Schicksalswahl in Großbritannien: Johnson oder Corbyn?

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Selten stand so viel auf dem Spiel: Die heutige Wahl in Großbritannien dürfte die finale Weichenstellung für den Brexit bedeuten. (Foto: nito / shutterstock.com)

Heute ist es also soweit: Großbritannien wählt ein neues Parlament.

Umfragen sehen den amtierenden Premier Boris Johnson vorne, sein Vorsprung gegenüber Labour-Herausforderer Jeremy Corbyn schrumpfte aber zuletzt. Wird es also doch noch spannend?

Möglicherweise ja. Denn auch im britischen Königreich ist die Parteienlandschaft seit einigen Jahren ausdifferenzierter als man es lange Zeit gewohnt war. Früher war die Sache klar, entweder Labour oder Tory, eine ernstzunehmende Alternative gab es praktisch gar nicht. Nun aber buhlen auch Liberaldemokraten, Brexit-Hardliner und verschiedene Regionalparteien um die Gunst der Wähler – und das könnte für die Spitzenkandidaten durchaus zum Problem werden.

Wofür steht Jeremy Corbyn?

Das britische Wahlrecht ist in diesem Punkt simpel: Der Direktkandidat, der die meisten Stimmen eines Wahlkreises auf sich vereinen kann, zieht ins Unterhaus ein.

Nun haben viele Labour-Stammwähler ein Problem mit Jeremy Corbyn, der sich zwar einerseits für weitere Verhandlungen mit der Europäischen Union sowie ein zweites Referendum über den Brexit einsetzt – sich aber andererseits partout nicht festlegen will, wie er selbst sich denn bei einer solchen erneuten Volksabstimmung positionieren würde.

Das macht es für Europaliebhaber aus dem Remain-Lager schwer, in Corbyn eine wirkliche Identifikationsfigur zu sehen. Andererseits will der Labour-Chef diejenigen Wähler nicht verprellen, die sich seinerzeit für den Brexit ausgesprochen haben – immerhin waren sie damals, wenn auch knapp, in der Mehrheit.

Hardliner fordern harten Brexit statt Johnsons Deal

Auf der anderen Seite hat es Boris Johnson auch nicht leicht. Sein Wahlkampfslogan „Get Brexit Done“ bringt zwar auf den Punkt, wofür der aktuelle Amtsinhaber steht. Er hat in Brüssel nachverhandelt und will diesen Deal nun schnellstmöglich umgesetzt sehen, die aktuelle Brexit-Frist bis zum 31. Januar will der Mann unbedingt einhalten, der sich noch vor wenigen Monaten mit den Worten zitieren ließ, lieber werde er „tot im Graben liegen“ als das Königreich nicht zum 31. Oktober aus der EU zu führen. Der Ausgang ist bekannt, weder das eine noch das andere Ereignis ist zu Halloween eingetroffen.

Johnsons Deal aber geht den Brexit-Hardlinern nicht weit genug. Sie fordern einen harten Cut, einen Austritt ohne Wenn und Aber, kein Deal, kein Vertrag, einfach nur raus aus der EU. Fraglich ist daher am heutigen Wahltag, ob es dem Premier gelingen wird, dieses Lager dennoch von seinem Kurs zu überzeugen.

Strategisch wählen – welches Lager kann überzeugen?

Sowohl auf Seiten der Remain-Befürworter als auch bei den Brexiteers wurde in den vergangenen Tagen daher verstärkt dafür geworben, strategisch zu wählen, also nicht der eigentlichen Überzeugung zu folgen, sondern jeweils jenen Kandidaten im eigenen Wahlkreis zu unterstützen, der die besten Erfolgsaussichten hat – auch wenn manch ein Wähler Bauchschmerzen haben dürfte bei einer solchen Wahlentscheidung.

Wer die Priorität darauf legt, die EU zu verlassen, kann dabei getrost sein Kreuzchen bei den Tories setzen: Binnen weniger Monate hat Johnson die zuvor zerstrittene konservative Partei auf Linie gebracht. Alle Direktkandidaten haben sich vorab schriftlich verpflichtet, den vorliegenden Brexit-Deal zu unterstützen.

Corbyn hat sich auf der anderen Seite nicht so klar festlegen wollen. Seine Labour Party lässt sich weder dem einen noch dem anderen Lager in Sachen Brexit wirklich eindeutig zuordnen. Sein Eintreten für weitere Verhandlungen mit der EU könnte sich als eher kontraproduktiv erweisen: Auf der Insel hat längst ein gewisser Ermüdungseffekt eingesetzt. Dreieinhalb Jahre nach dem Austrittsreferendum sind viele Briten genervt von dem Thema. Unabhängig von den tatsächlichen Auswirkungen wollen sie den Brexit vor allem vom Tisch und raus aus den täglichen Schlagzeilen haben.

Schicksalswahl für die Geschichtsbücher

Doch zumindest soviel ist sicher: Selbst wenn Johnson heute gewinnen sollte und der Brexit zügig vollzogen würde – die entscheidenden Verhandlungen fangen danach erst richtig an. Es wird Jahre, eher Jahrzehnte dauern, bis das Thema Brexit tatsächlich erledigt sein wird.

Selten stand bei einer Parlamentswahl so viel auf dem Spiel wie heute. Egal, wer am Ende das Rennen macht: Es ist ein Schicksalstag in Großbritannien, der in die Geschichtsbücher eingehen wird.

Achim Mautz zum Brexit

Achim Mautz zum BrexitAuch Markt-Navigator Chefredakteur Achim Mautz hat die Entscheidung der Briten überrascht - allerdings nur politisch. Auf Investment-Seite hatte der Experte bereits vorgebaut. Wie seine Strategie aussah und warum er bereits… › mehr lesen


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David Gerginov
Von: David Gerginov. Über den Autor

David Gerginov publizierte unter anderem zum Thema Schuldenbremse und beschäftigt sich heute mit allen Fragen rund um Wirtschaft, Politik und Finanzen.

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