffen.

Am 20. Februar markierte der Aktienindex SMI ein neues Allzeithoch, und die Konjunkturforschungsinstitute hatten selbst Anfang März noch ein anhaltendes Wachstum prognostiziert. Das Staatssekretariat für Wirtschaft (SECO) war für 2020 von einem Wachstum von 1,2% ausgegangen, und für 2021 wurde ein Wachstum von 1,7% vorausgesagt. Aber diese Prognosen sind schnell zur Makulatur geworden.

Gemäß einer Umfrage des Wirtschaftsdachverbandes Economiesuisse sind den Unternehmen bereits jetzt im Schnitt bis zu 20% der Umsätze weggebrochen. Klar ist, je länger der Ausnahmezustand anhält, desto härter wird die Schweizer Wirtschaft getroffen, und die Liquiditätsprobleme der Unternehmen könnten zu Solvenzproblemen führen. Entscheidend ist aber nicht nur, wie schnell die Schweiz wieder in den Normalzustand zurückfindet, sondern aufgrund der starken wirtschaftlichen Verflechtungen auch die Nachbarländer und Handelspartner.

Die kurzfristigen Kosten der Corona- Pandemie für die Schweiz?

Die Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich (KOF) hat versucht, die kurzfristigen Kosten der Covid-19-Pandemie für die Schweizer Volkswirtschaft zu errechnen. Auf die mittel- bis langfristigen Kosten sind die Autoren der Studie aufgrund der Komplexität der Thematik und der vielen Variablen (Laufzeit der Lockdowns in den unterschiedlichen Ländern, Impfstoff, Konsumverhalten, Arbeitslosigkeit, Insolvenzen, Einschränkungen der Lieferketten, wie gelingt die schrittweise Rückkehr zur „Normalität“ etc.) bewusst nicht eingegangen.

Im Worst-Case-Szenario beziffert das KOF den Einbruch der Wertschöpfung gegenüber einer normalen Entwicklung auf 15%; einem Verlust von 35 Mrd. SFr. Selbst im günstigsten Fall würden sich die Kosten noch auf 22 Mrd. SFr belaufen. Den Szenarien wurden lediglich 2 Variablen (Laufzeit der restriktiven Maßnahmen und Ausmaß der Wirtschaftsabkühlung) zugrunde gelegt. Laut KOF sind es aber weniger die restriktiven Maßnahmen, die die Kosten verursachen.

Vielmehr gingen sie auf die krankheitsbedingten Arbeitsausfälle (abhängig von der Infektionsrate und der Anzahl der Quarantänefälle) infolge des Coronavirus, den internationalen Nachfragerückgang sowie gestörte Lieferketten zurück. Nicht überraschend, am stärksten werden die Branchen Handel, Verkehr, Tourismus und Gastronomie mit Rückgängen zwischen 15 und 25% getroffen. In der Industrie sind die Folgen für die Textil- und Metallindustrie am höchsten. Robuster zeigen sich das Baugewerbe, die Pharmabranche und die Nahrungsmittelindustrie.

Schweizer Unternehmen im Lackmustest der Krise

Mobilezones Deutschlandgeschäft mit seinen Online-Handyplattformen könnte von der Pandemie profitieren, dafür musste der Konzern in der Schweiz Filialen schließen. Ob die Dividende angesichts der niedrigen Eigenkapitalquote aufrechterhalten werden kann, scheint fraglich. Das Gleiche gilt für Sunrise. Beide Unternehmen weisen Dividendenrenditen von mehr als 5% auf. Als krisenimmun erweist sich IVF Hartmann. Bei IVF ist die Nachfrage nach Desinfektionsmaterialien, Masken, Handschuhen und Bekleidung sprunghaft angestiegen. Aufgrund eines neuen Steuerregimes der OECD wird die erhöhte Nachfrage aber nicht zu höheren Gewinnen führen.

Auch Tecan als Laborausrüster gehört zu den Gewinnern und rechnet für 2020 mit einem Wachstum im unteren zweistelligen Bereich. Die Bewertung nimmt aber viel vorweg. Stark getroffen von der Krise wird Calida, nachdem sich das Unternehmen 2019 gut entwickelt hat. Die Filialen wurden geschlossen, die Hoffnungen ruhen auf dem Onlinehandel. Die Dividende wurde gestrichen, um die Liquidität zu schonen. Auch der Flughafen Zürich hat die Dividende gestrichen, nachdem das Fluggeschäft zum Erliegen kam. Über Mieteinnahmen werden aber noch Umsätze erzielt.

Titlis-Bahnen musste den Betrieb ganz einstellen. Die hohe Eigenkapitalquote von 87,7% gibt aber ein Sicherheitspolster. Die Dividende wurde trotz des Gewinnrückgangs auf Vorjahresniveau gehalten. Bossard bleibt einer unserer Favoriten, auch wenn der jahrelang anhaltende Rekordkurs ein Ende gefunden hat. Bereits vor der Corona-Krise hatte sich die Nachfrage der Industriekunden abgeschwächt. Künftig will sich der Konzern noch stärker als Service-Dienstleister positionieren und hat dafür eine Reihe neuer Wachstumsinitiativen gestartet. Das KGV ist gemessen an den Gewinnen der vergangenen 5 Jahre niedrig.

Belimos Aktie hat sich im aktuellen Börsenumfeld gut gehalten. Für 2019 wurden neue Rekordergebnisse präsentiert und die Dividende um 50% angehoben. Mit einem KGV von mehr als 40 ist der Titel aber auch ambitioniert bewertet.

Ich wünsche Ihnen allzeit gute Investments.

Ihr Volker Gelfarth

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Volker Gelfarth
Von: Volker Gelfarth. Über den Autor

Der Diplom-Ingenieur lernte die Schwächen und Stärken eines Unternehmens selbst als Manager kennen, bevor er sich voll und ganz der Value-Analyse widmete. Er ist Chefredakteur für die Dienste Aktien-Analyse, Gelfarths Dividenden-Letter, Gelfarths Premium-Depot und Strategisches Investieren.

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