Sind steigende Zinsen eine Gefahr für die Wall Street?

Wir blicken heute in die Vergangenheit und untersuchen die Wechselwirkung von Zins und Aktienmarkt. (Foto: MR.LIGHTMAN1975 / Shutterstock.com)

Am Montag vergangener Woche analysierte ich für Sie die Entwicklung der US-Zinsen. Hintergrund waren die Sorgen der Marktkommentatoren, dass die steigende Rendite für festverzinsliche Papiere zur ernstzunehmenden Konkurrenz für Aktien werde.

Wie immer, wird das, was diese Herrschaften voraussehen und über die Medien verbreiten, von den meisten Marktteilnehmern kritiklos übernommen: Schließlich sind das ja Experten – und die sollten ja wohl wissen, wie an den Börsen „der Hase läuft“!?

Ich werde Ihnen heute anhand zweier Charts (noch einmal, diesmal aber noch deutlicher) belegen, dass die eingangs geschilderten Sorgen unbegründet sind.

Unterschied zwischen Leit- und Marktzins

Wenn wir nur von „den Zinsen“ sprechen, verallgemeinern wir das Thema allzu sehr. Tatsächlich müssen wir unterscheiden zwischen dem Leitzins und dem Marktzins bzw. der Marktrendite.

Der Leitzins ist der von einer Notenbank festgelegte Zinssatz, zu dem sie mit den Banken ihres Landes Geschäfte abschließt und damit ihre Geldpolitik steuert. Die Kreditinstitute können bei der Zentralbank überschüssiges Geld gegen eine Verzinsung hinterlegen oder sich gegen Zahlung von Zinsen Kapital leihen.

Die Marktrendite eines Landes wiederum – gemessen an dem Nettoertrag, den festverzinsliche Wertpapiere, also Anleihen abwerfen – orientiert sich eher grob an der Geldpolitik ihrer Notenbank.

Kleiner Exkurs: Anleihen

Zum besseren Verständnis: Anleihen bieten dem Käufer eine feste Verzinsung für die Dauer der Laufzeit. Bei Fälligkeit wird der Nominalbetrag vom Anleiheschuldner zu 100% zurückgezahlt.

Da diese beiden Komponenten feststehen, der Marktzins jedoch Schwankungen unterworfen ist, wird der Preis einer Anleihe durch ihren Kurs bestimmt: Steigt der Marktzins über die Verzinsung der Anleihe, dann sinkt ihr Kurs entsprechend unter 100% und umgekehrt.

Die Marktrendite wird letztlich also von Angebot und Nachfrage nach Anleihen bestimmt: Ihr Trend kann sich daher auch zeitweilig entgegengesetzt zur Geldpolitik entwickeln.

Anleihen und Aktien

Den Sorgen der Marktkommentatoren liegt nun folgende Überlegung zugrunde:

Liegt die – bei Anleihen „sicher“ – zu erzielende Rendite über dem, was der – mit Kursrisiken behaftete – Aktienmarkt abwerfen könnte, dann greifen Großinvestoren eher zu festverzinslichen Wertpapieren.

Das bedeutet nichts anderes, als eine Richtungsänderung des Geldflusses: Das Kapital wandert aus Aktien in Anleihen. Und das wiederum wäre dann abträglich für die Aktienkurse.

Dow Jones versus Leitzins

Schauen wir nun einmal, wie die Wall Street in der Vergangenheit auf die Zinsentwicklung in den USA reagiert hat. Dazu habe ich 2 Charts für Sie vorbereitet:

Sie zeigen jeweils einen Vergleich des Dow Jones mit dem Leitzins und dann mit der Marktrendite.

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Leitzins versus Dow Jones

Die roten Zonen zeigen Ihnen Phasen des Leitzinsanstiegs. Die Zeiten, in denen die Fed Funds Rate (so wird der US-Leitzins auch genannt) sinkt, sind grün unterlegt.

Die Phase von 2009 bis 2015 habe ich gelb gefärbt, da der Leitzins während dieser Zeit auf dem historisch niedrigsten Niveau gehalten wurde.

Die eingezeichneten Pfeile zeigen Ihnen, wie sich der Aktienmarkt in den jeweiligen Phasen bewegt hat. Das erleichtert Ihnen den Vergleich.

Das Ergebnis ist eindeutig: Die Entwicklung des US-Leitzinses hatte in den zurückliegenden 32 Jahren defakto keine Auswirkung auf den Aktienmarkt! Es gab lediglich eine Phase – 1999 / 2000 – in der der Leitzins stieg und die Aktienkurse sanken.

Dow Jones versus Marktrendite

Schauen wir nun zum Abschluss auf den Vergleich mi der Marktrendite, hier in Gestalt der Rendite für 10-jährige US-Staatsanleihen:

Dow Jones versus Rendite 10-jährige US-Staatsanleihen

Sie sehen es selbst: In allen Phasen steigender Renditen tendierte auch der Dow Jones in den zurückliegenden 24 Jahren aufwärts (grüne Pfeile). Lediglich im Jahr 1999 sahen wir eine neutrale Tendenz.

Fazit

Auch wenn die US-Leitzinsen weiter steigen – die Notenbank plant für dieses Jahr 3 weitere 0,25%-Erhöhungen – wird das dem Aktienmarkt, erfahrungsgemäß, wenig bis nichts anhaben können.

Selbst wenn die US-Anleiherenditen weiter steigen sollten, muss das an der Wall Street nicht zwangsläufig zu sinkenden Aktienkursen führen.

Langfristig steigen die Aktienkurse dennoch.


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Von: Andreas Sommer. Über den Autor

Andreas Sommer ist ein absoluter Börsen-Profi. Der gelernte Bankkaufmann war 10 Jahre als Wertpapierberater bei einer großen deutschen Bank tätig.