Ruhe ist Ihre erste Pflicht als Investor

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Handeln aus dem Bauch heraus ist an der Börse eine geradezu tödliche Gefahr für Ihr Kapi-tal! (Foto: aphotostory / Shutterstock.com)

Hand aufs Herz: Wie haben Sie sich gestern Morgen gefühlt, als sich an den Aktienmärkten, wegen des neu aufbrandenden Handelsstreits zwischen China und den USA, kräftige Einbußen abzeichneten?

Die wohl schlechteste Form der Reaktion auf diese „Bedrohung“ war der sofortige Verkauf von Depotpositionen. Tatsächlich reagieren indes mehr Investoren auf diese Weise, als Sie sich vielleicht vorstellen mögen.

Den Beweis dafür liefern Ihnen – genau – die Abschläge, die Sie auch gestern wieder kurz nach Eröffnung der Börsen in Europa und am Nachmittag auch in den USA zu sehen bekamen.

Ich zeige Ihnen heute, wie Sie als Investor auf solche Ereignisse reagieren sollten.

Ein typischer Unerfahrenheits-Reflex

Ich verrate Ihnen etwas: Die eingangs geschilderte Reaktion ist ein völlig normaler Reflex. So wie Juckreiz.

Sie alle kennen das: Es juckt Sie irgendwo und Sie kratzen sich – dieser Vorgang läuft praktisch ganz automatisch ab.

Der Grund dafür ist: Kratzen wenn es juckt, ist normalerweise völlig ungefährlich – wenn nicht gerade Krankheiten wie beispielsweise Schuppenflechte oder Neurodermitis die Ursachen dafür sind.

Und deshalb gibt es in aller Regel eigentlich keinen Grund, das Kratzen bei Juckreiz infrage zu stellen. Auch ich habe mich in meinen Anfangsjahren als Börsianer regelmäßig gekratzt, sprich: bei bedrohlichen negativen Nachrichten Hals über Kopf verkauft.

Getreu den Motti: „Lieber den Spatz in der Hand als die Taube auf dem Dach!“ oder „Weg mit Schaden!“

Doch ich habe eine gute Nachricht für Sie! Sie können sich auch Reflexe „abgewöhnen“. Dazu ist lediglich ein wenig Training sowie Disziplin vonnöten.

Ihr Schutzschild

Anfällig für unbedachte Aktionen aus dem Bauch heraus sind aber nicht nur noch wenig erfahrene Investoren. Stark gefährdet sind auch Trader oder Anleger, die versuchen, den ganzen Tag über das Börsengeschehen im Auge zu behalten – sie könnten ja irgendwas verpassen!

Als ich diesen Mechanismus schließlich durchschaute, habe ich für mich eine Gegen-Strategie entwickelt: Ich habe mir regelrecht antrainiert, tagsüber nur noch selten einen Blick auf das Geschehen an den Aktienmärkten zu werfen.

Dann mache ich mir auch so gut wie keine Gedanken darüber.

So wie gestern, als ich am frühen Vormittag mit einem Börsen-interessierten Bekannten telefonierte. Er fragte mich, was ich von den neuesten Ankündigungen des „Trumpeltiers“ hielte und wie ich deren Auswirkungen auf die Aktienmärkte einschätzte.

Meine Antwort lautete: „Ich mache es wie immer und warte heute Abend auf die Schlusskurse. Dann schaue ich mir die Charts an und entscheide, ob ich in irgendeiner Weise reagieren muss oder nicht!“

Genau das empfehle ich Ihnen auch! Installieren Sie so eine Art Schutzschild für sich!

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Wenn die Aktienmärkte geschlossen haben, dann haben sich nämlich alle „Bauchgefühl-Investoren“ ausgetobt. Erst wenn diese Anlegergruppe es geschafft haben sollte, auch die hartgesottenen Investoren von ihrer Einschätzung zu überzeugen, dann sollten auch Sie vorsichtig und stutzig werden.

Bären wurden von den Bullen gekontert

Schauen wir dazu einmal beispielhaft auf das gestrige Geschehen an der Wall Street:

S&P 500: Die Bären wurden von den Bullen gekontert

Sie sehen hier einen 15-Minuten-Chart, der das Geschehen der beiden letzten Handelstage, also vom Freitag und Montag, im S&P 500 abbildet. Heißt:

Ein Balken fasst das Handelsgeschehen einer Viertelstunde zusammen. Das Häkchen links am Balken markiert den Eröffnungskurs dieser 15 Minuten und der rechte die letzte Notierung dieser Periode.

Prima zu erkennen: Bei Handelseröffnung um 15.30 Uhr MEZ knickte der US-Leitindex erst einmal um -1,6% ein.

Der Grund dafür waren vor allem Verkäufe „aus dem Bauch heraus“. Also von Anlegern, die aufgrund der Trump-Äußerungen vom Sonntag einen neuerlichen und mittelfristigen Absturz der Kurse erwarteten.

Wie Sie aber auch sehen, war der in den ersten 15 Handelsminuten erreichte Tiefstand zugleich auch der niedrigste Kurs der gesamten Montagssitzung! Schon nach 2 Stunden war der Abschlag bei Eröffnung zur Hälfte wieder aufgeholt.

Nach einer Verschnaufpause von 90 Minuten ging es dann weiter bergauf. Bei Handelsschluss um 22.00 Uhr MEZ notierte der S&P 500 gerade einmal noch -0,4% unter dem Vortagesschlusskurs.

Fazit

Der gestrige Handelstag war einmal mehr ein Beleg dafür, dass auch an den Börsen „nichts so heiß gegessen wird, wie es gekocht wurde“.

Nichts schmälert Ihren Investment-Erfolg so sehr, wie das Handeln aus einem Bauchgefühl heraus. Ich wette mit Ihnen: Viele der Anleger, die gestern bei Handelseröffnung in Panik verkauft haben, ärgern sich heute bereits über ihren „Reflex“.

Mein Rat an Sie: Bleiben Sie auf Abstand! Lassen Sie das tägliche Auf und Ab an den Aktienmärkten nicht zu sehr an sich heran. Üben Sie sich in Disziplin! Trainieren Sie den geistigen Abstand von der Börse!

Am besten machen Sie es wie ich: Schauen Sie einfach erst nach Handelsschluss darauf, was die Investoren aus einer vorhergehenden Bedrohung oder auch Euphorie „gemacht“ haben.

Aus dem gestrigen Geschehen können Sie beispielsweise entnehmen, dass die Bären nur anfänglich im Vorteil waren: Sie wurden im Anschluss von den Bullen regelrecht überrannt.

Also: Bleiben Sie künftig einfach ruhig!


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Andreas Sommer
Von: Andreas Sommer. Über den Autor

Andreas Sommer ist ein absoluter Börsen-Profi. Der gelernte Bankkaufmann war 10 Jahre als Wertpapierberater bei einer großen deutschen Bank tätig.