Paukenschlag bei Wirecard

Wirecard RED – obs Wirecard AG Paul Blind

Der Paukenschlag kam nachbörslich: Die Staatsanwaltschaft durchsucht die Firmenzentrale. Was sind die Folgen? (Foto: obs/Wirecard AG/Paul Blind)

Der Paukenschlag kam nachbörslich: Wie Wirecard am Freitagabend in einer Ad-hoc-Meldung verlautbaren ließ, hat die Staatsanwaltschaft München die Konzernzentrale in Aschheim durchsucht, nachdem zuvor die Bundesanstalt für Finanzaufsicht Strafanzeige gegen den gesamten vierköpfigen Vorstand wegen Verdachts der Marktmanipulation gestellt hatte. Nochmal zum Mitschreiben: Strafanzeige gegen den Vorstand eines DAX-Unternehmens.

Aktie bricht ein

Angerückt waren die Ermittler bereits am Freitagmorgen. Nachdem sich der Wirecard-Kurs im Tagesverlauf noch auf dem Vortagesniveau von etwa 96 Euro halten konnte, brachen nach Bekanntgabe der Razzia alle Dämme und der Kurs der Aktie schmierte im nachbörslichen Handel innerhalb weniger Minuten um 7,5 % auf einen Schlusskurs von 88,77 Euro ab. Weit entfernt von den Mitte Mai erreichten Zweijahrestiefstständen von 76,70 Euro liegt man damit nicht mehr und es steht zu befürchten, dass sich auch in dieser Handelswoche der Druck auf den Kurs nicht deutlich verringern wird.

Auslöser der Razzia waren zwei Ad-hoc-Mitteilungen, die Wirecard am 12. März und 22. April ausgesendet hat. Nach Ansicht der Strafverfolgungsbehörden könnten darin „irreführende Signale für den Börsenpreis der Aktien der Wirecard AG gegeben“ worden sein. Beide Pflichtmeldungen bezogen sich auf den Sonderbericht der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG zu der umstrittenen und von der renommierten Financial Times angezweifelten Bilanzierungspraxis des Unternehmens.

In beiden Meldungen hatte Wirecard darauf hingewiesen, dass keine Belege für die Vorwürfe der Bilanzmanipulation gefunden worden seien und daher kein Korrekturbedarf für die untersuchten Bilanzen der Jahre 2016 bis 2018 bestehe.

Gar keine Entlastung

Beide Ad-hoc-Meldungen lösten zunächst erhebliche Kurssprünge der Aktie aus. Als dann wenige Tage später der KPMG-Untersuchungsbericht veröffentlicht wurde, las sich das aber ganz anders als vom Vorstand zuvor veröffentlicht. Entgegen den allgemeinen Erwartungen und den Beteuerungen des Vorstands führte die von Wirecard initiierte Bilanzsonderuntersuchung zu keiner Entlastung. In ihrem 74-seitigen forensisch-geprägten Gutachten kritisieren die Wirtschaftsprüfer von KPMG vielmehr einen mangelnden Kooperationswillen des Wirecard-Vorstands.

Und sahen sich auch trotz monatelanger Prüfung nicht in der Lage zu testieren, dass ausgewiesene Umsätze im sogenannten Third Party-Geschäft tatsächlich existieren. Damit konnte der Hauptkritikpunkt der Wirecard-Gegner gar nicht entkräftet werden. Die Aktie verlor daraufhin gut ein Viertel ihres Wertes.

Vorstand in der Sackgasse?

Von außen betrachtet könnte ein derartiges Vorgehen tatsächlich den Straftatbestand der Marktmanipulation erfüllen, denn nach dem 2016 erlassenen Marktmissbrauchsverordnung ist es in der EU verboten, durch Handlungen „falsche oder irreführende Signale hinsichtlich des Angebots, der Nachfrage oder des Preises eines Finanzinstruments zu geben“. Den Eindruck eines entlastenden Ergebnisses zu vermitteln, das dann gar nicht eintritt: Damit scheint genau dieser Tatbestand gegeben zu sein.

Was wohl auch die Finanzdienstleistungsaufsicht so sieht, die mit ihrer Strafanzeige in den Turbulenzen um den Zahlungsabwickler aus einem Münchener Vorort einen neuen, möglicherweise aber noch nicht ihren letzten Höhepunkt gesetzt hat.

Weiteres Ungemach droht dem Zahlungsabwickler nämlich von seinen Eigentümern. In Form von Anlegerklagen. Anwaltskanzleien wie Hedgefonds haben nach eigenen Angaben Klagen gegen Wirecard und dessen Vorstand eingereicht und die Einleitung eines Musterverfahrens beantragt. Wenig überraschend hat Wirecard die Anzeigen als unbegründet eingestuft. Doch ob sich der Vorstand noch einmal herauswinden kann, ist fraglich. Schließlich ist der Sachverhalt in Form der Ad-hoc-Mitteilungen und des KPMG-Berichts diesmal einwandfrei dokumentiert.

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Von: Peter Thilo Hasler. Über den Autor

Peter Thilo Hasler ist seit über 25 Jahren als Finanzanalyst tätig, zunächst für einige große Investmentbanken, seit 2010 in seiner eigenen Research-Firma. Als Analyst berät er namhafte Fondsmanagern und Vermögensverwalter weltweit.

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