Österreich ist in einer Hochkonjunktur

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Bis 2022 soll die österreichische Wirtschaft um jährlich 1,9% wachsen und damit um 0,6 Prozentpunkte stärker als in den vergangenen fünf Jahren. (Foto: Wiener Börse AG)

Nachdem Experten die Alpenrepublik in Bezug auf Arbeitslosigkeit und Wirtschaftswachstum vor wenigen Jahren noch als das Sorgenkind der Europäischen Union bezeichnet haben, sorgt die jüngste Prognose des Instituts für Höhere Studien (IHS) für Aufsehen. Bis 2022 soll die österreichische Wirtschaft um jährlich 1,9% wachsen und damit um 0,6 Prozentpunkte stärker als in den vergangenen fünf Jahren. Die Wirtschaftskammer Österreich (WKÖ) geht von einem nominellen BIP-Wachstum von 3,2% im laufenden und von 2,2% in 2019 aus.

Auch die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) zeigt sich positiv und hob die Prognose für 2018 erneut auf 2,7% an. Damit nimmt Österreich einen Spitzenplatz im europäischen Vergleich ein. Im Durchschnitt erwarten die Volkswirte ein EU-weites Wirtschaftswachstum von jährlich 1,7%. Auch die langfristige Prognose fällt freundlich aus. Wenn auch mit 1,6% etwas schwächer, soll sich der Aufschwung auch nach 2022 fortsetzen.

Wachstum in allen Sektoren

Positive Nachrichten gibt es aus so gut wie allen Wirtschaftsbereichen. Laut WKÖ sollen die unternehmerischen Investitionsausgaben im laufenden Jahr um 4,1% deutlich überdurchschnittlich zulegen. Besonders profitieren wird davon die CA Immobilien Anlagen AG. Die aktuelle Situation spielt auch Polytec in die Karten. Das Unternehmen meldete zweistelliges Wachstum im Geschäft mit Nutzfahrzeugen. Die Sachgütererzeugung soll mit 7,8% so stark wie seit 2010 nicht mehr wachsen.

Eine aktive Investitions- und Produktionspolitik unterstreicht das Vertrauen der heimischen Unternehmen in die zukünftige Wirtschaftsentwicklung. Das zeigt auch der aktuelle Stand des Einkaufsmanagerindex (EMI). Der Index basiert auf einer Befragung von 300 Industrieunternehmen in Österreich. Er setzt sich aus den Indikatoren Auftragseingang, Produktion, Beschäftigung, Lieferzeiten und Lagerbestand zusammen. Obwohl der EMI in den vergangenen Monaten leicht rückläufig war, liegt er mit einem Wert von über 50 nach wie vor im Wachstumsbereich.

Privatkonsum bleibt wichtige Stütze

Seit Jahren sind Privatkonsum und Außenhandel Wachstumstreiber Nummer 1. Nach 1,5 und 1,4% in den vergangenen zwei Jahren, gehen Experten von einem Wachstum der privaten Konsumausgaben von jeweils 1,8% im laufenden und nächsten Jahr aus. Das liegt vor allem an der Entwicklung der Einkommen. Denn unterm Strich bleibt den Österreichern trotz belebtem Privatkonsum mehr übrig. Der Bruttoverdienst je Arbeitnehmer wird im laufenden Jahr um 2,6% zunehmen, 2019 sogar um 2,7%.

Zusätzliche Impulse kommen vom Arbeitsmarkt. Nachdem die Arbeitslosenquote vor wenigen Jahren mit 9,1% auf ein Rekordhoch kletterte, meldet der Arbeitsmarktservice eine deutliche Entlastung. Bis Ende 2019 soll die Arbeitslosenquote auf 7,2% sinken. Gleichzeitig wird mit einem Zuwachs der unselbstständig Beschäftigten von 2,0% auf 3,7 Mio. Personen gerechnet.

