Squeeze Out: Andritz will Schuler ganz übernehmen

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Die österreichische Andritz AG hält bereits seit Jahren 96% der deutschen Schuler AG. Jetzt wird Schuler in einem Squeeze Out komplett übernommen. (Foto: meinikof / shutterstock.com)

Heute möchte ich Ihnen anhand eines aktuellen Beispiels einmal eine Regelung aus dem deutschen Aktienrecht erläutern – das Squeeze-Out-Verfahren (deutsch: Ausquetsch-Verfahren). Hierauf beruft sich gerade der österreichische Anlagenbauer Andritz AG, der über eine Tochter (der Andritz BTG IV) mehr als 96% des Stammkapitals der deutschen Schuler AG hält.

Die Andritz AG hat am 14.04.2020 angekündigt, auch noch die restlichen knapp 4% der Schuler-Papiere erwerben zu wollen: „Die Geschäftsführung der Andritz BTG IV hat […] heute dem Vorstand der Schuler Aktiengesellschaft das förmliche Verlangen übermittelt, das Verfahren zur Durchführung eines aktienrechtlichen Squeeze Out einzuleiten.“, so das Unternehmen in einer Presseerklärung.

Die beteiligten Unternehmen im Portrait

Bevor ich Ihnen das angestrebte Squeeze Out näher erläutere, möchte ich Ihnen die beteiligten Unternehmen kurz vorstellen: Die im österreichischen Graz ansässige Andritz-Gruppe ist ein international tätiger Mischkonzern. Das Unternehmen liefert ein breites Portfolio an innovativen Anlagen und Systemen für die Zellstoff- und Papierindustrie, den Bereich Wasserkraft, die metallverarbeitende Industrie und die Umformtechnik.

Darüber hinaus ist Andritz in den Sektoren Pumpen, Fest-Flüssig-Trennung sowie die Tierfutter- und Biomasse-Pelletierung tätig. Der börsennotierte Konzern hat rund 29.500 Mitarbeiter und über 280 Standorte in mehr als 40 Ländern. Das Unternehmen erwirtschaftete im vergangenen Jahr einen Umsatz von 6,67 Mrd. Euro und ein Konzernergebnis von 122,8 Mio. Euro.

Die Schuler AG mit Hauptsitz in Göppingen ist ein Traditionsunternehmen, das weltweit im Bereich der Umformtechnik tätig ist. Das Unternehmen liefert Pressen, Werkzeuge, Prozess-Know-how und Service für die gesamte metallverarbeitende Industrie.

Wichtigste Kunden der Schuler AG sind die Automobilindustrie, die Schmiede-, Hausgeräte- und Elektroindustrie sowie Münzprägen. Die rund 6.000 Schuler-Mitarbeiter erzielten in 2019 einen Umsatz von 1,34 Mrd. Euro und ein negatives Konzernergebnis von -121,9 Mio. Euro.

Andritz bekannt für seine Übernahmestrategie

Die Andritz-Gruppe ist in den letzten Jahrzehnten sehr aktiv auf dem Übernahmemarkt tätig gewesen. Allein seit dem Jahr 2000 akquirierte das Unternehmen 69 Unternehmen. Im Mai 2012 erwarb Andritz ein Schuler-Aktienpaket von 38,5% von der Familie Schuler-Voith. Parallel dazu unterbreitete Andritz den Schuler-Aktionären ein Übernahmeangebot über 20 Euro je Aktie. Mit Erfolg, denn im Folgejahr hielt Andritz mehr als 95% der Schuler AG.

Squeeze-Out-Verfahren

Gemäß § 327a Aktiengesetz kann ein Hauptaktionär, der mehr als 95% des Grundkapitals einer Aktiengesellschaft hält, die Übertragung der Aktien der übrigen Aktionäre (Minderheitsaktionäre) verlangen. Hierfür muss er den Minderheitsaktionären eine angemessene Barabfindung zahlen.

Bei der Berechnung dieser Barabfindung spielt der Börsenkurs neben anderen Faktoren eine entscheidende Rolle. Dabei wird der durchschnittliche Kurs der letzten drei Monate als Berechnungsbasis genommen. Dieser dreimonatige Durchschnittskurs lag bei Schuler etwa bei 15 Euro.

Taktisches Vorgehen

Theoretisch hätte die Andritz-Gruppe das Squeeze-Out-Verfahren bereits vor 7 Jahren, als es die dafür notwendige 95%-Mehrheit an Schuler erreicht hatte, beschließen können. Doch in den letzten Jahren lag der Kurs der Schuler-Papiere noch zwischen 23 und 37,50 Euro. Andritz hat also abgewartet, bis der Schuler-Kurs im derzeitigen Bärenmarkt auf einen niedrigen Kurs gesunken war und dann erst zugeschlagen.

Zwar ist der Kurs der Schuler-Papiere nach Bekanntwerden des Squeeze Out um gut +33% auf etwas über 18 Euro angestiegen. Dieser Kurssprung dürfte bei der rückwirkenden Berechnung der Barabfindung aber keine Rolle mehr spielen.

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Tobias Schöneich
Von: Tobias Schöneich. Über den Autor

Tobias Schöneich, Jahrgang 1982, begeistert sich seit der Jahrtausendwende und somit seit den Zeiten des New-Economy Booms für das Thema Börse und alles unmittelbar damit Verbundene.

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