Sind US-Aktien überbewertet?

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US-Aktien sind derzeit teuer. Behauptet ein Marktkommentar. Ich habe für Sie einmal genauer hingeschaut. (Foto: Kamira / Shutterstock.com)

In einem US-Marktkommentar las ich heute, dass die Bewertung der US-Aktien an der Wall Street mittlerweile wieder das Niveau von 2018 erreicht habe.

Der Verfasser wollte damit seiner Sorge Ausdruck verleihen, dass uns möglicherweise ein Crash wie im letzten Quartal des vergangenen Jahres ins Haus stehen könne. Wer mich ein wenig kennt, der weiß, dass ich solchen Kommentaren und Einschätzungen gerne auf den Grund gehe.

Daher schaue ich für Sie heute einmal etwas genauer auf die Thematik Bewertung von Aktien. Und natürlich prüfen wir, ob die Wahrscheinlichkeit für einen erneuten Kursabsturz derzeit wirklich so hoch ist, wie befürchtet.

Was bedeutet Kurs-Gewinn-Verhältnis?

Falls Sie mit dem Begriff Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) nicht viel anfangen können, hier eine kurze Einführung ins Thema. Als erfahrener Börsianer können Sie diesen Abschnitt selbstverständlich überspringen.

Das KGV ist ein Werkzeug, um die Bewertung von Aktien bzw. Indizes beurteilen zu können. Um diese Kenngröße zu berechnen, benötigen Sie zunächst den Gewinn pro Aktie eines Unternehmens.

Dazu wird der von einer Aktiengesellschaft erzielte Jahres-Nettogewinn durch die Zahl der ausgegebenen Anteile dividiert. Das KGV errechnet sich dann, indem Sie den Kurs der Aktie durch besagtes Ergebnis je Aktie dividieren.

Heraus kommt ein Wert, der größer als Null ist: Erzielt ein Konzern Verluste, dann können Sie schlichtweg kein KGV bestimmen.

Für ein Index-KGV werden die KGVs der im Index enthaltenen Unternehmen zusammengefasst und der Index dann durch diese Größe dividiert.

Die Problematik des KGVs

Mit der ermittelten Kenngröße haben Sie dann auch gleich ein Problem:

Klar: Ein Kurs-Gewinn-Verhältnis von 5 ist günstiger als eines von 20. Und eines von 20 ist preiswerter als eines von 50. Was ist aber dann mit einem Wert von 100 oder 150?

Sie sehen das Dilemma: Welches KGV ist nun „zu“ hoch, sprich: wann gilt die analysierte Aktie / der Index als überbewertet?

Das verpassen Sie, wenn Sie auf Basis des KGV investieren

Ich persönlich halte die Bewertung von Aktien mittels KGV nicht allein unter diesem Aspekt für wenig sinnvoll. Wenn Sie mittels dieser Methodik Aktien für Ihre Investments auswählen, dann verzichten Sie von vornherein auf Mega-Kursgewinner.

Denn: Tatsächlich belegen Studien des amerikanischen Buchautors (u.a. „How to make Money with Stocks“; „Wie Sie mit Aktien Geld verdienen“) und Herausgebers von Investors Business Daily, William O’Neill, dass sich das KGV von Mega-Kursgewinnern während ihres Anstieges im Durchschnitt mehr als verdoppeln kann.

Hier einige Fakten aus den KGV-Studien von O’Neill:

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  • Zwischen 1953 und 1985 lag das durchschnittliche KGV der Aktien mit der besten Performance zu Beginn ihres Aufstiegs bei rund 20. Während ihres Aufstiegs erhöhte sich das KGV dieser Top-Aktien im Mittel um +125% auf etwa 45.
  • Zwischen 1990 und 1995 lag das durchschnittliche KGV der Aktien mit der besten Performance zu Beginn ihres Aufstiegs bei rund 36. Während ihrer Aufwärtsbewegung erhöhte sich das KGV dieser Top-Aktien im Schnitt um +122% auf etwa 80.
  • Zu Beginn ihres Aufstiegs bewegte sich das KGV dieser Mega-Kursgewinner in einer Spanne von 25 bis 50 und dehnte sich auf 60 bis 115 aus. Ende der 1990er-Jahre – im Rahmen der Internet-Blase – erreichten viele Top-Performer sogar noch weit höhere KGVs.

Anmerkung: O’Neill hat allerdings bewusst die 2. Hälfte der 1990er-Jahre bei seinen Studien ignoriert, weil viele Aktienkurse in dieser Zeitspanne völlig irrational in die Höhe katapultiert wurden.

Auch die Einschätzung des Bewertungs-Niveaus ist relativ

Kommen wir damit zur eingangs genannten aktuellen Einschätzung der Wall Street-Bewertung. Ich habe dazu eine Historie für Sie vorbereitet, die bis ins Jahr 1985 zurückreicht.

Historisches KGV des Dow Jones 

Diese Grafik zeigt Ihnen den Verlauf des Dow Jones (blaue Kurve) und seines KGVs (schwarze Linie). Und sie bekräftigt nur meine Ansicht über dieses Bewertungs-Instrument.

Wie Sie unten rechts im Chart sehen, stimmt die Aussage des Marktkommentators nicht so ganz – zumindest nicht laut meiner Datenbank: Wir haben derzeit das Top-Niveau des Jahres 2017 erreicht – und das lag noch ein wenig über dem Hoch im September 2018 (grüne Linie).

Die blaue Vertikale macht überdies sichtbar, dass der Dow Jones nach Erreichen des 2017er-Tops keineswegs abgestürzt ist, sondern noch einmal kräftig beschleunigt hat. Ein Rückgang erfolgte erst im Februar des darauf folgenden Jahres.

Die KGV-Kurve macht Ihnen zudem deutlich, dass die Höhe des KGVs in keinem kausalen Zusammenhang mit möglichen Kurseinbrüchen steht: Das kurz vor dem 1987er-Crash erreichte Niveau (gestrichelte Horizontale) wurde Anfang der 1990er-Jahre nahezu verdreifacht – und danach nie wieder erreicht.

Fazit

Mein heutiger Beitrag zeigt Ihnen einmal mehr, warum Sie Marktkommentare stets mit großer Zurückhaltung betrachten sollten. Da werden ab und an mal Behauptungen aufgestellt, die nicht immer einer sorgfältigen Analyse standhalten.

Und gerne werden dann auch einmal Ängste geschürt, die unbegründet sind. Gewiss: Die Bewertung der Wall Street anhand des KGV bewegt sich derzeit auf dem Top-Niveau des Jahres 2017, ja sogar über dem des Vorjahres.

Daraus indes den Rückschluss zu ziehen, dass uns nun ein erneuter Crash ins Haus steht, ist unsinnig. Die Historie belegt ganz eindeutig, dass auch die Höhe der Bewertung eines Aktienmarktes – wie das KGV selbst – relativ ist und von den Investoren auch völlig unterschiedlich beurteilt wurde.

Lassen Sie sich also nicht bange machen!


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Andreas Sommer
Von: Andreas Sommer. Über den Autor

Andreas Sommer ist ein absoluter Börsen-Profi. Der gelernte Bankkaufmann war 10 Jahre als Wertpapierberater bei einer großen deutschen Bank tätig.