So analysieren Sie Geschäftsberichte richtig

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So lesen Sie die Jahresbilanzen 2018 richtig und auf diese Kennzahlen kommt es an. (Foto: phongphan / Shutterstock.com)

Die aktuelle Berichtssaison der börsennotierten Unternehmen für das Geschäftsjahr 2018 liegt nun schon zu einem großen Teil hinter uns. Ich stelle Ihnen heute und morgen hier im Schlussgong insgesamt 3 Kennzahlen vor, mit denen Sie die in den vergangenen Tagen und Wochen vorgelegten Geschäftsberichte (und die, die noch vorgelegt werden) auf Herz und Nieren prüfen können.

Es handelt sich dabei um die Kennzahlen KGV, KCV und PEG. Was diese Kennzahlen bedeuten, wie Sie diese berechnen können und warum Sie stets mehrere Kennzahlen im Zusammenhang sehen sollten, erfahren Sie jetzt. Zudem erfahren Sie, warum auch teure Aktien billig sein können.

Das Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV)

Das wohl am häufigsten herangezogene Merkmal bei der Aktienbewertung ist das Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV). Es zeigt Ihnen an, mit welchem Vielfachen des Jahresgewinns ein Unternehmen an der Börse bewertet wird. Richtgröße für ein günstiges KGV ist stark vereinfacht 10, der Marktdurchschnitt liegt bei rund 15.

Ein niedriges KGV ist isoliert betrachtet aber nicht zwingend ein Kaufargument. Sind die zukünftigen Gewinnaussichten schlecht, oder ist die Verschuldung zu hoch (Bilanzprobleme), bietet die Aktie wenig Kurspotenzial.

Die Kurs-Gewinn-Verhältnisse schwanken stark, je nachdem welche Branche, welches Land oder welches Jahr Sie betrachten. Gründe sind die Chancen und Risiken der Papiere sowie das Niveau der Zinsen und der Inflation.

Der Gewinn kann sich auf feststehende (Geschäftsjahr 2018) und auf erwartete Gewinne (Geschäftsjahr 2019) beziehen. In der Aktienanalyse, in der immer Schätzungen für die Zukunft betrachtet werden, spielt das KGV eine große Rolle. Das KGV ist in Fachkreisen jedoch nicht unumstritten. Der Grund: Der Jahresüberschuss, also die Grundlage der Berechnung, kann von den Unternehmen in die gewünschte Richtung gesteuert werden.

Legale Bilanzierungstricks können vom Management genutzt werden, um den Jahresüberschuss zu beeinflussen. Speziell die Rückstellungen und Abschreibungen werden sehr gern zur Feinjustierung genutzt, um das gewünschte Ergebnis zu erhalten. Das KGV ist daher immer mit einer gewissen Vorsicht zu genießen.

Zudem müssen Sie beachten, dass Gewinne nicht einfach so in die Zukunft fortgeschrieben werden können. Auswirkungen innerbetrieblicher Veränderungen sind ebenso zu beachten wie konjunkturzyklische Schwankungen sowie Veränderungen im Wettbewerb oder im Verbraucherverhalten.

Auch Zinsentwicklungen und veränderte Produktlebenszyklen können eine Rolle spielen. In einigen Branchen kommen noch völlig unberechenbare Faktoren wie Wetter (denken Sie an den Hitze-Sommer 2018) und politische Entscheidungen (Brexit, Handelsstreit USA versus China) hinzu.

Praxis-Probleme bei der KGV-Berechnung

Ein weiteres Problem: Sie stehen vor der Frage, ob Sie bei Ihrer Berechnung den erreichten Gewinn des Vorjahres nehmen oder den erwarteten Gewinn des laufenden Jahres? Ein Nachteil der Berechnung des KGV mit dem bilanzierten Gewinn des Vorjahres ist, dass die Betrachtung im Grunde veraltet ist.

Ein wesentlicher Vorteil dieser Berechnung ist jedoch, dass der Gewinn feststeht, da es sich nicht nur um eine Prognose handelt. Bei der Berechnung des KGV mit einem erwarteten Gewinn tappen Sie immer ein Stück weit im Dunkeln.

Mein Tipp: Betrachten Sie beide KGV-Werte. Dann haben Sie gleich 2 Orientierungspunkte für die Frage, ob die Aktie teuer oder günstig ist. Zwei weitere Kennzahlen, die Sie im Blick haben sollten, wenn Sie eine Aktie bewerten wollen, sind das PEG und das KCV.

