So ist die Quartalsberichtssaison für die Wall Street gelaufen

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Die Quartalsberichtssaison in den USA neigt sich dem Ende zu. Ich ziehe für Sie eine erste veritable Bilanz. (Foto: Kamira / Shutterstock.com)

Vor knapp 4 Wochen informierte ich Sie über die Prognosen der Analysten für die anlaufende US-Quartalsberichtssaison. Inzwischen liegen 90% der Bilanzzahlen für das 2. Jahresviertel der 500 im S&P 500 enthaltenen Aktiengesellschaften vor.

Das erlaubt einen veritablen Blick auf das zu erwartende Gesamtergebnis, das nun nur noch marginal nach oben oder unten ausschlagen dürfte.

Die Ausgangsbasis

Schauen wir zuvor noch einmal auf die Ausgangslage hinsichtlich der Umsatz- und Gewinnwachstums-Situation für die Wall Street-Unternehmen.

Die Analysten der amerikanischen Investmenthäuser wie beispielsweise Goldman Sachs, Morgan Stanley, Dean Witter, Bear Stearns und zahlreichen weiteren, hierzulande weniger bekannten Institutionen bewerten regelmäßig die Umsatz- und Gewinnperspektiven der börsennotierten US-Aktiengesellschaften.

Aus dieser Vielzahl an unterschiedlichen Experten-Einschätzungen lassen sich dann Durchschnittswerte für die einzelnen Unternehmen ermitteln. Und daraus wiederumwerden dann Gesamtergebnisse errechnet, wie hoch das Umsatz- und Gewinnwachstum beispielsweise für die S&P 500-Gesellschaften nach Ansicht der Analysten in einem Jahresviertel ausfallen sollte.

Was die Experten für das 2. Quartal erwartet hatten

Nach einem durchschnittlichen Gewinnrückgang von -0,2% in den ersten 3 Monaten 2019 ließen die Prognosen der Investmenthäuser auch für die beiden nachfolgenden Quartale auf negative Wachstumsraten von -3,0% bzw. -1,3% schließen.

Das klingt zunächst einmal wenig erbaulich. Allerdings relativiert sich dieser Eindruck, wenn wir auf die Vergleichsdaten der entsprechenden Vorjahreszeiträume schauen:

Die ersten 3 Quartale 2018 waren nämlich maßgeblich geprägt von dem umfassenden Steuersenkungspaket, welches US-Präsident Trump im Dezember 2017 durchsetzen konnte. Die Auswirkungen beflügelten vor allem das Gewinnwachstum:

So sahen wir in den ersten 9 Monaten 2018 schon geradezu extreme Gewinnsteigerungsraten von durchschnittlich +25,0%. Erst im 4. Jahresviertel kühlte sich die Dynamik merklich auf +14,0% ab.

Die Wall Street begleitete dies – wie Sie sich erinnern werden – mit einem -20%-Crash zwischen Oktober und Dezember des vergangenen Jahres.

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Das bedeutet: Die Umsatz- und Gewinnraten, die wir in den ersten 3 Quartalen dieses Jahres sahen bzw. noch zu sehen bekommen, vergleichen sich mit einer hohen Basis in den entsprechenden Vorjahreszeiträumen.

Meckern auf hohem Niveau

Diesen Aspekt sollten Sie bei der Betrachtung der Ergebnisse der ersten neun Monate 2019 nicht vernachlässigen. Wer sich über die eher mickrigen Verbesserungen dieser Zeitabschnitte mokiert, meckert auf hohem Niveau, wie der Volksmund sagt.

Die für das letzte Jahresviertel 2019 erwartete Steigerung von +4,5% vergleicht sich dementsprechend mit einem niedrigeren Niveau aus dem Vorjahr. Richtig bergauf soll es – laut den Expertenprognosen – dann wieder im 1. Quartal 2020 gehen: Es wird erwartet, dass die Gewinne der Unternehmen sich um satte +10,3% verbessern.

Die Bilanz nach 90% vorliegenden Quartalsberichten

Doch wie ist nun das 2. Quartal tatsächlich verlaufen, nachdem uns nun die Quartalsbericht von rund 90% der im S&P 500 enthaltenen Gesellschaften vorliegen?

Der Umsatz ist im Mittel um beachtliche +5,1% gestiegen. Das Gewinnwachstum fiel mit +0,7% deutlich besser aus, als die im Vorfeld erwarteten -3,0%. Eine solche Entwicklung hat gute Tradition:

Fazit

Die Erwartungen der Analysten sinken in aller Regel im Vorfeld von Monat zu Monat und erreichen nicht selten kurz vor Beginn der betrachteten Vierteljahresperiode ihren Tiefpunkt.

Offensichtlich stapeln die Experten im Vorfeld lieber tief, als im Laufe der Quartalsberichtssaison als zu optimistisch widerlegt zu werden. Dementsprechend fallen die tatsächlichen Ergebnisse schlussendlich fast immer besser aus, als im Vorhinein erwartet.

Das erweist sich auch in den Erkenntnissen zum 2. Jahresviertel einmal mehr als zutreffend. Sie dürfen aber schon heute davon ausgehen, dass die Prognosen für das 2. Halbjahr 2019 erneut tendenziell sinken werden.

Dafür dürfte allein schon die jüngste Eskalation im Handelsstreit mit China sorgen. Tatsächlich gehen die Experten inzwischen schon von einem Rückgang des Gewinnwachstums im 3. Quartal von -4,1% aus: Ende Juni lag die Prognose – wie bereits berichtet – noch bei -1,3%.

Die Wall Street hat diese verminderte Erwartung – zumindest zu einem Teil – in den vergangenen 14 Tagen schon eingepreist.


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Andreas Sommer
Von: Andreas Sommer. Über den Autor

Andreas Sommer ist ein absoluter Börsen-Profi. Der gelernte Bankkaufmann war 10 Jahre als Wertpapierberater bei einer großen deutschen Bank tätig.