Staramba mit Verlustanzeige. Aktie im freien Fall.

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Staramba korrigiert die Finanzzahlen für das Jahr 2018 und meldet eine Verlustanzeige. Die Aktie bricht ein. (Foto: everything possible / Shutterstock.com)

In der Rubrik „Geschäftsmodelle, die die Welt nicht versteht“ rangiert das Berliner Technologieunternehmen Staramba weit oben. Wer will ernsthaft nachvollziehen, wie die Gesellschaft damit Geld verdienen kann, dass sich digitale Abbilder von Menschen, die sogenannten Avatare, in virtuellen Welten mit anderen Avataren treffen?

In eigenen Worten hörte sich dies selbstredend anders an. Da wurde das kleine Start-Up aus Berlin zum globalen Virtual-Reality-Vorreiter mit einzigartiger Hard- und Software-Expertise hochstilisiert, der eine neue virtuelle Welt geschaffen hat, in der Fans mit internationalen Stars aus Sport, Musik und Entertainment hautnah interagieren können.

Einmal mit Fußballprofis spielen

Dass „hautnah“ bei fotorealistischen Avataren ein Widerspruch in sich ist – geschenkt! Vorsichtshalber jedoch wurde, um dieses Spannungsfeld zu überwinden und den Bekanntheitsgrades des jungen Unternehmens zu verbreitern, mit Avataren von bekannten Fußballspielern wie Manuel Neuer oder Cristiano Ronaldo geworben. Und aus der Zunft der Fußballspieler auch gleich einige Ankeraktionäre rekrutiert. Namentlich die Sportdirektoren von Bayern München und Eintracht Frankfurt, Hassan „Brazzo“ Salihamidžić und Fredi Bobic, die nach wie vor die größten Einzelaktionäre sind.

Denn wenn „Promis“ im Spiel sind, lässt sich jedes, noch so fragwürdige Geschäftsmodell vermarkten. Dass die Strategie aufging, konnte man am Aktienkurs ablesen, der sich in nur drei Jahren auf knapp 65 Euro mehr als versiebenfacht hat. Dann jedoch begann die Schwerkraft zu überwiegen, die nicht nur aus der schwachen Ertragslage genährt wurde.

Plötzlich kam es knüppeldick

Angefangen hat alles mit einem Streit mit den Wirtschaftsprüfern, die den Verkauf von virtuellen Münzen, sogenannten Tokens, nicht wie der Vorstand als Umsatz, sondern als Verkauf von Gutscheinen einstufen wollten. Dann kam ein handfester Streit mit einem ausgeschiedenen Geschäftsführer dazu. Dann ließ die Finanzmarktaufsicht BaFin dem Unternehmen einen Bußgeldbescheid in Höhe von 90.000 Euro zustellen, weil Staramba nicht bekannt gemacht hatte, wann und wo die Rechnungslegungsunterlagen für das Geschäftsjahr 2017 öffentlich zugänglich gemacht wurden.

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Doch als ob nichts gewesen wäre, wurden bereits im Februar die vorläufigen Zahlen für das abgelaufene Geschäftsjahr vorgelegt. Damit sollte dem Kapitalmarkt wohl signalisiert werden, wie effizient die hauseigene Buchhaltung funktioniert. Daraus ging hervor, dass aus dem Verkauf von 3D-Scannern, der hauseigenen Kryptowährung Staramba.Token, 3D-Avataren und sonstigen digitalen Produkten Erlöse von rund 17,6 Millionen Euro erwirtschaftet wurden. Der operative Gewinn (EBITDA) wurde mit 5,7 Mio. Euro beziffert.

Handfester Bilanzskandal

Gestern nun kam die Wahrheit ans Licht. Statt 17,6 Millionen Euro konnten im vergangenen Jahr gerade einmal Erlöse von 0,3 Millionen Euro erzielt werden. Und statt einem Gewinn wurde ein satter Verlust von 11,1 Millionen Euro eingefahren. Dadurch wiederum wurde Staramba zur Abgabe einer Verlustanzeige aufgefordert, da nun die Hälfte des Grundkapitals der Gesellschaft aufgezehrt ist: Die Höchststrafe für jeden Vorstand.

Das wird den Aktionären, die der Vorstandschef Daudert noch vor wenigen Tagen als seine „wichtigste Stütze auf dem weiten Weg“ bezeichnet hat, wenig gefallen. Weitere Kursverluste werden die Folge sein. Damit rangiert Staramba neben der eingangs erwähnten Rubrik noch in einer weiteren Sparte ganz oben, nämlich unter den „Aktien, deren Zukunft höchst fragwürdig ist“.


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Von: Peter Thilo Hasler. Über den Autor

Peter Thilo Hasler ist seit über 25 Jahren als Finanzanalyst tätig, zunächst für einige große Investmentbanken, seit 2010 in seiner eigenen Research-Firma. Als Analyst berät er namhafte Fondsmanagern und Vermögensverwalter weltweit.