Siemens steht nun unter besonderer Beobachtung

Siemens Logo RED – shutterstock_466238873 wallix

Die Aufforderung an Siemens, vertragsbrüchig zu werden, macht die aktuelle Diskussion um den Münchener Technologiekonzern zu einer Besonderheit (Foto: wallix / Shutterstock.com)

Wie eine einzige, vermeintlich nebensächliche Entscheidung den Ruf eines Weltkonzerns aufs Spiel setzen kann, muss derzeit der Münchner Technologiekonzern Siemens erfahren. Nebensächlich, weil das Auftragsvolumen mit gerade einmal 20 Millionen Euro in der Gesamtschau eines Konzerns mit einem Umsatz von 86,0 Milliarden Euro nachgerade lächerlich ist. Vermeintlich, weil sich Siemens mit dem Entschluss, Signaltechnikanlagen für eine Zugstrecke zu liefern, die das australische Carmichael-Kohlebergwerk mit dem Meer verbinden soll, ins umweltpolitische Abseits manövriert hat.

Das Besondere des Falles

Zu einer Besonderheit wird dieser Fall nicht, weil Fragen der Nachhaltigkeit, heutzutage zusammengefasst unter dem Oberbegriff „ESG“, mit dem Umwelt- und Soziale Themen sowie Fragen der guten Unternehmensführung bezeichnet werden, nicht erst seit dem Aufflammen der Friday For Future-Bewegung zu relevanten Themen in der Öffentlichkeit geworden sind.

Eine neue Dimension erfährt die Causa Siemens, weil von dem Unternehmen gefordert wird, aus einem geschlossenen Vertrag auszusteigen. Auf gut Deutsch: Vorsätzlich vertragsbrüchig zu werden. Damit wenden sich die Umweltaktivisten gegen das „G“ in ESG, in diesem Fall also gegen die Bereitschaft eines Unternehmens, sich in jeder Lage rechtskonform zu verhalten.

Begrenzte Handlungsspielräume

Dabei hat die Unternehmensführung keine andere Wahl, als sich an einen geschlossenen Vertrag zu halten. Würde sich der Vorstand etwa zur Vermeidung eines umweltpolitischen Reputationsverlustes bewusst gegen die Einhaltung eines geschlossenen Vertrages entscheiden, hätte dies für ihn gravierende Folgen. Und zwar auf persönlicher Ebene. Der vorsätzliche Vertragsbruch ist nämlich nicht von der sogenannten D&PO-Versicherung abgedeckt. Darunter wird die Vermögensschadenhaftpflichtversicherung von „Directors and Officers“ verstanden, die ein Unternehmen für seine Organmitglieder und leitenden Angestellten abschließt.

Bei einem vorsätzlichen Vertragsbruch haftet der Vorstand mit seinem persönlichen Vermögen unbegrenzt für sämtlichen Schäden, der durch sein Handeln entsteht. Gut, könnte man nun entgegnen, das Vertragsvolumen wäre mit 20 Millionen Euro für einen Spitzenverdiener durchaus machbar. Im Fall der australischen Kohlemine könnten die Schäden jedoch deutlich höher ausfallen, wenn etwa der Vertragspartner entgangene Gewinne wegen des absehbaren Produktionsausfalls geltend machen würde. Damit nicht genug, im Extremfall droht dem Vorstandsvorsitzenden Joe Käser sogar eine Freiheitsstrafe, da Vertragsbruch auch strafrechtliche Relevanz hat.

Vorsorge ist besser als Nachsorge

Besser wäre es gewesen, wenn Siemens gar nicht erst in diese Zwickmühle geraten wäre. Zumal sich Siemens in der Ära Käser als deutscher Vorzeigekonzern präsentieren will, nicht zuletzt, weil Käser wiederholt gefordert hat, das Unternehmen stelle den Zweck seines Handelns in den Vordergrund, und nicht die erzielbaren Gewinne. Zum Zeitpunkt des Vertragsabschlusses ist Siemens aber den Beweis, seine ethischen Grundsätze ernst zu nehmen, schuldig geblieben. Da ist es wenig hilfreich, wenn man sich nun kleinlaut eingesteht, den Auftrag nur trotz anfänglicher Bedenken durchgewunken zu haben. Nein, fürs erste hat Siemens den umweltpolitischen „Schwarzen Peter“ in der Hand.

Siemens Healthineers Aktie RED – shutterstock_1432132040

Siemens Healthineers auf dem Weg in den DAXDank einer Übernahme besitzt Siemens Healthineers gute Chancen auf den DAX-Aufstieg. Die Aktie legt erst einmal den Rückwärtsgang ein.  › mehr lesen


© Verlag für die Deutsche Wirtschaft AG, alle Rechte vorbehalten
thilo-hassler-experte
Von: Peter Thilo Hasler. Über den Autor

Peter Thilo Hasler ist seit über 25 Jahren als Finanzanalyst tätig, zunächst für einige große Investmentbanken, seit 2010 in seiner eigenen Research-Firma. Als Analyst berät er namhafte Fondsmanagern und Vermögensverwalter weltweit.

Profitieren Sie von unserem kostenlosen Informations-Angebot und erhalten Sie regelmäßig den kostenlosen E-Mail-Newsletter von Peter Thilo Hasler. Herausgeber: GeVestor Verlag | VNR Verlag für die Deutsche Wirtschaft AG. Sie können sich jederzeit wieder abmelden.

Hinweis zum Datenschutz