Ölpreiskollaps: Anleger hoffen auf Erholung

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Der Juni-Terminkontrakt auf Öl der Sorte WTI ist zeitweise negativ - und Brent verliert am Morgen mehr als 15 Prozent. (Foto: Avigator Thailand / shutterstock.com)

Die Menschen sollen zu Hause bleiben. Die Industrie darf nicht produzieren. Das öffentliche Leben weltweit ist auf Sparflamme gestellt. Für Sparflamme sind die Lager aber zu voll mit Öl. Weshalb der Preisverfall für das schwarze Gold weiter anhält. Gestern traf es den Terminkontrakt für texanisches Öl – zu liefern im Juni – der zeitweise ins Minus rutschte.

Auch Öl der Nordseesorte Brent verbilligte sich in diesem Zuge von etwa 24 Dollar pro Fass auf gut 18 Dollar. Vorbörslich geht es heute noch einmal um 15 Prozent abwärts. Einige Analysten sprechen denn auch schon vom Öl-Realitäts-Check: der Absturz des Ölpreises führe zu einer generellen Neubewertung von allem, was am Kapitalmarkt Risiken birgt. Zu gut deutsch – die Anleger ziehen sich zurück.

Weitere Kursverluste an den asiatischen Börsen

Dieser Rückzug zeigte sich am Morgen auf breiter Front an den asiatischen Märkten, wo die Kurse den zweiten Tag in Folge fielen.

Selbst die Nachricht, dass der US-Senat über Nacht ein Pandemie-Hilfspaket in Höhe von 484 Milliarden Dollar verabschiedet hat, konnte die Nervosität der Investoren nicht beruhigen. Das Paket soll bereits am Donnerstag im Repräsentantenhaus debattiert werden.

Japans Nikkei 225 fiel um 1,33%, und der KOSPI im benachbarten Südkorea verlor 1,20%.

In Australien büßten Aktien im Schnitt 1,52% ein. Der Hongkonger Hang-Seng-Index fiel um 0,93%, während Aktien auf dem chinesischen Festland um  bis zu 0,24% nachgaben.

US-Börsen verlieren wegen Ölpreisverfall und Corona-Spuren in den Quartalsberichten

Zuvor hatten die heftigen Turbulenzen am Rohölmarkt bereits gestern den US-Börsen einen weiteren miserablen Handelstag eingebrockt. Zudem hat die Pandemie die Märkte weiter fest im Griff. Der Dow Jones Industrial büßte letztlich 2,67 Prozent auf 23.018,88 Punkte ein, nachdem der US-Leitindex bereits tags zuvor 2,4 Prozent verloren hatte. So stark hat das weltweit bekannteste Börsenbarometer seit Anfang April nicht mehr nachgegeben.

Der marktbreite S&P 500 beendete den Handel am Dienstag mit einem Abschlag von 3,07 Prozent auf 2.736,56 Zähler. Der Nasdaq 100 sackte um 3,71 Prozent auf 8.403,00 Punkte ab.

Unternehmensseitig standen vor allem Quartalsberichte im Blick. Im Dow gab es zum Handelsschluss jedoch keine Gewinner mehr.

IBM sackten um 3,0 Prozent ab und Coca Cola um 2,5 Prozent. Der Brausehersteller hatte sich im Auftaktquartal 2020 zwar besser geschlagen als gedacht, rechnet aber wegen der Pandemie im zweiten Quartal mit deutlichen Einbußen. Der Computer-Riese, der bereits am Montagabend seinen Quartalsbericht vorgelegt hatte, meldete deutliche Umsatz- und Gewinneinbußen und gab seine Jahresziele auf.

Beyond Meat stemmt sich gegen den Trend und Netflix verdoppelt Abo-Zahlen

Unter die wenigen Gewinner an diesem Tag mischten sich zugleich an der Nasdaq-Börse die Aktien des Fleischersatzprodukte-Herstellers Beyond Meat . Das Unternehmen gab bekannt, über eine Partnerschaft mit Starbucks den chinesischen Markt erschließen zu wollen. Die Papiere legten um 7,4 Prozent zu. Starbucks reagierten indes nicht positiv, sondern büßten im allgemein sehr schwachen Umfeld 3,5 Prozent ein.

