Schuldenkrise: Japan ist mein Geheimfavorit für den großen Knall

Heute sind die europäischen Aktienmärkte wieder mit großen Verlusten gestartet. Gerüchte über eine Abstufung der Kreditwürdigkeit Frankreichs und Italiens machten […] (Foto: William Potter / Shutterstock.com)

Heute sind die europäischen Aktienmärkte wieder mit großen Verlusten gestartet. Gerüchte über eine Abstufung der Kreditwürdigkeit Frankreichs und Italiens machten die Runde. Erst als klar war, dass sich die Wall Street davon unbeeindruckt zeigt, schaffte auch der DAX die Wende und schloss sogar leicht im Plus. Die Märkte reagieren weiterhin extrem nervös, wenn in Europa auch nur ein Gerücht über mögliche Zahlungsschwierigkeiten die Runde macht. Übersehen wird dabei aber eine viel größere Schuldenkrise: Japan steht am Rande des Abgrunds.

Ich habe hier im Schlussgong bereits kurz auf die Schwierigkeiten Japans hingewiesen und möchte die Krise heute noch etwas ausführlicher beschreiben. Denn die Japan-Krise wird die Titelseiten der Wirtschaftspresse prägen. Im Vergleich dazu ist die Griechenland-Krise nur eine kleine Randnotiz.

IWF empfiehlt Japan eine Mehrwertsteuer-Erhöhung

Japan hat mit einem öffentlichen Schuldenstand von 200% des BIPs eine wesentlich höhere Verschuldung als Griechenland oder Spanien. Die Rating-Abstufung auf AA, die zuletzt auch Spanien hinnehmen musste (wie gestern hier im Schlussgong beschrieben), hat Standard & Poor’s den Japanern bereits im Januar verpasst – und zusätzlich noch mit einem negativen Ausblick bekräftigt. Fitch folgte mit einer Warnung und auch Moody’s drohte mit Konsequenzen, falls Japan nicht an der Sanierung des Haushalts festhält.

Einen möglichen Lösungsansatz, um der Schuldenmisere zu entkommen, sieht der Internationale Währungsfonds (IWF) in einer Erhöhung der Mehrwertsteuer. Im Moment liegt diese bei nur 5% und könnte schrittweise auf 20% angehoben werden. So einfach wie der IWF die Lage sieht, ist sie aber nicht.

Japans Sparquote fällt

In den vergangenen 20 Jahren ist die japanische Sparquote von über 15% auf unter 5% gesunken. Es droht sogar eine negative Sparquote. Durch die gesunkene Sparquote wird die Refinanzierung der Staatsschulden schwieriger. Denn: Bisher haben die japanischen Sparer eifrig Staatsanleihen mit Mini-Zinsen erworben. Dadurch musste Japan kaum Geldgeber im Ausland suchen.

Sollte aber jetzt die Mehrwertsteuer erhöht werden, wie vom IWF vorgeschlagen, wird das Problem „Staatsschuld“ weiter verschärft. Denn: Steigen die Konsumausgaben aufgrund der Steuererhöhung, bleibt für die japanischen Haushalte weniger zum Sparen. Dann fehlen die Abnehmer für die neuen Staatsanleihen.

Dass auf Japan noch nicht die mediale „Hetzjagd“ eröffnet wurde, wie es bei Griechenland der Fall war, hängt also in erster Linie mit dieser außergewöhnlichen Struktur der Staatsschulden zusammen. Lediglich rund 5% der japanischen Schulden liegen bei Gläubigern im Ausland.

Rezession: Auswirkungen auf die WirtschaftDie Wirtschaftsleistung schrumpft schon wieder? Rezession, Auswirkungen und ihre Definition.  › mehr lesen

Zinsniveau  und Refinanzierung sind das Damoklesschwert

Sollte es für Japan in Zukunft nicht mehr möglich sein, das Geld zur Refinanzierung bei den eigenen Bürgern aufzutreiben, führt das zu einer Kettenreaktion. Ausländische Investoren, die sich der japanischen Staatsfinanzen bewusst sind, werden zu den aktuell historisch niedrigen Zinsen den Japanern keinen Cent leihen. Das Risiko ist zu groß. Werden die Zinsen erhöht, um Investoren anzulocken, wird Japan von der gigantischen Schuldenlast erdrückt.

Japan steckt also in einem echten Dilemma. Finanzpolitisch geht der Staat mit einer Erhöhung der Mehrwertsteuer das Risiko ein, vom internationalen Kapitalmarkt abhängig zu werden.

Das kann schnell unbezahlbar werden. Bleibt, wie die Regierung versicherte, eine Erhöhung der Mehrwertsteuer aus, wird das Problem nur unwesentlich hinausgezögert. Dann fehlen die Steuereinnahmen. Schon jetzt wird es daher schwer, auf ausländisches Geld zu verzichten.

Die Bevölkerungsstruktur verschärft noch das Schuldenproblem

Hinzu kommt ein strukturelles Problem: Die japanische Bevölkerung ist relativ alt. Die ältere Bevölkerung kann weniger Kapital sparen. Im Gegenteil: Im Alter werden Ersparnisse aufgelöst.

Die japanischen Rentner suchen Käufer für die Staatsanleihen. Und zusätzlich sucht der japanische Staat regelmäßig Investoren, die die neuen Staatsanleihen kaufen. Es ist völlig unklar, wie dieses Problem gelöst werden soll.

Wie gesagt: Von der Größenordnung her ist dagegen das Schulden-Problem der Griechen fast bedeutungslos. Die große Bombe tickt in Japan. Es bleibt ein Rätsel, warum die Kapitalmärkte aktuell nur auf Europa schauen und die Schuldenkrisen in Japan und in den USA ignorieren.


© Verlag für die Deutsche Wirtschaft AG, alle Rechte vorbehalten
Von: Rolf Morrien. Über den Autor

Rolf Morrien ist nicht nur Chefredakteur von „Morriens Einsteiger-Depot“, dem „Depot-Optimierer“, von „Das Beste aus 4 Welten“ und von „Rolf Morriens Power Depot“, er ist auch einer der renommiertesten Börsenexperten Deutschlands.

Profitieren Sie von unserem kostenlosen Informations-Angebot und erhalten Sie regelmäßig den kostenlosen E-Mail-Newsletter von Rolf Morrien. Herausgeber: GeVestor Verlag | VNR Verlag für die Deutsche Wirtschaft AG. Sie können sich jederzeit wieder abmelden.

Hinweis zum Datenschutz