Handelsstreit ist eine Gefahr für den Außenhandel

Österreich verdient den überwiegenden Teil des Bruttoinlandsproduktes (BIP) mit dem Export von Waren und Dienstleistungen. Konkret machen Exporte 54% des BIPs aus. Unternehmen wie AT&S und ams sind auf gute globale Handelsbeziehungen angewiesen. Besonders der Handelsstreit zwischen den USA und China ist Andras Gerstenmayer, CEO von AT&S, ein Dorn im Auge. Da der Großteil der Produktion in China stattfindet, würden die hauseigenen Leiterplatten ebenfalls von den Strafzöllen auf chinesische Produkte betroffen werden. Die Verhandlungen werden daher auch von österreichischen Unternehmen genau verfolgt.

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Laut WKÖ hatten die geopolitischen Entwicklungen jedoch noch keinen Einfluss auf die heimische Wirtschaft. Die Auswirkungen dürften sich auch mittelfristig in Grenzen halten. Die WKÖ geht im laufenden Jahr von einem nominellen Wachstum der Warenexporte von 8,2% aus. 2019 soll das Wachstum bei 5,0% und damit deutlich über dem Durchschnitt des vergangenen Jahrzehntes liegen.

Währungskrise in der Türkei drückt auf die Stimmung

Nicht nur der protektionistische Kurs der US-Regierung drückt auf die Stimmung der Weltwirtschaft. Auch die Währungskrise in der Türkei belastet. Verantwortlich für den Verfall der türkischen Lira ist in erster Linie die türkische Regierung. Seit der Verfassungsänderung, die Präsident Erdogan mit besonders großer Macht ausgestattet hat, ziehen internationale Investoren massiv Kapital aus dem Land ab. Es besteht die Befürchtung, dass sich die Regierung zu sehr in die Wirtschaft einmischen könnte, Druck auf die Zentralbank ausübt und die Macht nutzt, um ausländische Investoren zu enteignen.

Die US-Sanktionen gegen die Türkei brachten das Fass zum Überlaufen. Seit Jahresbeginn hat die türkische Lira mehr als 40% ihres Wertes verloren. Der Anteil der österreichischen Exporte in die Türkei legt zwar seit Jahren zweistellig zu. Mit 1,1% stellt die Türkei jedoch nur den 18. wichtigsten Handelspartner dar. Nationalbankvorsitzender Nowotny warnt dennoch vor einer Ansteckungsgefahr und internationaler Kettenreaktion und rief die türkische Regierung auf, Hilfe vom Internationalen Währungsfonds zu beantragen.

Österreich wird sich weiter positiv entwickeln

Die Alpenrepublik hat in der ersten Jahreshälfte bewiesen, dass der Wirtschaftsmotor auf Hochtouren läuft. Österreich verzeichnet solides Wachstum in den wichtigsten Bereichen. Vor allem die positiven Arbeitsmarktdaten und Aussichten sprechen für eine nachhaltige Kehrtwende. Die Effekte der Steuerreform 2016 klingen zwar langsam ab, der kräftige Realeinkommensschub hält jedoch an und wird längerfristige Impulse setzen.

Ein Ende des Niedrigzinsniveaus ist nach wie vor nicht absehbar. Der reale Zinsverlust wird sich also noch auf unbestimmte Zeit negativ auf die Konsumausgaben der Österreicher auswirken. Investitionen in Wohnraumprojekte als Alternative zu Zinsverlusten wirken positiv auf die Vermögensentwicklung der Privatpersonen und damit auf deren Konsumverhalten.

Fahrzeug-, Maschinen- und Ausrüstungsinvestitionen der Unternehmen ziehen ebenfalls kräftig an. Insgesamt ist die österreichische Wirtschaft auf Wachstumskurs.


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Volker Gelfarth
Von: Volker Gelfarth. Über den Autor

Der Diplom-Ingenieur lernte die Schwächen und Stärken eines Unternehmens selbst als Manager kennen, bevor er sich voll und ganz der Value-Analyse widmete. Er ist Chefredakteur für die Dienste Aktien-Analyse, Gelfarths Dividenden-Letter, Gelfarths Premium-Depot und Strategisches Investieren.