Steht die Wall Street vor einem Trend-Wechsel?

Mit dieser Methode konnten Sie nicht nur im Oktober 1987 das Ende eines Aufwärtstrends frühzeitig erkennen – Andreas Sommer klärt auf: (Foto: Matej Kastelic / Shutterstock.com)

Vor 1 Woche jährte sich der Crash des Jahres 1987 zum 30. Mal.

In meinem gleichtägigen Beitrag zum Thema räumte ich mit der Mär auf, dass Crashs und größere Abwärts-Bewegungen nicht vorhersehbar seien.

Am Beispiel des Dow Jones zeigte ich Ihnen gleich 5 charttechnische Warnsignale, bei deren Beachtung der 1987er-Crash hätte vermieden werden können.

Natürlich gibt es noch weitere Möglichkeiten, das Ende eines Aufwärts-Trends früh- und damit rechtzeitig zu erkennen.

Der bekannte Börsenbuch-Autor William J. O’Neill stellte die von ihm entwickelte Methode in seinem Werk „5 Schritte zum Börsenerfolg“ vor.

Die englisch-sprachige Original-Ausgabe erschien im Jahr 2004 unter dem Titel „The Successful Investor“.

O’Neill untersuchte jedes Markthoch in der Zeit von 1954 – 2004 und stieß dabei auf ein sich wiederholendes Muster: die „Distributionstage“.

Ich zeige Ihnen, wie seine Betrachtungsweise im Jahr 1987 auch beim Nasdaq Composite frühzeitig eine Warnung generierte.

Im Anschluss schauen wir dann, welchen Marktzustand uns diese Methode aktuell für die Wall Street anzeigt.

Warum das Distributionstage-Muster zuverlässig ist

Um O’Neill‘s Betrachtungsweise der Aktienmärkte nachzuvollziehen, sollten wir folgende Zusammenhänge kennen:

  • Das von ihm entdeckte Muster ist deshalb „zeitlos“, weil es auf dem Verhalten der Marktteilnehmer basiert: Nicht nur Privat-Anleger, sondern auch Börsen-Profis sind letztlich Menschen, die sich in Angst- und Stress-Situationen stets ähnlich verhalten und dabei einer Art Herdentrieb folgen.
  • Ich habe es zahllose Male geschrieben: Die Trends an den Aktienmärkten werden von Großinvestoren kreiert, begleitet und auch wieder demontiert.
  • In einem gesunden Aufwärts-Trend überwiegen die Kauf-Aktivitäten die Verkaufs-Aktivitäten: Eine Nachfrage, die höher ist als das Angebot, wirkt nun einmal preistreibend. Kippt diese Relation, dann zeichnet sich das Ende einer Aufwärts-Bewegung ab. Überwiegen die Verkäufe die Käufe bei fallenden Notierungen, dann sprechen wir von „Distribution“.
  • Das bedeutet auch: Aufwärts-Trends enden nie abrupt von einem Tag auf den anderen. Die Ausbildung eines Markt-Hochs ist vielmehr ein Prozess, der sich innerhalb von einigen Wochen vollzieht.
  • Das wiederum heißt: Sie werden NIE exakt am Top eines Aufwärts-Trends verkaufen können: Denn an diesem Punkt KÖNNEN Sie noch gar nicht erkennen, ob sich ein Trend-Wechsel anbahnt.

Die Distributionstage-Methode

Hier nun O’Neill’s Methode aus dem Jahr 2004:

Ein Distributionstag liegt dann vor, wenn ein Markt um mehr als -0,2% gegenüber dem Vortag fällt und gleichzeitig der Umsatz den des Vortages übersteigt.

3 – 5 Distributionstage innerhalb eines Zeitraums von 2 – 4 Wochen signalisieren Ihnen einen Trend-Wechsel. Je mehr Distributionstage, umso „sicherer“ ist das Signal.

Anmerkung: Inzwischen gelten mind. 4 Distributionstage innerhalb von 2 – 4 Wochen als Warnsignal.

Distributionstage 1987: Trend-Wechsel frühzeitig angezeigt

In der nachfolgenden Grafik sehen Sie den Nasdaq Composite in den Monaten vor dem Crash des 19. Oktober 1987.

Dieser Index spiegelt die Kurs-Entwicklung von mehr als 2.600 US-Technologie-Aktien wider.

Die Distributionstage habe ich im Chart mit vertikalen blauen Balken markiert:

nasdaq composite 1987_26-10-2017

Crash 1987: Auch im Nasdaq Composite wurde frühzeitig gewarnt.

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Sie sehen:

Der Nasdaq Composite generierte vom 18. August bis zum 21. September 1987 insgesamt 5 Distributionstage. 4 davon entstanden innerhalb eines Zeitraums von knapp 3 Wochen.

Diese Häufung von Distributionstagen war ein frühzeitiges Warnsignal, dass der Aufwärts-Trend der US-Technologie-Aktien vor seinem Ende stand.

Die anschließende Aufwärts-Bewegung bis zum 5. Oktober 1987 (gelber Kreis) bot ein ideales Zeitfenster zum Ausstieg.

In der anschließenden, sich verschärfenden Abwärts-Bewegung folgte dann ein letztes Warnsignal mit weiteren 3 Distributionstagen:

Somit wäre auch noch am 16. Oktober 1987, dem Freitag VOR dem „Schwarzen Montag“ ein Ausstieg möglich gewesen.

Distributionstage 2017: Die aktuelle Lage

Schauen wir uns nun noch den aktuellen Stand im Nasdaq Composite bezüglich der Distributionstage an:

nasdaq composite 2017_26-10-2017

Nasdaq Composite 2017: 3 Distributionstage innerhalb 1 Woche

In der Zeit der Nasdaq-Rallye ab Mitte August können wir insgesamt 5 Distributionstage konstatieren.

Die beiden ersten (05.09. und 25.09.) lagen zeitlich indes zu weit von den jüngsten 3 Distributionstagen entfernt, um sich Sorgen machen zu müssen.

Ein – noch nicht vollständiges – Warnsignal sind jedoch die 3 Distributionstage, die innerhalb der letzten 5 Handelstage zustande kamen.

Das Risiko eines vierten Distributionstages innerhalb der nächsten 3 Wochen ist indes hoch.

Fazit

Die Methode der Distributionstage hat sich bei Markt-Gipfeln in der Vergangenheit regelmäßig als zuverlässiges „Frühwarnsystem“ erwiesen:

Eine Häufung höherer Umsätze, die Kursrückgänge von mehr als -0,2% begleiten, kündigt ein Ende des Aufwärts-Trends an.

Ganz wichtig ist mir allerdings:

„Ende eines Aufwärts-Trends“ bedeutet NICHT zwangsläufig, dass ein Crash droht – schließlich wissen wir bei keiner beginnenden Abwärts-Bewegung im Voraus, wo diese enden wird.

Die Methode der Distributionstage ist somit in 1. Linie als Warnsystem zu verstehen:

Es signalisiert Ihnen, dass Sie Ihren Investitionsgrad – und damit Ihr Marktrisiko – vorsichtshalber reduzieren sollten.


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Von: Andreas Sommer. Über den Autor

Andreas Sommer ist ein absoluter Börsen-Profi. Der gelernte Bankkaufmann war 10 Jahre als Wertpapierberater bei einer großen deutschen Bank tätig.