Erdöl: 20% Kurs-Potential trotz voller Öllager?

Schießt der Ölpreis bis zum Jahresende um 20% in die Höhe? Zumindest ein UBS-Analyst geht davon aus. Hier erfahren Sie Näheres: (Foto: John Williams RUS / Shutterstock.com)

Sind die Zeiten der günstigen Tankfüllung schon bald vorbei?

Ein Analyst der Schweizer Großbank UBS rechnet zumindest mit einem deutlichen Anstieg des Ölpreises in der 2. Jahreshälfte.

Demnach sei eine Notierung von 58 US-Dollar je Barrel der Sorte WTI sowie 60 Dollar für die Sorte Brent bis zum Jahresende möglich.

Das entspräche einem Anstieg um rund 20% im Vergleich zu dem Niveau, auf dem sich der Ölpreis in letzter Zeit bewegt hat.

Steigende Nachfrage, sinkende Lagerbestände?

Seine ambitionierten Prognosen begründet der Experte mit der Einschätzung, dass im 3. Quartal das Angebot weniger stark anziehen werde als die weltweite Nachfrage nach dem Rohstoff.

Dadurch dürften die Lager-Bestände sinken, was den Ölpreis vorantreiben würde. Greift dieser Mechanismus, erscheint das Szenario durchaus denkbar.

Allerdings hat sich in den vergangenen 3 Jahren seit Beginn des Preisverfalls gezeigt, dass alte Regeln nicht mehr gelten, oder zumindest nicht mehr so zuverlässig greifen wie früher.

So hatten die OPEC-Staaten gemeinsam mit weiteren Ländern im vergangenen Herbst einen Kompromiss vereinbart.

Danach soll die Ölfördermenge insgesamt täglich um 1,8 Mio. Barrel gedrosselt werden. Erstaunlich konsequent wurde diese Vereinbarung seit Jahresbeginn in die Tat umgesetzt und erst kürzlich bis Ende März 2018 verlängert. Doch die von der OPEC erhoffte Rally blieb aus.

Zwar schoss der Ölpreis unmittelbar nach dem Kompromiss ein Stück weit in die Höhe und konnte sich seither etwas stabilisieren.

Aber die immense Marktmacht, die die OPEC einst hatte, als sie den Preis dominieren und lenken konnte, ist offenkundig vorbei.

Marktmacht der OPEC klar begrenzt

Der Grund dafür liegt auf der Hand – bzw. in den USA: Dort haben sich inzwischen etliche Firmen auf das umstrittene Fracking-Verfahren spezialisiert.

Mit der eigenen Ölgewinnung will sich die Supermacht unabhängiger machen von Ölimporten aus der Golfregion.

Und das gelingt auch, zu Lasten des Ölpreises, der wegen der Überproduktion seit dem Spätsommer 2014 von über 110 Dollar je Barrel auf zeitweise unter 30 Dollar Anfang 2016 abgestürzt war.

Erst der OPEC-Kompromiss im vergangenen Herbst konnte den Markt etwas beruhigen: Monatelang bewegte sich der Ölpreis anschließend seitwärts, das Barrel der Sorte Brent konnte sich oberhalb der 50-Dollar-Linie behaupten – bis Anfang Mai.

Seither tut sich der Ölpreis wieder schwerer, fällt immer wieder zurück und kämpfte zuletzt wieder mit der Marke von 50 Dollar.

Ausblick und Fazit

Insofern bräuchte es schon eine substanzielle Veränderung auf der Nachfrage-Seite, um eine solche Rally auszulösen, wie sie von Experten wie dem UBS Analysten vorhergesagt wird.

Ausgeschlossen ist das freilich nicht, doch als sicher gelten kann es ebenso wenig. Zumindest vorerst können Autofahrer also auch weiterhin günstig Sprit zapfen.

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Von: David Gerginov. Über den Autor

David Gerginov publizierte unter anderem zum Thema Schuldenbremse und beschäftigt sich heute mit allen Fragen rund um Wirtschaft, Politik und Finanzen.