Staramba: Wirtschaftsprüfer löst Kurssturz aus

Wirtschaftskrimi am deutschen Aktienmarkt: Staramba erhält kein Testat vom Wirtschaftsprüfer. (Foto: Pavel Ignatov / shutterstock.com)

An der Börse gab es heute eine kleine Achterbahnfahrt: Zu Handelsbeginn gewann der deutsche Leitindex DAX rund 100 Punkte. Der Grund: Die populistischen Parteien übernehmen in Italien doch nicht die Regierungsgeschäfte.

Am Nachmittag sackte der DAX dann um 200 Punkte nach unten. Der Auslöser: Die Angst, dass Neuwahlen in Italien ein noch schlechteres Wahlergebnis bringen könnten. Solche Kurssprünge in alle Richtungen sind typisch für „politische“ Börsen.

Die DAX-Schwankungen waren heute aber winzig, wenn Sie die prozentualen Veränderungen bei der Staramba-Aktie betrachten. Die Staramba-Aktie kam von über 60 Euro, halbierte sich auf 30 Euro und erholte sich dann auf 46 Euro. Das reichte aber immer noch für ein Tagesminus von rund 25%. Hier bahnt sich ein neuer Wirtschaftskrimi an.

Vom Überflieger zum Wackelkandidaten

Die Staramba-Aktie gehörte in den vergangenen Jahren zu den Überfliegern am deutschen Aktienmarkt. Nach eigenen Angaben erzielt der Virtual-Reality-Spezialist seine Umsätze mit einem Mix aus dem von Staramba eigenentwickelten Fotogrammetrie-Scanner 3D-Instagraph, mit fotorealistischen 3D-Figuren und den zugehörigen 3D-Dateien. Neuer Umsatztreiber soll das Virtual-Reality-Netzwerk Staramba-spaces werden.

Laut eigenen Angaben wurde mit diesen Produkten und Dienstleistungen der Umsatz im Geschäftsjahr 2017 um 670% auf 16,1 Mio. Euro gesteigert. Laut Staramba-Planung soll sich der rasante Wachstumskurs so fortsetzen. 2021 soll der Umsatz bereits bei über 200 Mio. Euro liegen.

Solche Planzahlen habe ich in meiner beruflichen Laufbahn speziell 1999/2000 (Neue-Markt-Phase) häufiger gesehen, doch bei der Plan-Umsetzung tauchten dann am Ende oft deutlich kleinere Zahlen auf.

Was mich ebenfalls an den Neuen Markt zur Jahrtausendwende erinnert: Staramba hat den Umsatz für 2017 veröffentlicht (die oben beschriebene Steigerung von 2,1 auf 16,1 Mio. Euro), jedoch noch keine Gewinn- oder Verlustzahlen. Und wir haben fast schon Juni. Eine Analysten-Schätzung, die auf der Internetseite von Staramba zur Verfügung gestellt wird, geht von einem Nettoverlust in Höhe von 10,7 Mio. Euro aus.

Die Kombination aus 16 Mio. Euro Jahresumsatz und 10 Mio. Euro Nettoverlust reichte am Freitag nach Börsenschluss noch für eine Marktkapitalisierung von knapp 150 Mio. Euro. An der Börse wurde hier also nicht die Gegenwart, sondern die Zukunft (Planzahlen 2021) gehandelt.

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Das alles ist an der Börse bei starken Wachstumswerten auch nicht so extrem ungewöhnlich, doch dann darf auch kein Schatten auf die Erfolgs-Story fallen. Aber genau das ist heute passiert. Darum wackelt der Börsenwert.

Unklarheiten bei den Unternehmenszahlen

Das erste Halbjahr 2018 neigt sich langsam dem Ende zu und noch immer hat Staramba keinen Geschäftsbericht für das Geschäftsjahr 2017 veröffentlicht. Seit heute kennen wir den Grund: Es gab Streit mit dem Wirtschaftsprüfer. Die BDO AG Wirtschaftsprüfungsgesellschaft hat kein grünes Licht für den Jahresabschluss gegeben.

In der Mitteilung von Staramba heißt es: Nach Aussage des Abschlussprüfers kann nicht beurteilt werden, ob Anpassungen erforderlich waren in Bezug auf die ausgewiesenen Umsatzerlöse und Forderungen aus Lieferungen und Leistungen einschließlich der zugehörigen Angaben, da die gesetzlichen Vertreter die für die Prüfung der Umsatzrealisation sowie des Bestands der Forderungen erforderlichen Aufklärungen und Nachweise nicht erbracht haben sollen. Aufgrund der Bedeutung des dargestellten Prüfungshemmnisses wird der Bestätigungsvermerk versagt.

Das Unternehmen Staramba teilt diese Einschätzung der Prüfungsgesellschaft nicht.

2 Punkte machen mich allerdings nachdenklich: Zum einen reden wir über ein immer noch kleines Unternehmen mit 16 Mio. Euro Umsatz, nicht über einen weit verzweigten Milliardenkonzern mit 100 Tochtergesellschaften im Ausland. Ein erfahrener Wirtschaftsprüfer wie BDO sollte keine Probleme haben, in kurzer Zeit einen kleinen zweistelligen Millionenbetrag zu überprüfen. Da kann noch fast jede Einzelrechnung in die Hand genommen werden.

Zum anderen muss der Streit eskaliert sein. In den vergangenen 20 Berufsjahren habe ich viele Wirtschaftsprüfer getroffen. Die Aussagen waren immer gleich: Man lässt es nicht zum großen Knall kommen. Das ist schlecht für das Unternehmen, aber praktisch auch Anti-Werbung für die Wirtschaftsprüfer. Wenn es Probleme gibt, einigt man sich still und heimlich auf ein eingeschränktes Testat oder der Prüfer gibt den Auftrag ab. Wenn der Prüfer es zum großen Knall kommen lässt, muss er keinen anderen Ausweg gesehen haben.

Daher meine Empfehlung: Bleiben Sie bei der Staramba-Aktie an der Seitenlinie bis das Unternehmen einen geprüften Geschäftsbericht 2017 vorlegen kann. Es ist ein positives Zeichen, dass ein Unternehmens-Insider heute in die Schwäche hinein Aktien gekauft hat, aber das reicht aus meiner Sicht nicht, um die Aussagen des Wirtschaftsprüfers zu überdecken. Ein Staramba-Investment ist aus meiner Sicht aktuell zu riskant.


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Von: Rolf Morrien. Über den Autor

Rolf Morrien ist nicht nur Chefredakteur von „Morriens Einsteiger-Depot“, dem „Depot-Optimierer“, von „Das Beste aus 4 Welten“ und von „Rolf Morriens Power Depot“, er ist auch einer der renommiertesten Börsenexperten Deutschlands.

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