Ölpreis-Crash: Bald 45 Dollar je Barrel?

Wohin geht der Ölpreis? Kaum eine Frage erhitzt die Gemüter an den Rohstoffmärkten so sehr wie diese. Die Prognosen der Experten bieten einen bunten Mix von Konsolidierung über Crash bis hin zum explosiven Preisanstieg.

All das scheint denkbar. Es kommt dabei im Wesentlichen auf zwei Faktoren an: Erstens, über welchen Zeitraum wird gesprochen? Geht es um die nächsten Wochen, Monate, Jahre oder Jahrzehnte? Und zweitens, welche Rahmenbedingungen werden angenommen?

Opec bestimmt die Rahmenbedingungen

Bezüglich der Rahmenbedingungen spielt vor allem die Opec, also die Organisation Öl exportierender Staaten, eine entscheidende Rolle. Über eine Drosselung der Fördermengen oder eine Quotenregelung könnte sie den Ölpreis in die Höhe treiben.

Das tut sie bislang aber nicht – wohl auch deshalb, um der aufstrebenden Fracking-Industrie in den USA das Leben schwer zu machen.

Die teure und nicht unumstrittene Technologie sorgt für eine Überproduktion und trägt zum Preisverfall bei. Sie macht die USA unabhängiger von den Opec-Staaten. Doch die Rechnung geht nur so lange auf, wie sich die neuen Förderfirmen halten können. Einige von ihnen gehen angesichts des Preisverfalls bereits in die Knie.

Preisstabilisierung – zu früh gefreut?

Immerhin hat sich der Ölpreis binnen weniger Monate mehr als halbiert und sackte von einst mehr als 100 zwischenzeitlich unter die Marke von 50 Dollar je Barrel der Sorte Brent.

Mittlerweile hat sich der Preis wieder gefangen, das Barrel wird wieder mit mehr als 60 Euro gehandelt. Ähnlich sieht der Kurvenverlauf bei der Sorte WTI aus. Doch damit könnte bald schon wieder Schluss sein, wie eine aktuelle Studie von Goldman Sachs warnt.

Die Rechnung der Analysten ist einfach: Der jüngste Preisanstieg basiert auf der Annahme, dass die Ölförderung in den USA aufgrund des vorangegangenen Preisverfalls deutlich zurückgeht, wodurch die Überproduktion verringert und das Verhältnis von Angebot und Nachfrage wieder ausbalanciert wird.

Allerdings scheint in diesem Fall die Spekulation auf künftige Effekte verfrüht: Durch den vorweggenommenen Preisanstieg fällt die Selbstregulierung womöglich aus, die US-Firmen können bei einem Preis von 60 Dollar je Barrel weiter fördern und somit die Überkapazitäten noch verschärfen.

Goldman Sachs warnt vor erneutem Preiscrash

Unterm Strich rechnen die Experten von Goldman Sachs mit einem erneuten Kurseinbruch. Sie sehen den Ölpreis bis Oktober auf 45 Dollar zurückfallen. Danach könnte ihrer Einschätzung nach eine schrittweise Erholung einsetzen, die den Preis je Barrel im Jahr 2016 wieder auf 55 bis 60 Dollar ansteigen lassen würde.

Industriekonzerne könnten sich demnach auf eine weitere Runde des unverhofften „Konjunkturprogramms“ einstellen: Der niedrige Ölpreis hat bereits in den vergangenen Monaten zu rückläufigen Produktionskosten und somit steigenden Unternehmensgewinnen beigetragen.

Auch Autofahrer an der Zapfsäule dürfen sich über eine Entlastung ihres Budgets freuen. Das sollten sie auch tun, solange es geht – denn langfristig erwarten Beobachter einen Preisanstieg des Erdöls, der noch deutlich über das hohe Niveau von Mitte letzten Jahres hinausgeht.

23. Mai 2015

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Von: David Gerginov. Über den Autor

David Gerginov publizierte unter anderem zum Thema Schuldenbremse und beschäftigt sich heute mit allen Fragen rund um Wirtschaft, Politik und Finanzen.

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