Osteuropa hat gelernt, Westeuropa träumt

Vielvölkerstaaten sind fast immer gescheitert. Wir klären Sie über die Gründe auf. Sie werden erstaunt sein. (Foto: phongphan / Shutterstock.com)

Sie wissen, was Brüssel und Berlin wollen: Die Vereinigten Staaten von Europa. Trotz der Kritik aus der europäischen Bevölkerung. Vor allem wird der Zentralismus zunehmend von den osteuropäischen EU-Mitgliedsstaaten abgelehnt.

Und das völlig zu Recht. Darauf werden wir noch konkreter eingehen.

Das historische Scheitern von Vielvölkerstaaten

Wir haben es bereits angedeutet: Wenn sich Bürger nicht mehr als „wir“, als gemeinsame Nation fühlen, können Gräben zwischen Religion, Kultur oder Ethnien entstehen. Und das mit verheerenden Auswirkungen: Dem Auseinanderbrechen des Staates bzw. eines Staatenverbundes aufgrund innerer Spannungen.

Denken Sie dahingehend in der Geschichte zurück: An das Sacrum Imperium Romanum Nationis Germanicæ, das übernationale Gebilde des Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation.

In ihm wurden unter dem Karolinger Karl der Großen (747/748-814) der gallo-romanische (heutiges Frankreich) und der germanische (heutiges Deutschland) Reichsteil miteinander vereinigt.

Das Heilige Römische Reich Deutscher Nation als Sinnbild für die Vereinigten Staaten von Europa

Dieses Reich war kein Nationalstaat nach heutigen Maßstäben, sondern bestand aus Kleinstaaten. Ein monarchisch geführtes und ständisch geprägtes Gebilde aus Kaiser und Reichsständen mit nur wenigen gemeinsamen Reichsinstitutionen. Dennoch verlief die politische Gewichtung ähnlich der heutigen.

Das Heilige Römische Reich Deutscher Nation überlebte tatsächlich Jahrhunderte, nämlich vom 10. bis zum 19. Jahrhundert.

Trotz guter Vorsätze ging das Heilige Römische Reich unter

Ähnlich wie die Vereinigten Staaten von Europa sollte das Heilige Römische Reich Deutscher Nation u.a. für Ruhe, Stabilität und die friedliche Lösung von Konflikten sorgen. Vor allem eine friedenssichernde Funktion im System der europäischen Mächte erfüllen.

Doch das alles nützte nichts: Mitte des 18. Jahrhunderts wurde die expansive Politik innerer und äußerer Mächte immer größer, trieb die Untergangsspirale voran.

Hinzu kamen die Napoleonischen Kriege und dem daraus entstehenden Rheinbund. Dieser wurde von Kaiser Napoleon initiiert, der schließlich den endgültigen Untergang des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation besiegelte. 

Weitere Beispiele für das Scheitern von Vielvölkerstaaten

Es gibt noch weitere Beispiele für das Scheitern sogenannter Vielvölkerstaaten. Und zwar aus der jüngeren Geschichte.

Etwa die ehemalige Sowjetunion, die aus verschiedenen Teilrepubliken bestand oder das Staatengebilde Jugoslawiens. Beide zerbrachen mit teilweise verheerenden Auswüchsen (Bürgerkriege etc.)

Statt Vereinigung wieder Vielfalt

Und wissen Sie warum? Weil die einzelnen Länder, die sich in den jeweiligen Staatenbünden befanden, ihre eigene staatliche Souveränität anstrebten.

Das heißt nichts anderes, als dass diese Staaten nicht mehr zusammengehören wollten, sollten ihre Eigenständigkeit anstrebten. Ihre Unabhängigkeit.

Die Vereinigten Staaten von Europa verdrehen die historischen Erfahrungen

Mit einem Brüsseler Superstaat würde genau das Gegenteil eintreten: Die einzelnen EU- Mitgliedsländer würden ihre staatliche Souveränität zu Lasten eines Einheitsgebildes verlieren.

Und trotzdem will man Ihnen einen solchen Superstaat wieder schmackhaft machen. Da ist das Chaos schon vorprogrammiert. Natürlich nicht für jene Traumtänzer, die aus der Geschichte nichts gelernt haben.


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Von: Guido Grandt. Über den Autor

Der Autor, Jahrgang 1963, war viele Jahre lang als Manager in verschiedenen großen Unternehmen tätig. Lernte das unternehmerische Handwerk sozusagen von der "Pike" auf, bevor er sich ganz dem wirtschaftlichen, politischen und gesellschaftlichen Geschehens Deutschlands publizistisch widmete.