Sollten Sie die DAX-Schwäche wegen VW nicht überbewerten?

Der deutsche Aktienmarkt ist generell schwach – eine Sondersituation wegen VW ist Unsinn! (Foto: Cineberg / Shutterstock.com)

Am Dienstag, 1 Tag nach Bekanntwerden des VW-Skandals, las ich in Analysten-Kommentaren, dass die DAX-Schwäche nicht überbewertet werden solle.

Als Grund wurde angegeben, dass die Verluste im deutschen Leitindex beinahe ausschließlich auf den Kurssturz in der Volkswagen-Aktie zurückzuführen seien. Das ist natürlich Unsinn:

Die „Bibel des Charttechnikers“, das Buch „Technische Analyse von Aktien-Trends“ der Autoren Robert D. Edwards & John Magee führt dazu schon auf den ersten Seiten aus:

„Tatsache ist, dass der reale Wert einer … Aktie zu jedem gegebenen Zeitpunkt allein, endgültig und unerbittlich von Angebot und Nachfrage bestimmt wird, wie sie sich exakt in den Transaktionen an der New York Stock Exchange (gemeint ist: an einer Börse) widerspiegeln.“

Einer für alle, alle für einen

Das heißt: Es ist völlig unerheblich, ob eine Tagesbewegung im DAX von einer großen Kursveränderung in einer einzelnen Aktie, von mittleren Kursveränderungen in einigen Werten oder von kleineren Kursveränderungen in allen Index-Mitgliedern verursacht wird!

Alle diese Bewegungen schlagen sich in einer Index-Veränderung nieder und sind daher auch für die (chart)technische Beurteilung des DAX 30 von Relevanz. Und noch ein Punkt:

Wenn Sie in einigen Jahren auf die jüngste Entwicklung im DAX schauen, dann werden Sie sich wohl schwerlich noch daran erinnern, dass die Kursveränderung am 21. September 2015 stark vom Kurs-Desaster in der Volkswagen-Aktie geprägt war!

Davon einmal abgesehen, wurden auch alle anderen Aktien aus der Branche von der Kursentwicklung der VW-Aktie beeinflusst: BMW verlor am Montag -1,5%, Daimler -1,4%, Continental -3,4%. Der im MDAX geführte Autozulieferer Leoni beispielsweise büßte -4,1% ein. Machen Sie sich bewusst:

Die wahren Auswirkungen des VW-Desasters

Wir reden hier nicht nur über ein „VW-Problem“. Die Manipulationen des Wolfsburger Konzerns haben noch viel weitreichendere Konsequenzen und sind nicht allein auf ihn begrenzt.

Hier nur einige Punkte, die mir spontan in den Sinn kommen und keinen Anspruch auf Vollständigkeit erheben:

  • Mit großer Sicherheit dürfen wir unterstellen, dass der Skandal mindestens in den kommenden Monaten zu deutlichen Absatz-Einbußen weltweit nach sich ziehen wird. Die Autobranche ist einer der bedeutendsten, wenn nicht sogar der größte Arbeitgeber in Deutschland.

Absatz-Einbußen bei VW können mithin zu massiven Auswirkungen auf die Arbeitsplätze der Mitarbeiter führen. Mögliche Entlassungen oder Arbeitszeitverkürzungen bringen niedrigere Einkommen (und damit zugleich reduzierte Kaufkraft) und geringere Steuerzahlungen mit sich.

  • VW wird auf Sicht der nächsten 2 oder 3 Geschäftsjahre keine Gewinne, sondern bestenfalls ausgeglichene Ergebnisse erzielen. Das zieht geringere Steuereinnahmen für den Staat, das Land Niedersachsen und die Stadt Wolfsburg nach sich. Von wahrscheinlichen Dividendenkürzungen würden überdies die Aktionäre tangiert.
  • Von Absatzeinbußen werden die Autozulieferer unmittelbar betroffen. Auch hier ergibt sich die gleiche Problematik mit möglichen Arbeitsplatzverlusten und geringeren Steuereinnahmen für Staat, Länder und Kommunen.
  • Schon jetzt zeigt sich eine Ausdehnung der Diskussion auf die Verlässlichkeit und Ehrlichkeit von Werten aus Abgas- und Verbrauchstests für Autos. Diese sind nicht allein auf VW begrenzt.

Der bislang noch auf VW beschränkte Imageschaden kann sich somit wie ein Flächenbrand schnell auf die gesamte Branche – Autohersteller und Zulieferer – ausdehnen.

Sie sehen: Die jüngsten Verluste in den Indizes sind zwar vorwiegend von den Branchenwerte beeinflusst – die Auswirkungen ziehen indes noch weit größere Kreise. Die Kursveränderungen im DAX deshalb zu verniedlichen, ist in meinen Augen nicht nur hanebüchen, sondern auch gefährlich.

Der gesamte deutsche Aktienmarkt steckt in der Krise, nicht nur VW

Zum Abschluss präsentiere ich Ihnen noch eine Tabelle mit den 18 deutschen Branchen, den sogenannten DAXsectors sowie 5 weiteren wichtigen Marktindizes, insbesondere aus der DAX-Familie.

Meine Auflistung ist sortiert nach der Relativen Stärke der einzelnen Indizes. Sie zeigt Ihnen aber auch, wie es um deren (chart)technische Verfassung (linke Spalten) aktuell und seit der Vorwoche bestellt ist:

Beim Marktzustand werte ich verschiedene Komponenten wie Relative Stärke, kurz-, mittel- und langfristige Trend-Stärke, MACD und Momentum aus. Bestmögliche Wertung sind 15 Punkte. 0 Punkte belegt die schlechteste mögliche Charttechnik.

Die vorletzte Spalte (rechts) zeigt die aktuellen Werte der 200-Tagelinie an, also des langfristigen Trends. Die Spalte ganz rechts repräsentiert den Abstand des Index zum Gleitenden Durchschnitt und gibt so Aufschluss über die langfristige Trend-Stärke:

charttechnischer marktzustand der daxsectors-24-09-2015

Charttechnischer Marktzustand der DAXsectors

Ich denke, die Tabelle spricht für sich: Lediglich 1 Sektor zeigt eine überdurchschnittliche Charttechnik. Allerdings enthält die Branche Food+Beverages lediglich 2 Werte, von denen einer (Südzucker), am Dienstag einen Kurssprung vollzog.

Gleich 8 von 23 Sektoren demonstrieren eine extrem miese Charttechnik von 0 Punkten bzw. 1 Punkt (rot umrahmt). Nur 7 Sektoren können derzeit noch eine positive langfristige Trend-Stärke aufweisen.

Mein Rat an Sie ist daher der Gleiche wie schon seit Wochen: Nehmen Sie die DAX-Schwäche ernst!

© Verlag für die Deutsche Wirtschaft AG, alle Rechte vorbehalten
Von: Andreas Sommer. Über den Autor

Andreas Sommer ist ein absoluter Börsen-Profi. Der gelernte Bankkaufmann war 10 Jahre als Wertpapierberater bei einer großen deutschen Bank tätig.

Profitieren Sie von unserem kostenlosen Informations-Angebot und erhalten Sie regelmäßig den kostenlosen E-Mail-Newsletter von Andreas Sommer. Zusätzlich erhalten Sie kostenlose E-Mail Updates zu den profitabelsten Börsengeschäften.

Herausgeber: GeVestor Verlag | VNR Verlag für die deutsche Wirtschaft AG
Sie können sich jederzeit wieder abmelden.

10 Dividendenaktien, deren Dividende IMMER steigt