Schwerindustrie: Jingye Group will insolvente British Steel für 70 Mio. GBP übernehmen

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In Großbritannien bahnt sich ein Übernahmegeschäft an, das von enormer politischer Bedeutung sein kann. (Foto: crystal51 / Shutterstock.com)

Auf den ersten Blick ist das 70-Millionen-Pfund-Angebot, das die chinesische Jingye Group heute für die Übernahme der insolventen British Steel gemacht hat, kein Megadeal. Auch wenn das Angebot mit 70 Mio. GBP sehr niedrig ausfällt, möchte ich Ihnen davon berichten. Denn die Offerte aus dem fernen Osten hat eine enorme politische Bedeutung.

Für die britische Regierung, die ja bekanntlich kurz vor Neuwahlen steht, käme der Deal zur rechten Zeit. Durch die Übernahme könnte eine Vielzahl an britischen Arbeitsplätzen gerettet werden. Die Chinesen wiederum können sich – sofern der Deal zustande kommt – für wenig Geld gleich mehrere europäische Stahlstandorte sichern.

Viele Jobs stehen auf der Kippe

British Steel ist ein bedeutender Arbeitgeber im strukturschwachen Norden Englands. In seinen Werken in Scunthorpe und Teeside beschäftigt der Stahlkonzern alleine 4.000 Mitarbeiter, die durch die Insolvenz massiv um ihre Arbeitsplätze bangen müssen.

Weitere 1.000 Arbeitsplätze stehen in den British-Steel-Niederlassungen in Hayange (Frankreich) und Ijmuiden (Niederlande) auf der Kippe. Hinzu kommen noch etwa 20.000 Arbeitsplätze in den Zulieferunternehmen von British Steel.

Chinesen wollen investieren

Die Jingye Group ist ein Mischkonzern, der sowohl in der Stahlproduktion aber auch in den Bereichen Tourismus und Immobilien aktiv ist. Mit seinen 23.500 Mitarbeitern liegt das Unternehmen nach eigenen Angaben auf Platz 217 unter den TOP 500 der chinesischen Wirtschaft.

Laut Informationen der BBC hat sich der chinesische Mischkonzern bereit erklärt, auch nach der Übernahme in die Stahlwerke von British Steel zu investieren. So soll die Stahlproduktion am Standort Scunthorpe von derzeit 2,5 Mio. Tonnen pro Jahr auf mehr als 3 Mio. erhöht werden.

Darüber hinaus sollen die Chinesen eingewilligt haben, weitere finanzielle Mittel in den Erhalt der Stahlwerke zu stecken. Allerdings ist auch davon auszugehen, dass Jingye die hohen Produktionskosten in den britischen Werken senken wird.

Der lange Leidensweg der British Steel

Wie so viele europäische Stahlkonzerne hat auch British Steel eine lange Durststrecke hinter sich. Der drittgrößte Stahlhersteller Großbritanniens entstand 1967 durch die Verstaatlichung diverser Stahlfirmen. Im Jahre 1988 wurde der Staatskonzern unter der Thatcher-Regierung wieder privatisiert. 1999 fusionierte das Unternehmen mit dem niederländischen Konzern Koninklijke Hoogovens zur Corus Group.

Acht Jahre später wurde die Corus Group vom indischen Stahlriesen Tata Steel übernommen. Im April 2016 verkaufte Tata das Unternehmen für 1 GBP an die Investmentfirma Greybull Capital, die das Stahlunternehmen wieder in British Steel Limited umbenannte. Am 22. Mai 2019 geriet British Steel in die Insolvenz, nachdem die Regierung ein Rettungsdarlehen in Höhe von 30 Millionen Pfund verweigert hatte.

Übernahme durch Türkischen Fonds scheiterte

Im August dieses Jahres erklärte Ataer – ein Tochterunternehmen des Pensionsfonds der türkischen Armee (Oyak) – British Steel zum Jahresende übernehmen zu wollen. Aus der vorläufigen Übernahmevereinbarung wurde jedoch nichts, so dass British Steel wieder zur Disposition stand.

Chinesen als Retter

Es klingt wie eine Ironie des Schicksals, dass gerade Chinesen, die aufgrund ihres Preisdumpings als Totengräber der europäischen Stahlindustrie gelten, jetzt als Retter von British Steel gefeiert werden. Aber in der Not frisst der Teufel bekanntlich Fliegen und so begrüßen sogar die britischen Stahlgewerkschaften eine Übernahme durch die chinesische Jingye Group.

So teilte die britische Stahlgewerkschaft Community mit: „Wenn sich das neue Übernahmeangebot bestätigt, dann begrüßen wir diesen positiven Schritt zur Sicherung von British Steel unter dem neuen Eigentümer.“

Laut BBC ist davon auszugehen, dass die Mitarbeiter von British Steel heute über den Stand der Dinge informiert werden. Es wird ferner erwartet, dass es im Verlauf des heutigen Tages zu einer offiziellen Erklärung durch den britischen Stahlkonzern kommen wird.

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Jens Gravenkötter
Von: Jens Gravenkötter. Über den Autor

Der gewiefte Börsen-Profi Jens Gravenkötter verdankt seinen Erfolg nicht zuletzt seinem Wissen aus seiner Ausbildung zum Bankkaufmann und seinem Studium der Volkswirtschafslehre.