Das Price-Earning to Growth-Ratio (PEG)

Eine Erweiterung des KGVs ist das Price-Earning to Growth-Ratio (PEG). Diese Kennzahl wird auch als Kurs-Gewinn-Wachstums-Verhältnis bezeichnet. Die Kennzahl setzt das KGV in Relation zum erwarteten Gewinnwachstum.

Als Faustformel gilt: Das PEG ist günstig, wenn das KGV maximal so hoch ist wie das erwartete Gewinnwachstum. Sind KGV und Gewinnwachstum identisch, liegt das PEG bei 1.

Die Überlegung dabei ist: Wenn ein Unternehmen den Gewinn pro Jahr zweistellig steigert, darf es auch höher bewertet sein als ein Unternehmen, das den Gewinn nur leicht steigert. Als Faustformel gilt: Ein Unternehmen, das den Gewinn pro Jahr regelmäßig um 30% steigert, darf auch ein optisch hohes KGV von 30 besitzen. Wächst das Unternehmen dagegen nur langsam, muss auch das KGV niedriger sein. Mit dieser Kennzahl können Sie daher besonders gut Wachstumsunternehmen im Technologie-Index TecDax bewerten.

Kurs-Cashflow-Verhältnis (KCV)

Ein relativ gutes Bild von der Finanzkraft eines Unternehmens bietet der Cashflow. Das ist der Nettozugang an liquiden Mitteln während einer festgelegten Periode; also z.B. in einem Geschäftsjahr. Sie können den Cashflow berechnen, indem Sie zu dem um außerordentliche Faktoren bereinigten Jahresüberschuss die Abschreibungen auf das Anlagevermögen sowie Veränderungen der langfristigen Rückstellungen addieren.

Gewissermaßen stellt der Cashflow das finanzielle Betriebsergebnis dar. Dies geschieht, in dem der Gewinn um Größen bereinigt wird, die nicht zum operativen Geschäft gehören.

Andere Größen, um die der Gewinn im Zuge der Cashflow-Ermittlung bereinigt wird, sind Abschreibungen, Rückstellungen, die Zu- oder Abnahme an Verbindlichkeiten oder die Zu- oder Abnahme an Vorräten und Forderungen. Das Kurs-Cashflow-Verhältnis setzt den aktuellen Kurs einer Aktie in Relation zum Cashflow und wird wie folgt berechnet:

Wie beim KGV gilt: Je niedriger das KCV, desto günstiger ist die Aktie bewertet (wobei stets mehrere Kennzahlen miteinander verglichen werden sollten). Besonders hellhörig sollten Sie werden, wenn KGV und KCV weit auseinander liegen, oder sich in einer Periode unterschiedlich entwickelt haben.

Außerdem ist das KCV weniger anfällig für bilanztechnische Manipulationen, denn der Cashflow wird nicht von bilanzpolitischen Maßnahmen (Bildung und Auflösung stiller Reserven oder Veränderung von Zahlungszeiträumen) beeinflusst.

Allerdings ist der Cashflow auf Grund von Stichtagsbetrachtungen des Umlaufvermögens und Investitionszyklen wesentlich stärkeren Schwankungen unterworfen als der Gewinn. Daher eignet er sich nicht dazu, das Ergebnis eines einzelnen Geschäftsjahres zu bewerten, vielmehr muss er über mehrere Jahre hinweg ermittelt und betrachtet werden.

Fazit: KGV, KCV und PEG helfen Ihnen bei der Aktienbewertung

Alle Kennzahlen, die ich Ihnen vorgestellt habe, haben Vor- und Nachteile. Es handelt sich aber um 3 der wichtigsten Kennzahlen im Zusammenhang mit dem Aktienkurs und dem Unternehmensgewinn sowie um die wichtigste Kennzahl, wenn es darum geht, die Mittelzuflüsse eines Unternehmens mit dem Aktienkurs ins Verhältnis zu setzen.

Wenn Sie mit den 3 Kennzahlen vertraut sind, haben Sie eine erste gute Grundlage, um Ihre Aktien zukünftig auch selbst beurteilen zu können.

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Rolf Morrien
Von: Rolf Morrien. Über den Autor

Rolf Morrien ist einer der renommiertesten Börsenexperten Deutschlands und teilt seine Expertise bereits seit rund 20 Jahren als Chefredakteur von „Morriens Depot-Brief“ (für den erfolgreichen Börsenstart), dem „Depot-Optimierer“ (Vermögensaufbau mit Value-Ansatz) und von „Rolf Morriens Power Depot“ (dynamisches Trading-Depot) sowohl mit Börseneinsteigern als auch mit ambitionierten Privatanlegern.

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