Schwellenland oder Wirtschaftswunderland?

Ein Mittelmeerstatt trotzt der Wirtschaftskrise. Die Türkei lockt europäische Unternehmen. Aber wie sieht es für Aktienanleger aus? (Foto: Zadorozhnyi Viktor / Shutterstock.com)

Europa steckt in einer Krise. Insbesondere die Mittelmeerländer leiden unter der latenten Staatsverschuldung, der darniederliegenden Wirtschaft und hoher Arbeitslosigkeit. Soweit berichte ich Ihnen nicht wirklich Neues.

Doch auf der geografischen Landkarte gibt es Ausnahmen. Als Lokalpatriot fällt einem spontan Deutschland ein. Teilweise einverstanden. Aber wir sind kein Mittelmeeranlieger.

Also weiter auf der Landkarte gesucht. Weiter süd-östlich. Ein Mittelmeeranrainer ist gesucht. Der jüngst von unserer Bundeskanzlerin besucht wurde.

Griechenland kann es nicht sein, da lässt sich Frau Merkel aus wohlbekannten Gründen derzeit besser nicht blicken.

Richtig, die Rede ist von der Türkei.

Gerne noch als Schwellenland (= ein Staat im fortgeschrittenen Prozess seiner wirtschaftlichen Entwicklung) bezeichnet, hat das Land der zwei Kontinente mit seinen knapp 75 Mio. Einwohnern im vergangenen Jahrzehnt ein beachtliches Wirtschaftswachstum hingelegt.

Während das Bruttoinlandsprodukt ( = Gesamtwert aller Güter und Dienstleistungen, die innerhalb eines Jahres in einer Volkswirtschaft erwirtschaftet werden)  in der Europäischen Union (EU)  in den letzten 10 Jahren um durchschnittlich 1,2% p.a. wuchs, konnte die Türkei durchschnittlich jährlich um 5,1% zulegen.

Nach einer Wachstumsdelle im Wirtschaftswachstum von 2,9 Prozent in 2012 wird für das laufende Jahr wieder eine Beschleunigung auf 4-5 Prozent erwartet

Kein Wunder, das das Land am Bosporus derzeit vor wirtschaftlichem Selbstbewusstsein nur so strotzt.

Die Türkei, das neue Wirtschaftswunderland

Das Wachstum in der Krise kommt nicht von ungefähr. Denn das Land nutzt seine geografisch gute Lage geschickt aus.

Als Bindeglied zweier Kontinente kann es den Nachfragerückgang aus Europa  durch mehr Ausfuhren in den mittleren Osten, nach Asien und nach Afrika ausgleichen.

Daher eher ein Selbstverständlichkeit, dass nach jahrelanger Abstinenz die Bundeskanzlerin Anfang dieser Woche das deutsch-türkische Wirtschaftsforum in Ankara beehrte. Im Schlepp eine nicht unerheblich große Unternehmerdelegation.

Reisen bildet. Und so konnte vielleicht auch Frau Merkel sich einiges von der derzeitigen Regierung um Ministerpräsident Tayyip Erdogan abschauen.

Denn das Vorzeigeland glänzt mit solidem Wachstum, moderater Inflation, niedriger Staatsverschuldung und einer umsichtigen Finanz- und Geldpolitik.

Tugenden, die auch anderen Staaten gut zu Gesicht stünden.

Ob die Kanzlerin positive Erkenntnisse für sich und ihre Regierungsarbeit gewinnen konnte, ist nicht bekannt. Ebenso wenig ob Herr Erdogan ihr an sofort als politischer Wirtschafsberater zur Verfügung steht.

Klare Bekenntnisse zur wirtschaftlichen Zusammenarbeit jedoch seitens der mitreisenden Unternehmerdelegation. Denn für deutsche Unternehmen spielt das Land der geteilten Kontinente seit Jahren eine immer größere Rolle als Produktionsstandort.

5.000 deutsche Unternehmen sind bereits vor Ort

Gab es 1995 noch 500 Unternehmen in deutscher  Hand oder mit deutscher Beteiligung, ist deren Zahl zwischenzeitlich auf 5.000 angewachsen. Tendenz steigend.

Denn die räumliche Nähe zum Nahen Osten, Asien und Afrika ist ein klarer Standortvorteil.

Auch die junge Bevölkerungsstruktur (Durchschnittsalter <30 Jahre) ist sowohl als Arbeitskräftepotential als auch als Konsumentengruppe nicht zu unterschätzen.

Alles bestens also aus Sicht der Wirtschaft. Auch die Ratingagenturen tragen der positiven Wirtschaftsentwicklung Rechnung, Fitch Ratings hat die Türkei im vergangenen Jahr bereits auf Investmentgrade heraufgestuft, Moodys´ wird wohl demnächst nachziehen.

Früher als die Agenturen haben die weltweit agierenden Aktienanleger die sich bietenden Chancen erkannt und kräftig investiert.

Der  türkische Leitindex ISE-100, ein Kursindex, der die 100 größten türkischen Werte nach ihrer Marktkapitalisierung  abbildet, hat in den vergangenen fünf Jahr deutlich zugelegt.

Jährliche Gewinne zwischen 24% und 96% erfreuten das Herz der Aktienanleger. Und wechselten sich ab mit jährlichen Kursverlusten von -22% und -51%.

Kein Markt für schwache Nerven also mit garantiertem Aufwärtspotential. Auch wenn der im Januar des Vorjahres gestartete Aufwärtstrend in unserem Point&Figure-Chart weiterhin Gültigkeit hat.

Das ausgewiesene Kursziel von 94.000 Punkten konnte bislang noch nicht ganz erreicht werden, wurde jedoch durch weitere Point&Figure-Kaufsignale aber mehrfach bestätigt. Sogar Kurse bis 107.000 Punkten lassen sich aus dem historischen Kursverlauf ableiten.

Alles Rosa-Rot also für türkische Aktien. Her mit den Kaufempfehlungen.

Doch so schnell schießen wir Point&Figure-Trader nicht. Denn wir benötigen immer noch den zweiten Blick auf den Chart.

Und wie so oft, gibt es hier Warnzeichen.

Noch befindet sich der ISE-100 oberhalb seiner Unterstützungslinie. Aber die letzten 4 roten O-Säulen im Chart signalisieren Gefahr. Aktuell haben wir nämlich ein Point&Figure-Verkaufssignal für den ISE-100.

Kursziel 70.000 vorerst. In diesem Bereich verläuft dann auch eine Unterstützungslinie aus dem November 2012.

Sie sehen, ein risikoloser Einstieg in den Index, und damit auch in Einzelwerte ist aktuell nicht möglich. Der Chance auf steigende Kurse steht ein nicht unerhebliches Verlustrisiko gegenüber.

Es heißt daher abzuwarten. Ob die Kurse einen Indexstand von 70.000 erreichen und dort dann aufwärts drehen. Oder ob wir mit Überschreiten der 79.500 Punkte schon ein neues Point&Figure-Kaufsignal sehen.

Für die Leser des Point&Figure Trader werde ich Kursindex der Istanbul Stock Exchange sehr aufmerksam beobachten. Denn groß ist die Chance, dass wir, wenn eine charttechnische  Entscheidung fällt, ansehnliche Kursgewinne machen werden.

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Von: René Neukirch. Über den Autor

René Neukirch, Jahrgang 1963, ist Händler. Parketthändler. Zumindest nannte man es damals, vor über 26 Jahre so. Mit nur 22 Jahren hatte er sich schon vom einfachen Bankkaufmann hochgearbeitet zum Parketthändler und ist seitdem der Leidenschaft Börse verfallen.

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