Sind 100-jährige Staatsanleihen auch was für Sie?

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Der US-Finanzminister denkt über die Auflage bis zu 100-jähriger Staatsanleihen nach. Wir auch – aber über deren Sinn. (Foto: Kamira / Shutterstock.com)

Gewiss haben Sie es auch mitbekommen: Der amerikanische Finanzminister Steven Mnuchin denkt darüber nach, US-Staatsanleihen mit einer Laufzeit von 50 oder gar 100 Jahren aufzulegen.

Unser Nachbarland Österreich hat so etwas bereits im Jahr 2017 praktiziert: Seinerzeit wurde eine 100-jährige Staatsanleihe ausgegeben.

Wir schauen heute und morgen einmal, was hinter diesen Überlegungen steckt. Und natürlich werden wir klären, ob so etwas für Sie – in diesen Niedrigzins-Zeiten ein geeignetes Investment darstellt.

Oder gibt es vielleicht sinnvolle Alternativen dazu? Lassen Sie sich überraschen!

Verkehrte Zinswelt

Am vergangenen Freitag habe ich für mein frisch geborenes Enkelkind ein Sparbuch eingerichtet. Künftige Einzahlungen darauf verzinsen sich derzeit mit +0,01% pro Jahr! Für 10.000 Euro erhält mein Enkel als künftig 1 Euro Zinsen pro Jahr!

Was ich daran wirklich schade finde: Das Zinsniveau wird – wie wir noch sehen werden – auch weiterhin dauerhaft niedrig bleiben. Und das bedeutet: Mein Enkelkind wird vermutlich in seinen jungen Jahren nie erfahren, welcher Sinn darin steckt, Geld zu sparen und dafür mit einem Zins belohnt zu werden!

Ich erinnere mich noch gut daran, in den 1980ern als junger Banker für eine Festgeldanlage kurzzeitig einmal +10% Verzinsung + einem Angestellten-Bonus erhalten zu haben. Wahnsinn, wie sich die Zeiten verändert haben!

Bis vor wenigen Jahren konnte ich mir nicht vorstellen, dass das einmal Realität werden könnte: Vermögende Personen oder Firmen müssen derzeit schon bei vielen Kreditinstituten für Ihre Guthaben von mehr als 1 Million Euro auch noch Zinsen an die Bank zahlen.

Der Auslöser für die Zinsmisere

Der Grund für diese Entwicklung ist die weltweit immens hohe Verschuldung. Als die daraus resultierende, hohe Zinslast zu Beginn der Finanzkrise 2007 gleich für viele Staaten und damit für uns alle zu einer echten Bedrohung wurde, gingen die Notenbanken zum Gegenangriff über:

Beispielsweise wurde bis zum Dezember 2008 in nur 15 Monaten, also im Crash-Verfahren, der amerikanische Leitzins von 5,25% auf 0,00% bis 0,25% herunter geprügelt. Warum?

Staaten nehmen zu ihrer Finanzierung Anleihen mit mehreren Jahren Laufzeit auf: Die Käufer, also die Gläubiger oder Kreditgeber, reichen ihr Kapital heraus und erhalten vom Schuldner als Gegenleistung meist eine jährliche Zinszahlung.

Bei Fälligkeit muss ein Staat dann natürlich zusätzlich den gesamten, zuvor finanzierten Schuldbetrag an die Gläubiger zurückzahlen. Rechnen wir das mal an einem Beispiel kurz durch:

Für eine Anleihe im Volumen von 100 Mio. Euro müsste ein Staat bei einer Verzinsung von 5%, jährlich 5 Mio. Euro Zinsen an seine Gläubiger zahlen. Das macht bei z.B. 10 Jahren Laufzeit schon satte 50 Mio. Euro aus – plus natürlich die 100 Mio. Euro bei Fälligkeit.

Liegt der Marktzins hingegen nur noch bei +1,5%, dann sinkt die gesamte, aufzubringende Zinslast auf 15 Mio. Euro: Eine Ersparnis von satten 35 Mio. Euro über 10 Jahre.

Genau bei diesem Wert, nämlich +1,5%, liegt derzeit die Rendite für 10-jährige US-Staatsanleihen. Für 30 Jahre Laufzeit erhalten Anleger mit +1,9% nur unwesentlich mehr Verzinsung.

Nun dämmert Ihnen vermutlich, warum der amerikanische Finanzminister Steven Mnuchin über eine Herausgabe extrem langfristiger Staatsanleihen nachdenkt:

Am besten machen Sie sich einmal selbst eine Vorstellung davon, was die USA so an Schulden aufgetürmt haben: Live-Verschuldung der USA.

Fazit

Hoffentlich hat Ihnen der erste Teil meines Beitrages zum Thema „extrem langfristige Staatsanleihen“ dabei geholfen, ein wenig hinter die Mechanismen zu schauen.

Die Leitzinsen sind weltweit sehr niedrig. Die US-Notenbank denkt derzeit – nach einer Phase von wenigen, kleineren Anhebungen – erstmals wieder ernsthaft über Senkungen nach.

Die Europäische Zentralbank EZB hingegen kann den Leitzins nicht weiter senken. Hier wurde jedoch vor wenigen Wochen laut über eine Wiederaufnahme des Anleiherückkaufprogramms nachgedacht, was einen ähnlichen Effekt erzielt.

Was Ihnen unmissverständlich klar sein sollte: Erwarten Sie bitte nicht, dass Sie auf absehbare Zeit wieder einmal eine nennenswerte Verzinsung auf Ihr Spar- oder Anlagekapital erhalten werden! Zum Leidwesen auch für mein Enkelkind.

Aber das hatte ich Ihnen an dieser Stelle schon vor vielen Jahren prophezeit: Die hochverschuldeten Staaten haben NULL Interesse daran, die Zinsen wieder steigen zu lassen!

Nur extrem niedrige Zinsen über einen sehr langen Zeitraum helfen ihnen, allmählich von der über Jahrzehnte aufgestapelten Schuldenlast durch stark verminderte laufende Zinszahlungen wieder herunter zu kommen.

Und was könnte da hilfreicher sein, als sich als Staat wie die USA, diese derzeit extrem niedrigen Zinsen auf Sicht von 50 oder gar 100 Jahren zu sichern?

Wir blicken morgen, wie angekündigt, darauf, ob solche Anleihen für Sie eine interessante Geldanlage darstellen. Und wir schauen natürlich einmal, ob es nicht vielleicht noch andere Alternativen gibt.

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Andreas Sommer
Von: Andreas Sommer. Über den Autor

Andreas Sommer ist ein absoluter Börsen-Profi. Der gelernte Bankkaufmann war 10 Jahre als Wertpapierberater bei einer großen deutschen Bank tätig.

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