Open Interest: Vorhersage der Börsenzukunft oder Kaffeesatzleserei?

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Wenn es um die Vorhersage der Kurse am Verfallstag geht, kommt ein Thema immer mehr in Mode; das Open Interest. Das soll uns nämlich darüber Auskunft geben, wo die Stillhalter im Markt die größten Position haben und wohin die Kurse am Verfallszeitpunkt gedrückt werden. (Foto: gopixa / Shutterstock.com)

Wenn es um die Vorhersage der Kurse am Verfallstag geht, kommt ein Thema immer mehr in Mode; das Open Interest. Das soll uns nämlich darüber Auskunft geben, wo die Stillhalter im Markt die größten Position haben und wohin die Kurse am Verfallszeitpunkt gedrückt werden.

Open Interest – die Abrechnung

Die Spielregeln sind recht einfach. Die Emittenten möchten am Verfallstag möglichst viel Gewinn abrechnen. Das hängt natürlich wiederum davon ab, wo in unserem Beispiel der DAX genau steht.

Haben Sie selbst Zertifikate, verstehen Sie das Konzept noch leichter. Sie sind in diesem Fall der Gegenspieler. Befinden sich Zertifikate in Ihrem Depot, die darauf wetten, dass der DAX am kommenden Freitag über 12.000 Punkte liegt – so hoffen Sie darauf, dass der DAX sein aktuelles Niveau hält. Logisch, denn nur so bekommen Sie etwas ausbezahlt und haben Chance auf einen Gewinn.

Wie sieht es aber mit Ihrem „Gegner“ – dem Stillhalter aus? Der muss zahlen, wenn Ihre Wette gewinnt. Das ist diesem im Einzelfall sicher egal. Es geht ihm viel mehr darum, wie die Masse gewettet hat.

Und die lässt sich inzwischen sehr schön grafisch darstellen. Wir erkennen auf den Tag genau, wie das Open Interest an der Eurex aufgeteilt ist. Üblicherweise liegen große Positionen in einem ordentlichen Abstand zu den aktuellen Kursen. So ist es auch diesmal, wie die folgende Grafik von stockstreet zeigt.

Blau sind dabei die Calls. Rot sind die Puts. Wie Sie diesen Chart zu interpretieren haben, erklären wir Ihnen sofort.

Sie erkennen zwei Achsen: Ausübungspreis und Open Interest. Je größer der farbige Balken nach rechts verläuft, desto höher ist das Open Interest an diesem Punkt im DAX.

Wir sehen hier deutlich, dass bei 11.300 der größte rote Balken liegt. Würden am Freitag die Kurse unter 11.300 notieren, müssten die Stillhalter extrem viel bezahlen und hätten einen großen Verlust. Dass dies passieren wird, ist nahezu ausgeschlossen. Die nächstgrößere Position darunter liegt bei 10.300 Punkten. Das ist nicht außergewöhnlich und auch für unser Trading nicht extrem wichtig.

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Wir suchen die goldene Mitte. Dabei betrachten wir den Chart genau und überlegen, in welchem Bereich die Emittenten den DAX idealerweise für ihre Abrechnung gerne hätten. Noch einmal: Notiert der DAX unter einem roten Balken, werden all die roten Optionen ausgezahlt, die darüber liegen. Liegt der DAX über einem blauen Balken, muss all das bezahlt werden, was blau ist und sich darunter befindet.

Die Stillhalter zahlen deshalb immer einen Teil, nur achten sie eben besonders darauf, dass dieser Teil deutlich kleiner ist, als der Teil, den sie kassieren. Insofern lässt sich ein Mittelwert ableiten, der für die Abrechnung ideal ist. Diesmal haben wir relativ wenig Call-Optionen. Die Masse ist rot. Der ideale Bereich wird also weiter nördlich der größten roten Positionen zu finden sein.

Hier wird der Kaffeesatz gelesen

Experten halten viel vom Open Interest. Allerdings ist es mehr eine Kunst als eine Wissenschaft. Denn: Nur weil wir den perfekten Punkt ausgerechnet haben, wo der DAX am Freitag abgerechnet könnte, heißt das noch lange nicht, dass er sich dort auch befinden wird. Was wir aber ablesen können, ist eine generelle Tendenz.

Ab 12.000 Punkte starten die ersten etwas größeren Call-Positionen. Auch wenn diese noch relativ klein sind. Bei 12.300 Punkten ist der blaue Balken zum ersten Mal minimal größer als der rote. 12.500 ist es andersherum. 12.700 geht eindeutig an Blau. Bei 12.200 gewinnt dagegen Rot.

Daraus lässt sich jetzt interpretieren, dass der Zielbereich für Freitag irgendwo zwischen 12.200 und 12.700 Punkten liegen müsste. Zumindest, wenn wir nur diesen herangezoomten Bereich betrachten. Wir haben aber noch die großen Put-Optionen bei 11.300 und 10.300. Das könnte die Zielzone etwas nach unten ziehen und würde auch zu den momentanen DAX-Kursen passen.

Der Bereich zwischen 12.200 und 12.700 Punkten ist für den DAX aktuell noch verbaut. Vielleicht wird er bis Freitag noch über 12.200 gehoben. 12.300 wäre sicherlich auch noch machbar für die Abrechnung. Doch viel höher müssen die Stillhalter den DAX nicht ziehen.

Großer Hexensabatt und dann?

Genau. Das ist die entscheidende Frage. Bis Freitag wird der DAX vermutlich künstlich nach oben gezogen. Was passiert aber danach? Die aktuelle Woche hat mit diesem Hintergrund also ein eher positives Vorzeichen. Nächste Woche könnte es demzufolge schon wieder bergab gehen. Erst, wenn wir auch die nächste Woche gut überstehen, werden die meisten Anleger an eine Bodenbildung im DAX glauben. Davor besteht immer noch ein Restrisiko.


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Von: Michael Berkholz. Über den Autor

Michael Berkholz entdeckte vor einigen Jahren seine Leidenschaft fürs Trading und gibt sein Wissen heute mit großer Leidenschaft an seine Leser weiter.