Nach Börsenschluss in New York lieferte Netflix den Beweis, eine der Stay-home-Aktien schlechthin zu sein. Die Zahl der Abonnenten habe sich nahezu verdoppelt, so der Streamingdienst in seinem jüngsten Quartalsbericht. Die Aktie stieg zunächst um 10 %, bevor sie sich auf weniger als 1 % Zuwachs beim Handel nach Geschäftsschluss einpendelte. Denn das Unternehmen traut seinem Glück noch nicht und blickt eher konservativ in die Zukunft. Aufgrund der Coronavirus-Pandemie könne man das künftige Abonnentenwachstum nicht genau vorhersagen. Netflix bezeichnete seine eigenen Schätzungen als “Rätselraten”.

United Airlines liefert schlechte Vorgaben für Lufthansa-Aktie

Klar zu den Corona-Verlierern zählen Fluggesellschaften. Wer dafür noch einen Beleg brauchte, bekam ihn in der Nacht von United Airlines. Im ersten Quartal dürfte ein Verlust in Höhe von 2,1 Milliarden Dollar (1,9 Mrd Euro) vor Steuern anfallen, warnte das Unternehmen in einer Mitteilung an die US-Börsenaufsicht. Beim Umsatz rechnet United mit 8,0 Milliarden Dollar, was einem Rückgang um 17 Prozent gegenüber dem Vorjahreswert entsprechen würde. Die Aktien der Airline schmierten nachbörslich um mehr als 4 Prozent ab. Keine guten Vorzeichen für Lufthansa heute.

Der historische Ölpreiskollaps hatte auch schon den deutschen Markt belastet.  Der deutsche Leitindex Dax büßte 3,99 Prozent auf 10.249,85 Punkte ein. Etwas besser hielt sich der MDax der mittelgroßen Börsentitel mit einem Verlust von 2,28 Prozent auf 21.948,25 Punkte.

SAP wegen Umbau der Chefetage abgestraft

Im Dax standen die Papiere von SAP im Fokus, sie büßten 6,6 Prozent ein. Börsianer irritierte, dass Jennifer Morgan als Co-Chefin den Softwarekonzern verlassen und somit Christian Klein der alleinige Chef sein wird. Beide waren erst vor gut einem halben Jahr als Duo angetreten.

Angesichts der mit dem Ölpreis-Schock verbundenen Sorgen um die Lage der Weltwirtschaft gerieten vor allem konjunkturabhängige Werte unter Druck. Im Dax zeigte sich dies an den Aktien von Infineon , MTU und Volkswagen , die zwischen 6,6 und 8,1 Prozent einbüßten.

Lichtblicke Sartorius und Hellofresh – beide auf Rekordhoch

Aktien von Sartorius stiegen an der Spitze des MDax um 5,1 Prozent und erreichten ein Rekordhoch. Vor allem im Geschäft mit Produkten für die biopharmazeutische Industrie ist es für die Göttinger im ersten Quartal blendend gelaufen.

Ein weiterer Lichtblick im ansonsten tristen Börsenumfeld war ein Rekordhoch von Hellofresh . Der Versender von Kochboxen profitiert in der Coronakrise vom Trend, mehr zuhause zu kochen. Die Papiere gewannen 3,7 Prozent.

Ausblick: Hoffen auf allgemeine Erholung

Heute hoffen die Börsianer auf eine leichte Besserung. Das könnte dann aber allenfalls damit zusammenhängen, dass sich Investoren günstig eindecken wollen. Ansonsten werden die Nachrichten wohl mit Vorsicht beobachtet. Zur Wochenmitte wird das Verbrauchervertrauen für die Eurozone veröffentlicht.

In den USA wird der Immobilienpreisindex gemeldet.

Quartalszahlen kommen von Villeroy & Boch, Ericsson, Kone, Alcoa, Alphabet, AT&T, Biogen, Delta Air Lines, Domino’s Pizza, Lam Research, O’Reilly Automotive, Seagate, Thermo Fischer und Xilinx.

Der DAX wird zur Eröffnung gut 100 Zähler über seinem Vortagesschluss erwartet. Ersten Berechnungen zufolge startet er bei 10.369 Punkten in den Tag.

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Opec+ übt Balanceakt am ÖlmarktDen Preis stabilisieren, ohne die Konkurrenz zu sehr erstarken zu lassen – diesen Balanceakt versuchen die Opec+ Staaten zu meistern. › mehr lesen


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Marcus Schult
Von: Marcus Schult. Über den Autor

Finanzen sind sein Leben: Mit dem richtigen Gespür für Wirtschaft- und Finanzthemen ausgestattet liefert der ehemalige ARD-Mann das richtige Know-How.