Ölpreis vor brutalem Kollaps: Warum die wilde Ölflut kein Ende nimmt

Kaum ein Rohstoff hat die Märkte in den vergangenen Monaten so sehr auf Trab gehalten wie das Erdöl.

Der Preissturz hat längst dramatische Ausmaße angenommen.

Innerhalb eines Jahres hat sich der Ölpreis mehr als halbiert von gut 120 Dollar je Barrel der Sorte Brent im Frühsommer 2014 auf unter 60 Dollar im Sommer 2015.

Doch damit nicht genug: Zeitweise fiel der Preis auch in Richtung 40 Dollar und darunter.

Wer nun meinte, damit sei das Ende der Fahnenstange erreicht, wurde vergangene Woche eines Besseren belehrt:

Mit unter 35 Dollar je Barrel fiel der Ölpreis auf den tiefsten Stand seit mehr als einem Jahrzehnt.

Die Gründe dafür sind vielschichtig und doch offensichtlich: Der Preiskampf der OPEC gegen die Konkurrenz aus den USA, politische Spannungen zwischen Schwergewichten innerhalb der OPEC und die konjunkturelle Entwicklung in China.

Konkurrenzkampf: OPEC gegen US-Fracking

Die USA versuchen seit einiger Zeit, sich von den Öl exportierenden Staaten der arabischen Länder unabhängiger zu machen.

Mangels eigener Ölvorkommen, die so einfach angezapft werden könnten, setzt die Supermacht daher auf die ebenso kostspielige wie umstrittene Fracking-Methode.

Dadurch steigt das globale Erdöl-Angebot, die Preise fallen.

Doch Fracking ist teuer und schlichtweg nicht rentabel angesichts des anhaltend niedrigen Ölpreises, den OPEC-Großmächte wie Saudi-Arabien vergleichsweise leicht verschmerzen können.

Geopolitische Spannungen: Saudi-Arabien vs. Iran

Apropos OPEC-Großmächte: Nachdem in Saudi-Arabien kürzlich mehrere schiitische Geistliche hingerichtet wurden, eskaliert der zuvor stets schwelende Konflikt mit dem Iran dramatisch.

Die Saudis brachen zunächst die diplomatischen Beziehungen ab und zogen ihre Botschafter aus dem Iran ab, kurz darauf folgte auch der Bruch in den Wirtschafts-Beziehungen.

Dies ist eine Gemengelage, die sowohl steigende als auch fallende Ölpreise zur Folge haben kann: In der Vergangenheit haben geopolitische Spannungen meist zu einem Preisanstieg des Rohstoffs geführt.

Nun aber könnten Saudi-Arabien und der Iran versuchen, sich gegenseitig durch anhaltend niedrige Ölpreise in die Knie zu zwingen. Beide Staaten sind wirtschaftlich stark abhängig vom Ölexport.

Um Minder-Einnahmen zu kompensieren, zeigt man sich im saudischen Königshaus mittlerweile offen für einen Börsengang des weltgrößten, aber bislang staatlichen Ölkonzerns Aramco.

Dadurch könnte einerseits die Staatskasse aufgebessert werden, andererseits wären niedrige Ölpreise auf diese Weise länger verkraftbar.

China als Unsicherheits-Faktor im neuen Jahr

Ein weiterer Faktor, der für weiterhin billiges Öl spricht, ist neben dem massenhaften und weiter steigenden Angebot einerseits auch die sinkende Nachfrage andererseits.

So ist für den jüngsten Preissturz nicht zuletzt China verantwortlich. Die dortige Industrie entwickelt sich zunehmend schlechter, die Wachstums-Raten gehen immer weiter zurück. Das schmälert den Rohstoff-Bedarf des weltgrößten Ölverbrauchers.

China könnte sich insgesamt als einer der größten Unsicherheits-Faktoren im neuen Jahr erweisen, denn die dortige Konjunktur-Schwäche wirkte sich nicht nur auf den Ölpreis, sondern auch auf die Börsen weltweit aus.

Dies hat der dramatische Jahresauftakt an den Finanzmärkten in Peking und Tokio, aber auch in Europa und den USA verdeutlicht.

15. Januar 2016

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Von: David Gerginov. Über den Autor

David Gerginov publizierte unter anderem zum Thema Schuldenbremse und beschäftigt sich heute mit allen Fragen rund um Wirtschaft, Politik und Finanzen.

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