Rocket Internet schadet dem deutschen Kapitalmarkt

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Mit seiner Entscheidung zu einem Delisting hat Rocket Internet dem Kapitalplatz Deutschland geschadet. (Foto: 360b / Shutterstock.com)

Das hat es in Deutschland noch nicht gegeben: Nur sechs Jahre nach dem Börsengang beschließt der Vorstand und Großaktionär von Rocket Internet – übrigens ohne vorherige Rücksprache mit den freien Aktionären –, seine Aktien wieder von der Börse zu nehmen. Ein sogenanntes Delisting ist ein verwaltungsrechtlicher Vorgang, durch den eine Aktie dauerhaft vom Handel im regulierten Markt genommen wird.

Wären Sie Aktionär von Rocket Internet, wären die Folgen des Delisting für Sie gravierend: Aus einem liquiden Vermögensanteil, den Sie als Aktionär jederzeit und kostengünstig über die Börse verkaufen können, wird ein völlig illiquides Asset, das Sie auf Dauer im Depot halten müssten.

Damit ein solcher Vorgang einem Unternehmen nicht zu leicht gemacht wird, ist, hat der Bundestag im Oktober 2015 beschlossen, dass wenn schon keine Hauptversammlung zu halten, dann zumindest eine Abfindungszahlung für die betroffenen Aktionäre zu leisten ist. Die Höhe dieser Abfindung orientiert sich an den Vorschriften des Wertpapiererwerbs- und Übernahmegesetzes. Mindestens jedoch muss sie dem gewichteten durchschnittlichen inländischen Börsenkurs während der letzten sechs Monate entsprechen.

Keine Lust mehr

Üblicherweise werden von den Delisting-Kandidaten dieselben Gründe für den Börsenrückzug genannt: Ein geringer Streubesitz nach vorheriger Unternehmensübernahme – meist im Gefolge einer Sanierung der Gesellschaft – oder die Vermeidung der umfassenden Publizitätspflichten, denen eine börsennotierte Aktiengesellschaften faktisch ausgesetzt ist.

Nicht so bei Rocket Internet. Weder ist das Unternehmen ein Sanierungsfall, noch weist es einen mikroskopischen Streubesitz auf. Dem Gründer, Großaktionär und Vorstandsvorsitzenden Oliver Samwer scheint vielmehr an der Bereitschaft zu fehlen, die Regularien einzuhalten, die ein börsennotiertes Unternehmen beachten muss: Regularien wie die Veröffentlichung von Geschäfts- und Quartalsberichten sowie von Ad-hoc-Mitteilungen, die fristgerechte Berichterstattung, die zeitaufwendigen Gespräche mit Analysten und Anteilseignern. Man könnte es auch auf den Punkt bringen: Auf all das hat Samwer keine Lust mehr.

Nicht nachvollziehbar

Noch weniger nachvollziehbar ist, dass Samwer den Börsenrückzug damit begründet, dass er beim Börsengang nicht absehen konnte, dass es zu einer „derart gesteigerten Verfügbarkeit von Finanzierungsmöglichkeiten außerhalb des Aktienmarkts“ kommen würde. Dass ein Absolvent der WHU – Otto Beisheim School of Management, einer der Eliteschulen für Wirtschaftswissenschaftler Deutschlands, nicht das volle Instrumentarium der Unternehmensfinanzierung kennen will, ist wenig glaubwürdig.

Derart vorgeschobene Gründe bringt wohl bemerkt der Vorstand eines MDAX-Konzerns mit einer Bilanzsumme von mehr als 4,2 Milliarden Euro und einer Marktkapitalisierung von 2,5 Milliarden Euro. Ein Vorstand, der einst mit der Gründung und dem Verkauf von Unternehmen wie dem Ebay-Klon alando oder dem Klingeltonanbieter Jamba Millionen machte und einen Teil dieser Gewinne in die Gründung von Zalando – man beachte die Ähnlichkeit zu alando – investierte und neuerlich vervielfachte.

Dick in den Miesen

All das wäre ja kein Problem gewesen, wenn die Rocket Internet-Aktionäre wenigstens ebenfalls von steigenden Aktienkursen profitiert hätten. Doch außer für seinen Gründer waren die letzten Jahre wenig ertragreich. Während man zum Börsengang im Jahr 2014 für eine Aktie noch 42,50 Euro hinblättern musste, hat Milliardär Samwer den freien Aktionären nun das ernüchternde Angebot gemacht, die Aktien zum Schnäppchenpreis zu 18,57 Euro an die Gesellschaft zurückzugeben. Ein Kursverlust von sage und schreibe 56%. Freunde wird Oliver Samwer am Kapitalmarkt wohl nicht mehr finden.

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Von: Peter Thilo Hasler. Über den Autor

Peter Thilo Hasler ist seit über 25 Jahren als Finanzanalyst tätig, zunächst für einige große Investmentbanken, seit 2010 in seiner eigenen Research-Firma. Als Analyst berät er namhafte Fondsmanagern und Vermögensverwalter weltweit.

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