Steigende Zinsen = fallende Aktienkurse: Logisch oder nicht?

Anleger, die erst seit 2009 an den Aktienmärkten aktiv sind, könnten einen falschen Eindruck vom Einflussfaktor Zinsen bekommen haben:

Seit dieser Zeit bewegt sich der amerikanische Leitzins nämlich zwischen 0,25% und 0,50 %.

Das war jedoch beileibe nicht immer so in den zurückliegenden 3 Dekaden: Im Jahr 1989 gipfelte die Fed Funds Rate, wie der US-Leitzins offiziell bezeichnet wird, bei 9,81%!

Klassische Daumenregel gilt nicht mehr

Als ich Anfang der 1980er-Jahre begann, mich professionell mit den Börsen auseinanderzusetzen, existierte eine „Daumenregel“:

Leitzinsen oberhalb von 6% sind potenziell eine gefährliche Konkurrenz für Aktien. Soll heißen:

Wenn ich als Investor 6% oder mehr jährliche Rendite risikolos durch das Anlegen in festverzinslichen Wertpapieren erzielen kann – warum sollte ich dann das Risiko einer Aktienanlage eingehen?

Nun: Würde diese Daumenregel heute noch Gültigkeit besitzen, dann wäre das Investieren in Aktien an der Wall Street schon seit 1991 „risikolos“.

Wie die nachfolgende Grafik dokumentiert, notiert der US-Leitzins seit jener Zeit – mit einer kurzzeitigen Ausnahme im Jahr 2000 – unterhalb der 6%-Marke (gestrichelte Linie).

us-leitzins versus dow jones seit 1986-13-06-2016

US-Leitzins versus Dow Jones: Es besteht kein Zusammenhang!

Neuer Zinserhöhungs-Zyklus?

Wie Sie dem Chart ebenfalls entnehmen können, wurde die Fed Funds Rate seit September 2007 in Reaktion auf die Finanzkrise drastisch und innerhalb von nur 15 Monaten von 5,25% auf 0,25% „herunter geprügelt“.

Nach 7 Jahren ohne Veränderung ist der US-Leitzins im Dezember des vergangenen Jahres erstmals wieder angehoben worden. Seither fürchten die Investoren weitere Zinsanhebungen und in der Folge sinkende Aktienkurse.

Nach den miesen US-Arbeitsmarktdaten vom 4. Juni ist eine Leitzinserhöhung bei der am Dienstag und Mittwoch anstehenden Notenbanksitzung wohl erst einmal vom Tisch.

Ein neuer Anlauf von Janet Yellen, der Chefin der US-Zentralbank, wird von Experten nun im September erwartet.

Doch sind steigende Leitzinsen wirklich eine solche Gefahr für die Wall Street? Ich habe mir für Sie einmal die Mühe gemacht und die Entwicklung der Fed Funds Rate mit der des Dow Jones verglichen.

Das Ergebnis wird Sie verblüffen:

Kein Zusammenhang zwischen Leitzins und Dow Jones-Verlauf

Rot unterlegte Phasen bedeuten steigende Leitzinsen. In den grün markierten Bereichen sehen Sie Leitzinssenkungen. Das Interessante:

Es gibt keine Regel, die besagt, dass sich Aktien-Investoren vor Phasen mit Leitzinserhöhungen fürchten müssen:

  • Von 1986 bis 1999 kletterte der Dow Jones nahezu unaufhörlich und scherte sich herzlich wenig darum, ob die Fed Funds Rate stieg oder fiel.
  • Das Gleiche, nur andersherum, sehen Sie zwischen 2000 und 2004: Tatsächlich sanken die US-Aktienkurse fast genauso lange, wie der Leitzins nach unten geschleust wurde.
  • Die Zeit von 2004 bis 2008 zeigt eine konträre Entwicklung zur vermeintlichen „Zins-Logik“: Steigende Leitzinsen ließen den Dow Jones kräftig steigen. Während der Zinssenkungen infolge der Finanzkrise brachen die Aktienkurse kräftig ein.
  • Die Phase von 2009 bis 2015 weicht von der Historie der Leitzinsen deutlich ab, daher habe ich sie gelb unterlegt: Über eine derart lange Zeitspanne hat es zuvor keine gleichbleibende Fed Funds Rate gegeben. Die Dow Jones-Entwicklung in diesem Zeitraum muss ich wohl nicht kommentieren.

Fazit

Sie sehen: Es gibt keine Börsenregel, laut der die Aktienkurse in Phasen fallen „müssen“, in denen der Leitzins angehoben wird.

Die früher einmal gültige „Daumenregel“, dass ein Zinsniveau von mehr als 6% Konkurrenz für Aktien darstellt, ist seit 1991 quasi nicht mehr existent.

Eine weitere US-Leitzinserhöhung muss also nicht zwangsläufig eine Giftpille für den Dow Jones bedeuten.

Einmal ganz abgesehen davon, dass wir über eine Zinsanhebung sprechen, die selbst bei 0,75% noch immer unter dem tiefsten Niveau seit 2003 / 2004 läge!

Also: Keine Angst vor Janet Yellen! Und immerhin wissen auch Börsen-Neulinge jetzt, dass es vor 2007 auch schon mal höhere Leitzinsen gab – sogar deutlich höhere!

13. Juni 2016

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Von: Andreas Sommer. Über den Autor

Andreas Sommer ist ein absoluter Börsen-Profi. Der gelernte Bankkaufmann war 10 Jahre als Wertpapierberater bei einer großen deutschen Bank tätig.

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