Siemens-Chef auf Hauptversammlung wegen Dresser Rand-Übernahme unter Beschuss

Es kann ja nicht jeden Tag nach oben gehen. Der deutsche Leitindex DAX hat seinen Höhenflug heute ausnahmsweise einmal unterbrochen und fällt am Nachmittag in etwa um 1,5% zurück.

Die Zahl von 10.640 an der Anzeigetafel zeigt jedoch weiterhin: Das Börsenjahr 2015 startet mit viel Rückenwind. Getrieben von der Geldflut der Europäischen Zentralbank EZB werden potenzielle Risiken weggefegt und im großen Stil zugegriffen.

Was am Aktienmarkt gilt, trifft offenbar auch auf den Übernahme-Markt zu. Viele Konzerne kauften zu und Europa steuert auf einen starken Übernahme-Monat zu. Nicht wenige Branchenkenner sind zudem davon überzeugt, dass das Tempo weiter hoch bleiben wird.

Deutsche Unternehmen sowohl Ziele als auch Bieter

Der Übernahme-Sensor rechnet sogar mit einer Zunahme der Übernahme-Aktivität. Heute wurde die Wachstumsprognose der Bundesregierung auf 1,5% nach oben korrigiert, das Geld ist billig und(!) – nicht zu unterschätzen – die Euroschwächeverbessert für US-Unternehmen und amerikanische Private Equity-Gesellschaften das Übernahme-Klima zusätzlich.

Deutsche Unternehmen sind jedoch nicht nur Ziele, sondern auch Jäger. Mit starken Bilanzen im Rücken werden Sie 2015 eine Reihe deutscher Unternehmen auch auf der Käuferseite sehen.

Nicht jeder Deal wird sich dabei auszahlen. Unerwartete Integrations-Probleme und schlechtes Timing könnten dem ein oder anderen Käufer teuer zu stehen kommen. Dies führt naturgemäß auch zu unzufriedenen Anlegern, die sich dann auf der Hauptversammlung Luft verschaffen. Aktuelles Beispiel: Siemens!

Dresser Rand: Nach Ölpreis-Einbruch wirkt Kaufpreis unverhältnismäßig

Heute fand in München die Hauptversammlung des DAX-Schwergewichts statt. Neben den Zahlen für das abgelaufene Geschäftsjahr, überraschenden Personalentscheidungen und sehr wichtigen Themen zur Strategie, stand auch die Dresser Rand-Übernahme im Zentrum des Interesses.

Dabei geriet Siemens-Chef Joe Kaeser ein wenig unter Beschuss. Denn Siemens zahlte aufgrund eines Bieterwettkampfes mit dem Schweizer Unternehmen Sulzer einen hohen Preis für Dresser Rand.

Dieser Preis wäre bei der damaligen Bewertung und der kalkulatorischen Perspektive zwar noch zu rechtfertigen gewesen, doch wirkt der Preis nach dem Ölpreisverfall auf einmal völlig unverhältnismäßig hoch – besonders nach den jüngsten Zahlen.

Siemens ist mehr als nur Dresser Rand

Der Unmut ist daher zu verstehen. Doch kann man dem Siemens-Management wirklich vorwerfen, hier fahrlässig gehandelt zu haben oder etwas falsch eingeschätzt zu haben? Nur die Wenigsten sind davon ausgegangen, dass der Ölpreis dermaßen einbrechen würde.

Es ging dem Management um die Erschließung einer neuen Wachstumsquelle in den USA. Einem Land, wo das Dresser Rand-Geschäft boomt. Sich geographisch breit aufzustellen, Synergien zu heben und mit Weitsicht zuzukaufen ist immer gut.

Man könnte eher sagen, dass Siemens Pech gehabt hat. Der Dresser Rand-Zukauf könnte noch zu Abschreibungen führen – aber da ist auch noch nichts sicher. Der Ölpreis wird mit Sicherheit nicht über Jahre bei unter 50 $ verharren.

Investoren sollten sich nicht auf die Dresser Rand-Übernahme versteifen. Wichtiger sind derzeit andere Bereiche. Wie gut ein Manager ist, liest sich an der Gesamtleistung ab. Jeder Manager kann einmal Pech haben.

Wenn Siemens-Chef Joe Kaeser die Effizienz in der Medizintechniksparte planmäßig steigert und das Gewinnversprechen von +15% einlöst, dann wird Dresser Rand auf der nächsten Hauptversammlung nicht mehr im Zentrum des Interesses stehen.

27. Januar 2015

© Verlag für die Deutsche Wirtschaft AG, alle Rechte vorbehalten
Von: Jens Gravenkötter. Über den Autor

Ein gewiefter Börsen-Profi leitet die Recherche beim "Übernahme-Gewinner". Jens Gravenkötter ist Chefredakteur bei dem erfolgreichen neuen Service.

Regelmäßig Informationen über Marktanalysen erhalten — kostenlos!
Profitieren Sie von unserem kostenlosen Informations-Angebot und erhalten Sie regelmäßig die neusten Informationen von Jens Gravenkötter. Über 344.000 Leser können nicht irren.

10 Dividendenaktien, deren Dividende IMMER steigt