Prudential: Britischer Lebensversicherer legt Milliardenofferte für Startup auf den Tisch

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Prudential Financial: 170jähriger britischer Traditionskonzern steigt in den Markt für Künstliche Intelligenz. Die Übernahme des Start-ups Assurance IQ soll neue Kunden bringen. (Foto: Zalando)

Künstliche Intelligenz ist in aller Munde und dürfte in den kommenden Jahren zahlreiche Geschäftsmodelle umkrempeln. Überall dort, wo viele Daten (Big Data) mit im Spiel sind, kann die neue selbstlernende Technologie ihre Stärken besonders gut ausspielen. Dazu gehört vor allem der Finanz- und Versicherungsbereich. Kein Wunder also, dass die Firmen dort nicht nur massiv in Künstliche Intelligenz investieren, sondern auch versuchen, sich mit Übernahmen in Stellung zu bringen.

Jetzt hat der britische Konzern Prudential Financial einen milliardenschweren Deal bekanntgegeben. Der Lebensversicherer will das Online-Versicherungs-Startup Assurance IQ schlucken.

Prudential vor der Aufspaltung

Bevor ich auf die gerade vorgelegte Übernahmeofferte eingehe, möchte ich Ihnen den Konzern noch näher vorstellen. Momentan befindet sich die Gesellschaft nämlich im Umbruch. Der Lebensversicherer Prudential will die schon Anfang 2018 angekündigte Aufspaltung bis zum Jahresende über die Bühne bringen. Der 170 Jahre alte britische Traditionskonzern will sein Europa-Geschäft im vierten Quartal abspalten und die Anteile an die Aktionäre geben.

Prudential-Chef Mike Wells will sich nach der Abspaltung auf das Geschäft in Afrika, Asien und den Vereinigten Staaten konzentrieren. Dort verspricht er sich mehr Wachstum. Das in der Tochter M&G Prudential gebündelte Europa-Geschäft soll seinen Firmensitz wie das Stammunternehmen in Großbritannien bekommen. Nach der Abspaltung soll es dann nur noch M&G heißen.

Milliardenübernahmen im Bereich Künstlicher Intelligenz

Jetzt hat Prudential die Übernahme des Start-Ups Assurance IQ für 2,35 Milliarden Dollar bekanntgegeben. Dazu könnten nochmals Kaufpreiszahlungen in Höhe von 1,15 Milliarden Dollar kommen, sofern gewisse Meilensteine erreicht werden.

Assurance nutzt Datenwissenschaft und maschinelles Lernen, um Gesundheits-, Lebens-, Haus- und Autopolicen online zu verkaufen. Dabei können die Policen vollständig online oder mit Hilfe eines technologiegestützten Live-Agenten abgeschlossen werden.

Prudential erweitert seine Kundenbasis

Mit dem Deal wollen die Briten vor allem ihre Kundenbasis erweitern. Zudem erschließt sich Prudential einen Ertragsstrom, der nicht so empfindlich auf Aktienmärkte, Zinssätze und Kredite reagiert, so Andrew Sullivan, der das Kollektivversicherungsgeschäft des Konzerns leitet.

Das Start-up bietet Produkte von mehr als 20 Anbietern an, allerdings ist Prudential nicht darunter. Prudential erwartet, dass die Transaktion Kosteneinsparungen in Höhe von 25 bis 50 Millionen Dollar im Jahr 2020 und 50 bis 100 Millionen Dollar im Jahr 2022 bringen wird. Dadurch soll der Gewinn des Unternehmens bis 2020 um 10 Cent pro Aktie und bis 2021 um 30 bis 35 Cent erhöht werden. Die Übernahme solle voraussichtlich im vierten Quartal abgeschlossen werden.

Die Suche nach dem Heiligen Gral

Der Deal dürfte nicht die letzte Übernahme im Insurtech-Markt gewesen sein. Der Begriff „InsurTech“ setzt sich aus den englischen Wörtern Insurance und Technology zusammen. Darunter versteht man also Versicherungsdienste, die mit digitalen Technologien arbeiten. Der Hintergrund liegt auf der Hand: Kunden der jüngeren Generation erwarten heutzutage von ihrer Versicherung eine kompetente Beratung, schnelle Problemlösungen, günstige Preise und vor allem eine einfache Abwicklung. Bestenfalls eine (digitale) Abwicklung der eigenen Versicherungsangelegenheiten, die genauso einfach ist, wie mittlerweile das Shoppen auf Zalando oder der Online-Check-In am Flughafen.

Die großen Versicherungskonzerne taten sich bislang schwer, diese neuen Kundenbedürfnisse zu befriedigen. Eine nahtlose Kundenerfahrung zwischen digitalen und analogen Kanälen zu ermöglichen, dürfte aber zukünftig der Schlüssel zum Erfolg sein. Das erklärt die hohe Attraktivität der Start-ups, die genau in diese Lücke hineinstoßen.

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Jens Gravenkötter
Von: Jens Gravenkötter. Über den Autor

Der gewiefte Börsen-Profi Jens Gravenkötter verdankt seinen Erfolg nicht zuletzt seinem Wissen aus seiner Ausbildung zum Bankkaufmann und seinem Studium der Volkswirtschafslehre.