Schweizer Wirtschaftsaussichten trüben sich ein

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Die Abkühlung der globalen Konjunktur und die Aufwertung des Frankens gehen an der Schweiz nicht spurlos vorüber. (Foto: MR.LIGHTMAN1975 / Shutterstock.com)

Vieles deutet darauf hin, dass sich das Wirtschaftswachstum in der Schweiz verlangsamen wird. Die Abkühlung der globalen Konjunktur und die Aufwertung des Frankens gehen an der Schweiz nicht spurlos vorüber. Die Konjunkturinstitute haben ihre Prognosen für das Wachstum des realen Bruttoinlandsproduktes (BIP) unisono zurückgenommen. Die Konjunkturforschungsstelle KOF der ETH Zürich hat in ihrer jüngsten Herbstprognose die Wachstumsrate für das laufende Jahr von 1,6 auf 0,9% nach unten revidiert und für das kommende Jahr von 2,3 auf 1,9%.

Das Staatssekretariat für Wirtschaft (SECO) rechnet damit, dass sich die Weltwirtschaft noch stärker als zuletzt im Sommer abkühlen wird. SECO prognostiziert für dieses Jahr ein BIP-Wachstum von 0,8% und für 2020 von 1,7%. Sowohl der erneute Rückgang des Welthandels als auch die schwächere Konjunktur im Euroraum haben die Wirtschaftssituation für die Schweiz eingetrübt.

Hinzu kommen die Auswirkungen des Handelskonflikts zwischen den USA und China sowie die drohenden protektionistischen Maßnahmen der USA gegen die EU, die die Schweizer Automobilindustrie hart treffen könnte. Aber auch andere Branchen müssen sich auf eine Wachstumsabschwächung einstellen. Laut der Konjunkturexperten des KOF sind insbesondere die konjunktursensitiven Metall-, Maschinen- und Elektroindustrien betroffen, deren Auftragseingänge schwächeln. Unter dem stärkeren Franken leidet die Tourismusindustrie, da sich Reisen in die Schweiz verteuern.

Selbst die Pharmaindustrie, die traditionell weniger konjunktursensitiv ist, muss sich durch verschärfte Preisregulierungen auf niedrigere Margen einstellen. Der Arbeitsmarkt wird vom Abschwung ebenfalls nicht verschont bleiben. KOF erwartet, dass die Arbeitslosenquote 2020 von 2,3 auf 2,6% anziehen könnte. Damit würde sich die Arbeitslosigkeit weiterhin auf einem niedrigen Niveau bewegen. Von einem starken Lohndruck gehen die Konjunkturforscher aber nicht aus. Vielmehr würde der immer noch stabile Arbeitsmarkt das Konsumklima stützen.

Belastungen für die Binnenkonjunktur

Die seit Jahren anhaltende Hochkonjunktur in der Baubranche, die zuletzt eine wichtige Stütze der Schweizer Wirtschaft war, droht sich langsam dem Ende zuzuneigen. Die Zahl der Wohnungsneubauten liegt seit geraumer Zeit über der Zahl der Haushaltsneugründungen; eine Situation, die nicht unbegrenzt fortgesetzt werden kann. Auf der Währungsseite ist mit keiner Entlastung zu rechnen. Der Aufwärtsdruck auf den Franken dürfte Bestand haben, da die Schweizer Notenbank ihre Zinspolitik an die der Europäischen Zentralbank anlehnt und eine weitere Zinssenkung wahrscheinlich ist.

Die niedrigen Finanzierungskosten begünstigen das Investitionsklima. Aber aufgrund der rückläufigen Auslastung der Produktionskapazitäten, der schwächeren Auftragseingänge und der gestiegenen Unsicherheit hinsichtlich des Nachfrageverhaltens dürften die Investitionen der Schweizer Unternehmen verhaltener ausfallen, was die Binnenkonjunktur belastet.

SMI erklimmt 10.000-Punkte-Marke

Der Schweizer Leitindex SMI zeigt sich bis jetzt von dem schwächeren Konjunkturausblick unbeeindruckt. Mitte des Jahres wurde die 10.000-Punkte-Marke geknackt. Aktuell notiert der Index, der sich aus 20 Unternehmen zusammensetzt, leicht darunter. Auf Jahressicht steht aber ein Plus von rund 17% zu Buche. Mit der Performance konnte der SMI andere namhafte Indizes wie den DAX (+13,7%) oder den Dow Jones Industrial (+13,9%) hinter sich lassen. Anlässlich der historischen Marke von 10.000 Punkten lohnt sich auch ein kurzer Blick zurück.

