Optionsscheine: So einfach kann die Bank Sie über den Tisch ziehen

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Kurse von Optionsscheinen können von Banken willkürlich manipuliert werden. Börsenexperte Heißmann zeigt, wie es gemacht wird. (Foto: eyeofpaul/AdobeStock)

Ein Unternehmen steht vor der Veröffentlichung von Quartalszahlen.

Sie erwarten einen Kurssprung der Aktie und kaufen einen Optionsschein. Der kostet 2,88 Euro. Die Zahlen werden veröffentlicht. Der Markt reagiert kaum.

Nach 10 Tagen steht die Aktie beim selben Kurs wie an Ihrem Kauftag des Optionsscheins. Sie wollen den Optionsschein daraufhin verkaufen und sind erschrocken: Die Bank bietet Ihnen für die Rücknahme eine Kurs von 0,99 Euro an. Ein Verlust von 65,6%..

Betrug? – Nein. Juristisch gesehen geht alles mit rechten Dingen zu. Was die Bank in diesem Beispiel gemacht hat, sehen Sie hier:

Optionsschein: Die Fakten zu diesem Geschäft

Am Kauftag:

Aktienkurs: 100 Euro

Sie kaufen einen Call

Basispreis: 120 Euro

Laufzeit: 150 Tage

Kaufpreis: 2,88 Euro

Hier ist eine implizite Volatilität von 35 eingerechnet worden. Implizite Volatilität und wie wichtig diese ist und gleichzeitig wie fatal diese für Sie beim Handel mit Optionsscheinen sein kann, dazu weiter unten mehr.

Am Verkaufstag:

Aktienkurs: 100 Euro

Sie wollen den Call verkaufen

Basispreis: 120 Euro

Laufzeit: 140 Tage

Möglicher Verkaufskurs: 0,99 Euro

Hier lässt sich eine implizite Volatilität von 25 errechnen. Ansonsten hat sich nicht viel verändert. Die 10 Tage kürzere Laufzeit wirkt sich mit etwa 0,10 Euro relativ gering auf den Kurs aus.

Wichtig:

1. Aus den Kursen ist ersichtlich: Die implizite Volatilität ist im hohem Maße mit entscheidend für den Kurs eines Optionsscheins.

2. Die implizite Volatilität wird von den Banken und Wertpapierhäusern (Emittenten) geschätzt. Dabei sind die Emittenten an keinerlei Vorschriften gebunden.

Volatilität – kurze Theorie:

An der Börse wird zwischen der historischen und der impliziten (zukünftig erwarteten) Volatilität unterschieden.

Die historische Volatilität

Die Volatilität ist ein Maß für die Schwankungen des Kursverlaufs einer Aktie oder eines Indexes. Die Angabe erfolgt in Prozent. Die historische Volatilität berechnet die Schwankungsbreite aus historischen Kursen eines Basiswertes über einen bestimmten Zeitraum in der Vergangenheit.

Die implizite Volatilität

Die historische Volatilität sagt jedoch wenig über die von den Marktteilnehmern erwartete Schwankungsbreite der Zukunft aus. Das macht die implizite Volatilität. Die implizite Volatilität lässt sich nicht errechnen sondern sie wird von den Emittenten willkürlich geschätzt und festgelegt.

So werden Kurse von Optionsscheinen manipuliert

Je höher die Banken die implizite Volatilität schätzen, desto teurer ist der entsprechende Optionsschein. Die Folge: Mit der Schätzung der impliziten Volatilität können die Banken bei ihren Optionsscheinen die Kurse manipulieren, wie sie wollen.

So wurde beim obigen Optionsschein getrickst

In diesem Beispiel ist der Emittent gegebenenfalls so vorgegangen:

Vor Veröffentlichung der Zahlen hat er eine hohe Kaufnachfrage nach diesem Optionsschein festgestellt. Also hat der Emittent die implizite Volatilität „mal eben“ auf 35 gesetzt und den Optionsschein damit teuer gemacht. Kaufkurs für die Anleger: 2,88 Euro.

10 Tage später hat der Emittent gemerkt, dass viele Anleger verkaufen wollten. Also hat er die implizite Volatilität auf 25 gesenkt. Es ergibt sich der Rücknahmepreis von 0,99 Euro. Juristisch ist das völlig korrekt gelaufen.

Hier habe ich zahlenmäßig ein drastisches Beispiel gewählt. Im Alltag läuft das nicht so auffällig ab. Da wird nur die implizite Volatilität nicht so deutlich spürbar verändert. Der Kurs drittelt sich nicht, aber er verändert sich trotzdem zu Ihren Nachteil.

In Internet-Foren haben Sie vielleicht auch schonmal den Ärger von Anlegern gelesen, die wütend schreiben, der Emittent habe „an der Volaschraube gedreht“. Wenn Sie das lesen, ist demjenigen vermutlich passiert, was ich oben geschildert habe.

Optionen können nicht manipuliert werden

Auch die Kurse von Optionen (in Abgrenzung zu Optionsscheinen) werden von der impliziten Volatilität beeinflusst. Rein rechnerisch würde sich derselbe Effekt wie oben auch bei Optionen zeigen, wenn (!) sich die implizite Volatilität wirklich so verändert hätte.

Optionen / Optionsscheine: Der entscheidende Unterschied

Aber: Bei Optionen hat niemand Interesse die implizite Volatilität zu manipulieren. Denn es gibt keinen Emittenten, der teuer verkaufen und billig zurückkaufen will. Angebot und Nachfrage sorgen für den fairen Preis.

Bei der Wahl: „Option oder Optionsschein“ gibt es keinen (!) Grund, Optionsscheine zu wählen. Alle Vorteile liegen auf Seiten der Option.

Zum guten Schluss: Am 09.11.1818, also heute vor 192 Jahren, kam der russische Schriftsteller Iwan Turgenjew zur Welt. Von ihm sind die Worte:

„Man muß das Leben so einrichten, dass jeder Augenblick bedeutungsvoll ist.“

Ich wünsche Ihnen so viele bedeutungsvolle Augenblicke wie möglich

© Rainer Heißmann – Weiterverbreitung nur mit Link auf den Originaltext gestattet

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Rainer Heißmann
Von: Rainer Heißmann. Über den Autor

Rainer Heißmann ist Autor für Wirtschafts- und Börsenfachpublikationen. Mit Heißmanns Börsenkommentar bringt er wochentäglich die Börse auf den Punkt. Seine Stärke: Komplexe Sachverhalte so zu erklären, dass sie jedem verständlich und nachvollziehbar werden.

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