Saudi-Arabien hat ein riesiges Problem

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Der aufgrund des massiven Nachfrageeinbruchs niedrige Ölpreis macht nun auch den reichsten Ländern der Erde zu schaffen! (Foto: William Potter / shutterstock.com)

Der Ölpreis ist seit Wochen in großer Aufruhr. Am Wochenende kamen Aufsehen erregende Nachrichten aus einem Staat, der sehr eng mit dem schwarzen Gold verbandelt ist: Saudi-Arabien.

Der saudische Finanzminister Mohammed al-Dschadaan kündigte am Sonnabend seinen Mitbürgern „schmerzhafte Maßnahmen“ an. Der am Boden liegende Ölpreis sorgt für ein gigantisches Loch im Staatshaushalt.

Wir schauen einmal näher auf diesen Aspekt und natürlich auf die aktuelle charttechnische Lage bei dem so wichtigen Rohstoff.

Ein Denkmodell

Stellen Sie sich einmal vor, der Wasserhahn in Ihrer Wohnung widersteht plötzlich allen Versuchen, sich wieder schließen zu lassen und so das heraus quellende Wasser zu stoppen. Gleichzeitig sind alle Abflüsse in Ihrem Haushalt derart verstopft, dass nur noch ein extrem geringer Teil der ausströmenden Flüssigkeit abgeleitet wird.

Nun haben Sie die Möglichkeit, in allen, in Ihrem Haushalt verfügbaren, geeigneten Behältnissen das unablässig laufende Wasser aufzufangen. Bis auch diese alle vollgelaufen sind …

Die Realität

Genau das geschieht seit dem 23. März 2020 beim Öl: Der weltweite Lock-Down von Produktionen aller Art und damit verbunden massiv verringerter Transporte hat zu einem nie dagewesenen Einbruch der Nachfrage geführt.

Wenn ein nahezu gleichbleibendes Angebot plötzlich auf eine drastisch verringerte Nachfrage trifft, dann stürzt der Preis dieses Gutes regelrecht ab. Und nicht nur das:

In diesem Fall suchen die Ölförderer händeringend nach Möglichkeiten, das geförderte und nicht mehr abgenommene Öl irgendwo zu lagern. So wurden viele vor oder in Häfen liegende Ölfrachter und sämtliche Lager, derer man Herr werden kann, vollgepumpt. So wie in unserem fiktiven Beispiel mit dem laufenden Wasserhahn.

Das wiederum zog vor wenigen Tagen ein historisch einmaliges Ereignis nach sich: Inhaber von Kontrakten zur physischen Lieferung von Öl zahlten sogar Geld dafür, diese Termingeschäfte wieder loszuwerden.

Wie schon beim Negativzins wurde hier erneut eine Funktion unseres Finanzsystems auf groteske Weise auf den Kopf gestellt!

Saudi-Arabien hat ein Problem

Saudi-Arabien ist von dieser Entwicklung als weltgrößter Ölförderer besonders betroffen:

Nur noch vergleichsweise geringe Ölverkäufe = massiv verringerte Staatseinnahmen = dramatisch ansteigendes Haushalts-Defizit.

Genau das führte nun zu der eingangs zitierten Ankündigung schmerzhafter Maßnahmen durch den saudischen Finanzminister:

„Laut dem unabhängigen Institut Saudi Jadwa Investment droht dem sunnitischen Königreich in diesem Jahr ein Rekorddefizit von 112 Milliarden Dollar. Der Internationale Währungsfonds rechnet mit einem Rückgang der saudi-arabischen Wirtschaft von 2,3 Prozent in diesem Jahr.“ (Quelle: Südtirolnews.it vom 3. Mai 2020)

Nun beabsichtigt Saudi-Arabien, Kredite in Höhe von 60 Mrd. USD aufzunehmen, um das Haushalts-Defizit zu kompensieren.

Langfristiger Ausblick

Ich bin schon sehr gespannt darauf, wie sich diese Nachrichten heute auf die Aktienmärkte und natürlich auf den Ölpreis auswirken werden.

Der DAX notiert zur Mittagszeit (13.30 Uhr) rund -3,5% im Minus. Die Futures weisen auf einen vorbörslichen Abschlag von -1,2% im Dow Jones hin. Und der Preis für Crude Oil liegt rund -7% niedriger.

Wir schauen heute zur Abwechslung einmal auf den Preis der Ölsorte West Texas Intermediate (WTI), die vornehmlich in den USA gehandelt wird. Wir beginnen mit einem langfristigen Monats-Chart:

WTI-Ölpreis in USD je Barrel

Das Chartbild ähnelt dem Verlauf der Ölsorte Brent Crude Oil, den wir hier vornehmlich analysieren: Seit 2008 befindet sich das schwarze Gold in einem klar definierten Abwärtstrend-Kanal.

Nach dem oben beschriebenen Ausreißer hat sich der Ölpreis zuletzt wieder „gefangen“ und kehrte in den Trendkanal zurück.

Der 14-Monats-Relative-Stärke-Index vermittelt Ihnen indes eine eindeutige Botschaft: Der Ölpreis befindet sich seit Oktober 2018 in einem Verkaufssignal!

Kurzfristiger Ausblick

WTI-Ölpreis in USD je Barrel

Auch der kurzfristige Ausblick bietet derzeit wenig Hoffnung auf Besserung: Der Abwärtstrend seit Februar 2020 ist intakt. Darüber liegt auch noch ein übergeordneter Abwärtstrend seit dem Jahreswechsel, der etwas weniger steil verläuft (gestrichelte rote Linie).

Das 50-Tage-Momentum ist zudem noch recht weit von einem Kaufsignal in Gestalt eines Trendbruches entfernt.

Fazit

Diese Botschaft muss man sich auf der Zunge zergehen lassen: Eines der reichsten Länder unseres Erdballs, Saudi-Arabien, gerät in eine finanzielle Schieflage! Wer hätte das noch vor wenigen Wochen für möglich gehalten.

Mit der geplanten Kreditaufnahme gesellen sich noch ein paar Milliarden USD mehr zu dem ohnehin schon gigantischen Schuldenturm dieser Welt. Und Sie dürfen sich einer Tatsache sicher sein: Saudi-Arabien ist nur die Spitze des „Öl fördernden“ Eisberges.

Wer glaubt, JETZT in Öl zu investieren, sei eine geradezu garantierte Gewinnmöglichkeit, der sollte bedenken: Solange der Lock-Down besteht, ändert sich rein gar nichts an der Angebot-Nachfrage-Situation.

Und selbst wenn gelockert wird, wird die Nachfrage nur sehr langsam wieder ansteigen: Denn zum einen sind viele Öllager derzeit noch gefüllt. Und danach müssen erst einmal sukzessive die vollgelaufenen Behältnisse – wie in unserem fiktiven Wasserhahn-Szenario – geleert werden.

Genau das bestätigt uns derzeit auch die aktuelle Charttechnik des Ölpreises.

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Andreas Sommer
Von: Andreas Sommer. Über den Autor

Andreas Sommer ist ein absoluter Börsen-Profi. Der gelernte Bankkaufmann war 10 Jahre als Wertpapierberater bei einer großen deutschen Bank tätig.

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