Der SMI wurde am 30. Juni 1998 mit einem Anfangsstand von 1.500 Punkten ins Leben gerufen. In rund 21 Jahren erfuhr er folglich eine Wertsteigerung von 666% bzw. einer jährlichen Durchschnittsrendite von 11,5%. Diese Zahlen zeigen eindrucksvoll das Wertschöpfungspotenzial von Unternehmen beziehungsweise Aktien und warum Albert Einstein den Zinseszins als das achte Weltwunder bezeichnete.

Der Kandidatenkreis schrumpft

Viele der von mir beobachteten Unternehmen konnten sich dem allgemeinen Trend nicht entziehen, und die Konjunkturabschwächung hat auf ihre Erfolgsrechnungen durchgeschlagen. Entsprechend ist der Kreis an Schweizer 4- und 5-Sterne-Werten in der Aktien-Analyse weiter geschrumpft. Der bisheriger 5-Sterne-Wert Bossard musste seine Umsatzprognose aufgrund des spürbaren Nachfragerückgangs im 2. Quartal senken. Insbesondere das US-Geschäft bremste.

Mit den beiden Großkunden Deere und Tesla liefen die Geschäfte schlechter. Deere litt unter der Investitionszurückhaltung der US-Farmer infolge der chinesischen Zollpolitik. Und Tesla hat den Produktmix beim Model 3 verändert. Ob es bei Bossard zu einem weiteren Rekordjahr reicht, ist fraglich. Von der Qualität des Konzerns und den mittel- sowie langfristigen Aussichten bin ich überzeugt.

Unbeeindruckt zeigte sich hingegen Belimo im 1. Halbjahr. Der Wachstumskurs wurde mit zweistelligen Zuwächsen beim Umsatz und Gewinn konsequent fortgesetzt. Die Umsatzrendite erreichte mit 15% einen neuen Spitzenwert. Ein weiteres Rekordjahr scheint nur Formsache zu sein. Mit einem KGV von mehr als 30 spiegeln sich die gute Performance und die vielversprechenden Aussichten allerdings auch im Aktienkurs wider.

Ebenfalls positiv zu erwähnen ist Interroll. Das Unternehmen konnte in der 1. Jahreshälfte mit deutlichen Zuwächsen beim Umsatz (+8,4%) und Gewinn (+24,2%) glänzen. Der Auftragsbestand ist solide; die Auftragseingänge waren hingegen rückläufig. Neue Rekordergebnisse sind wahrscheinlich, aber die Wachstumsdynamik dürfte sich abschwächen.

Schweizer Börse setzt Einschnitte beim Aktienhandel durch

Die Schweiz lässt den Börsenstreit mit der EU eskalieren. Seit dem 1. Juli dürfen keine Schweizer Aktien mehr über Handelsplätze in der EU gehandelt werden. Im Kern geht es um den sperrigen Begriff der Börsenäquivalenz. Das bedeutet, dass die Staaten untereinander anerkennen, dass an allen Börsen die gleichen Handelsstandards gelten und deshalb allen Marktteilnehmern uneingeschränkter Zugang zu allen Handelsressourcen gewährt wird. Für uns Investoren ist das der wünschenswerte Zustand, da durch die hohe Liquidität die besten Preise für den Kauf und Verkauf von Wertpapieren gewährleistet werden.

Die EU hat jedoch der Schweiz nur eine befristete Börsenäquivalenz gewährt. Die Schweiz fordert eine unbefristete Anerkennung und ergriff deshalb zum Stichtag 1. Juli Schutzmaßnahmen. Seitdem ist es an allen EU-Handelsplätzen untersagt, mit Schweizer Aktien zu handeln. Der Handel ist seit 1. Juli ausschließlich in der Schweiz und an Nicht-EU-Handelsplätzen möglich. Für die Schweizer Werte selbst sind durch die Einschränkungen keine negativen Auswirkungen sichtbar geworden.

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Volker Gelfarth
Von: Volker Gelfarth. Über den Autor

Der Diplom-Ingenieur lernte die Schwächen und Stärken eines Unternehmens selbst als Manager kennen, bevor er sich voll und ganz der Value-Analyse widmete. Er ist Chefredakteur für die Dienste Aktien-Analyse, Gelfarths Dividenden-Letter, Gelfarths Premium-Depot und High Performance Depot.

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