Ölpreis: Eine Falle, so alt wie die Börse selbst

Der Ölpreis schlug in den vergangenen Tagen wieder einmal Kapriolen:

Am Mittwoch markierte der Brent Crude Oil-Future mit 27,10 USD pro Barrel ein X-Jahrestief. Am Tag darauf folgte eine +6,9%-Erholung, die am Freitag mit einem Plus von +8,0% fortgesetzt wurde.

Zu Beginn dieser Handelswoche wurden die schnellen Gewinne gleich wieder abgeschöpft: Es ging um -6,4% in den Keller. Nachdem der Ölpreis heute Morgen zunächst weiter abzustürzen drohte, bewegt er sich inzwischen wieder im Plus-Bereich.

Aufgemerkt, wenn die Medien-Präsenz allzu hoch ist

In den Finanz-Medien findet die Entwicklung beim „schwarzen Gold“ natürlich große Beachtung: Rekorde vermelden zu können, zieht nun mal Aufmerksamkeit.

Auf der anderen Seite ist eine starke Präsenz in den Medien stets auch ein wertvoller Hinweis für den aufmerksamen Investor. Sie dokumentiert nämlich, dass sich viele Anleger mit diesem Thema auseinandersetzen:

Es werden oft unglaubliche Prognosen auf den Markt geworfen, die nun auch Anlegern die vermeintliche „Sicherheit“ verleihen, doch noch mit einem Investment viel Geld verdienen zu können, bei dem man den Trend komplett oder weitgehend verpasst hat.

Ein paar Beispiele gefällig?

Der Chef des russischen Ölkonzerns Lukoil sagte am Freitag, der Ölpreis könnte auf 25 USD pro Barrel fallen.

Am 11. Januar 2016 reduzierte Morgan Stanley seine Prognose für den Ölpreis auf bis zu 20 USD pro Barrel.

Das Finanzunternehmen Standard Chartered hält sogar einen Rückgang des Ölpreises auf durchschnittlich 10 USD je Barrel für möglich.

Die Falle der Großinvestoren schnappt immer wieder zu

Was hier abläuft ist ein Spiel, das so alt ist, wie die Börse selbst:

Wenn Großinvestoren mit einem Trend viel Gewinn angehäuft haben, dann geht es in der Endphase darum, diese Gewinne auch zu realisieren. Dazu stellen die Großanleger ihre Fallen auf.

So funktioniert die Falle

Da es sich in der Regel um riesige Positionen handelt, müssen viele private Käufer gefunden werden. Um die Transaktion zu bewerkstelligen, müssen zudem Käufer gefunden werden, die (verzeihen Sie mir den Ausdruck) „dumm“ genug sind, diese Positionen auch zu übernehmen.

Dies geschieht natürlich nur, wenn das Angebot für die Käufer auch extrem verlockend ist. Daher werden ganz geschickt über die Finanz-Medien schier unglaubliche Kursziel-Prognosen lanciert.

Und sie klingen außerordentlich real, da der Ölpreis ja schon demonstriert hat, wie stark er fallen kann und sie überdies bestens begründet sind:

Beim Ölpreis haben wir ein schier überschwellendes Angebot, da die OPEC ihre Förderquoten nicht senkt, die USA durch ihr Fracking zu einem gleichgewichtigen Ölanbieter herangewachsen sind und der Iran sich nach jahrelangem Embargo nun auch noch wieder Hoffnung auf eigene Öllieferungen an den Weltmarkt machen darf.

Und das sind nur die wichtigsten Argumente.

Falle funktioniert im Aufwärtstrend genauso wie im Abwärtstrend

Wenn – in diesem Fall – die Short-Positionen im Öl von den Großinvestoren auf die Privatanleger umgewälzt sind, zündet das „Big Money“ den nächsten Aufwärtstrend.

Nach einem ausgedehnten Aufwärtstrend stellen die Großinvestoren ihre Fallen übrigens genauso auf, nur mit umgekehrten Vorzeichen:

Als der Ölpreis 2008 mit 147,50 USD sein Allzeithoch markierte, kursierten Kursziel-Prognosen von 300 USD je Barrel und mehr. Als der Goldpreis 2011 knapp unter 2.000 USD gipfelte, machten Kursziel-Prognosen von 4.000 und 5.000 USD pro Feinunze die Runde.

Ruhe bewahren, Charttechnik befragen!

Wie Sie als langjähriger Leser von Chartanalyse-Trends wissen, registriere ich solche Prognosen lediglich als Beitrag zur Einschätzung des Anlegerverhaltens, ganz wie oben beschrieben.

Schauen Sie nun einmal auf den historischen Chart des Brent Crude Oil-Future:

brent crude oil-future seit 1998-26-01-2016

Brent Crude Oil-Future: Untere Trendkanal-Begrenzung erreicht

Trendkanal offenbart Erstaunliches

Wenn Sie die Tops der Jahre 2008 und 2012 miteinander verbinden und eine Parallele durch das Tief vom Dezember 2008 ziehen, dann ergibt sich etwas Verblüffendes.

Der Ölpreis hat nämlich in der vergangenen Woche exakt auf der unteren Begrenzung des daraus resultierenden Trendkanals aufgesetzt (blauer Kreis)!

Ebenfalls typisch für einen Abwärtstrend: Der Ölpreis hat damit eine ABC-Korrektur durchlaufen, die Sie immer wieder nach ausgedehnten Aufwärtstrends finden. Ich habe 2 ähnliche Korrekturen im Chart durch grüne Linien markiert.

Momentum generiert zartes Kaufsignal

Schauen wir zum Abschluss noch auf den Tageschart:

brent crude oil-future tages-chart-26-01-2016

Brent Crude Oil-Future mit 50-Tage-Momentum

Zugegeben: Dies ist noch ein recht vages Kaufsignal. Immerhin dürfen wir einen Bruch des seit Anfang November bestehenden Abwärtstrends konstatieren.

Ich bin sehr gespannt, ob sich das Tief der letzten Woche tatsächlich als Endpunkt des seit dem Sommer 2014 anhaltenden Abwärtstrends erweist.

Und Sie tun bitte eines nicht: Tappen Sie nicht auch noch in die von den Großinvestoren aufgestellte Falle!

26. Januar 2016

© Verlag für die Deutsche Wirtschaft AG, alle Rechte vorbehalten
Von: Andreas Sommer. Über den Autor

Andreas Sommer ist ein absoluter Börsen-Profi. Der gelernte Bankkaufmann war 10 Jahre als Wertpapierberater bei einer großen deutschen Bank tätig.

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