Erdöl: Wird der Preis langsam heiß?

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Andreas Sommers Meinung: Folgen Sie lieber den Ergebnissen Ihrer Chart-Analysen, als den – oft sogar widersprüchlichen – Experten-Ansichten! (Foto: William Potter / shutterstock.com)

Soeben hat die OPEC (Organisation Erdöl exportierender Länder) ihren einmal pro Jahr erscheinenden World Oil Outlook (Weltausblick für Öl) veröffentlicht.

Darin wurden die mittel- und langfristigen Voraussagen zur Entwicklung der Schieferöl-Produktion angehoben.

Die EIA (US-Energie-Informations-Verwaltung), die Statistik-Behörde des amerikanischen Energie-Ministeriums, meldete sich ebenfalls gestern zu Wort:

Das Amt erwartet für 2018, dass das Angebot bei Öl höher ausfallen wird, als die Nachfrage.

Last not least gab das API (Amerikanisches Erdöl-Institut) am Dienstagabend für die zurückliegende Woche gesunkene Rohöl-Reserven bekannt.

Die Aussagen waren mithin langfristig positiv, mittelfristig negativ und kurzfristig positiv für den Ölpreis. Doch was machen Sie nun daraus?

In den Charts ist „alles drin“

Was mich stets für die Charttechnik begeistert hat, war die Unabhängigkeit von derartigen Aussagen und Einschätzungen.

Schließlich spiegeln sich in den Marktpreisen alle Einschätzungen, Meinungen und Prognosen der Anleger wider.

Denn, sind wir einmal ehrlich: Sie investieren doch auch nur dann in einen Markt, wenn Sie davon überzeugt sind, dass Sie dabei Geld verdienen werden / können.

Und ebenso würden Sie verkaufen, wenn Sie befürchten, Verluste einzufahren oder bereits angesammelte Gewinne wieder abgeben zu müssen – aus welchen Gründen auch immer.

Daher können Sie die in den einschlägigen Medien veröffentlichten Meldungen zu den Finanzmärkten weitgehend ignorieren.

Wenn Sie davon lesen, sehen oder hören, haben die Börsen eh schon darauf reagiert.

Ein Blick auf den Ölpreis

Also: Sparen Sie sich die Zeit und investieren Sie diese stattdessen besser in die Analyse der Charts, die Sie gerade interessieren!

Genau das wollen wir heute mit dem Ölpreis tun.

Dazu habe ich einen Chart vorbereitet, der Ihnen den Kursverlauf des Brent Crude Oil-Futures zeigt. Im unteren Teil habe ich das 50-Tage-Momentum eingeblendet.

Das Momentum gibt Ihnen bekanntlich Aufschluss über den Schwung und die Dynamik einer Kursbewegung.

Falls Sie mit diesem Indikator nicht so vertraut sind, dann sollten Sie den folgenden Abschnitt lesen. Ansonsten dürfen Sie ihn gerne „überspringen“.

Einige Besonderheiten zum Momentum

Werte oberhalb der Null-Linie zeigen Ihnen eine positive Kursdynamik an. Dreht der Indikator ins Minus, ergibt sich ein negativer Preisschwung.

2 Besonderheiten gibt es beim Momentum zu beachten:

  1. Der Schwung-Indikator muss nicht zwangsläufig steigen oder fallen, um eine erhöhte Kursdynamik anzuzeigen: Der Markt kann beispielsweise auch bei einem sich seitwärts im positiven Bereich bewegenden Momentum durchaus kräftig steigen, wenn sich diese Seitwärts-Bewegung auf einem hohen Niveau vollzieht.
  2. Der Indikator-Verlauf kann mit Hilfe von Trend-Linien analysiert werden. So werden Trend-Wechsel-Signale nicht selten noch VOR dem Entstehen im Kursverlauf generiert. Zudem neigt auch das Momentum zur Ausbildung von Widerständen oder Unterstützungen.
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Öl aktuell: Der Preis wird langsam heiß

Doch nun zur Chart-Analyse:

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Öl aktuell: Der Preis wird langsam heiß.

Beginnen wir mit dem Überblick: Der Ölpreis hatte den im Jahr 2014 begonnenen Abwärts-Trend im April des vergangenen Jahres nach oben verlassen.

Auf der rechten Seite der Grafik erkennen Sie, dass der Ölpreis in den letzten Wochen – gemessen ab dem genannten Trend-Bruch – neue Hochs erreicht hat.

Daraus wiederum resultieren der langfristige Aufwärts-Trend und der dazugehörige Trend-Kanal (grüne Linien).

Zudem hat sich seit dem Sommer 2017 ein weiterer, steiler verlaufender Aufwärts-Trendkanal ausgebildet (gestrichelte grüne Linien).

Aus diesem war der Ölpreis zu Wochenbeginn nach oben ausgetreten.

Ein weiterer Vorteil des Momentums ist übrigens: Sie können, wie im Kursverlauf, auch dort Trend-Linien einzeichnen.

Trend-Brüche generieren dann Kauf- bzw. Verkaufs-Signale. Im Chart habe ich diese einmal exemplarisch mit grünen und roten vertikalen Balken versehen.

Auch das 50-Tage-Momentum hat soeben ein neues Hoch ausgeprägt (gelber Kreis) und damit den Aufwärts-Trend sowohl im Indikator selbst, als auch im Ölpreis bestätigt.

Allerdings: Die pinkfarbene Horizontale im Momentum macht sichtbar, dass der Indikator nun einen langfristigen Widerstand anvisiert.

Fazit und Empfehlung

Kombinieren wir nun die herausgearbeiteten Faktoren miteinander:

  • Wir sehen im Ölpreis derzeit eine Übertreibung, die durch den Austritt aus dem Trend-Kanal angezeigt wird.
  • Die Annäherung des 50-Tage-Momentums an einen Widerstand lässt eher geringes Gewinn-Potenzial erwarten.
  • Das letzte Kaufsignal (durch das Momentum) datiert von Anfang August. Der Aufwärts-Trend ist also schon etwas „in die Tage gekommen“.

Solange der Trend im 50-Tage-Momentum noch aufwärts weist, könnten bestehende Öl-Long-Investments gehalten werden.

Erste Gewinne könnten bei Erreichen des horizontalen Widerstands mitgenommen werden.

Wird der Aufwärts-Trend im Momentum nach unten verlassen, dürfen Sie mit einer Korrektur des Ölpreises rechnen.

Geben Sie es ruhig zu:

Die Charttechnik ist doch wohl eine wesentlich effizientere Methode, als Investment-Entscheidungen aufgrund von (nicht selten widersprüchlichen) Experten-Einschätzungen zu treffen!?


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Andreas Sommer
Von: Andreas Sommer. Über den Autor

Andreas Sommer ist ein absoluter Börsen-Profi. Der gelernte Bankkaufmann war 10 Jahre als Wertpapierberater bei einer großen deutschen Bank tätig.