Sueskanal: Ein Nadelöhr im Welthandel

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Der blockierte Sueskanal sorgte weltweit für Nervosität und offenbarte eine Schwachstelle im Handelsverkehr. Doch gibt es Alternativen? (Foto: peterschreiber.media / Adobe Stock)

Der Sueskanal ist wieder befahrbar. Nach fast einwöchiger Blockade durch ein havariertes Riesenfrachtschiff verzeichneten die Bergungsteams am Montag den Durchbruch. Die durch den Vollmond etwas stärker ausfallende Flut hat wohl auch dabei geholfen, dass die aufwendige Aktion nun geglückt ist – andernfalls hätte eine logistisch komplizierte und extrem zeitaufwendige Teilentladung der „Ever Given“ gedroht, die der Welthandel auf Wochen hinaus zu spüren bekommen hätte.

Einige Frachter umrunden afrikanischen Kontinent

Ganz so schlimm kommt es nun nicht, laut Kanalbetreiber können erste Schiffe die Handelsroute wieder passieren. Reedereien rechnen allerdings damit, dass es eine weitere knappe Woche dauern dürfte, bis sich der Rückstau vollständig aufgelöst hat, der sich zuletzt auf beiden Seiten des Kanals gebildet hatte.

Rund 370 Schiffe ankerten hier und warteten auf die Weiterfahrt, vereinzelt kehrten Frachter sogar schon um und wählten die Alternativroute. Die führt rund um den afrikanischen Kontinent, ist mit erheblichen Kosten und mehreren Tagen Zusatzreise verbunden und dementsprechend unbeliebt. Dass einige Verantwortliche ihre Schiffe dennoch anwiesen, diesen Weg zu wählen, unterstreicht noch einmal, wie unkalkulierbar die Lage im Sueskanal erschien. Niemand konnte wirklich vorhersehen, ob die Durchfahrt in dieser Woche bereits wieder möglich sein würde oder nicht.

Schwachstelle globaler Lieferketten

Damit ist eine erhebliche Schwachstelle in den globalen Lieferketten ans Licht gerückt. Ein erheblicher Teil der weltweiten fahrenden Containerschiffe passiert das ägyptische Nadelöhr, Tag für Tag durchqueren hier gut 50 Frachter den Kanal in beide Richtungen. Für den Handel zwischen Europa und Asien ist seine Wichtigkeit kaum zu unterschätzen, das haben die vergangenen Tage noch einmal eindrucksvoll unter Beweis gestellt.

Schon werden Überlegungen laut, auch interkontinentalen Güterverkehr vermehrt auf die Schiene auszulagern, doch ohne die Schifffahrt wird es nicht gehen. Es gäbe allerdings noch eine wesentlich kürzere Verbindung zwischen Asien und Europa: einmal quer durch die Arktis. Überlegungen dieser Art gab es schon häufiger, und sie werden konkreter, je öfter sich hier – bedingt durch die globale Klimaerwärmung – eisfreie Passagen auftun.

Muss Ägypten zittern?

Würden diese Pläne weiterverfolgt und eines Tages umgesetzt, hätte dies massive Auswirkungen auf die ägyptische Wirtschaftskraft. Das Land bezieht einen nicht unerheblichen Teil seiner Einnahmen durch die Kanalgebühren. Der Sueskanal ist für die Ägypter ein einträgliches Geschäft.

Dennoch wird man sich nach der Erfahrung der vergangenen Tage – auch wenn sie historisch einmalig war in der mehr als 100jährigen Geschichte des Kanals – Gedanken machen müssen, wie solche Zwischenfälle künftig vermieden werden können. Inwieweit auch Versäumnisse auf Seiten Ägyptens zu der tagelangen Blockade beigetragen haben könnten, wird die Aufarbeitung zeigen.

Wochenlange Auswirkungen erwartet

Unternehmen, die „just in time“ produzieren, also wenig Teile auf Lager halten und auf termingenaue Lieferungen angewiesen sind, werden die Auswirkungen der Kanalblockade wohl auch in den kommenden Wochen noch zu spüren bekommen. Auch an den Häfen rüstet man sich für eine noch anstehende Ausnahmesituation: Wenn die verspäteten Frachter alle gleichzeitig eintreffen, werden die großen europäischen Frachthäfen wie etwa Rotterdam oder Hamburg zum Nadelöhr. Sie stehen vor einer gewaltigen logistischen Herausforderung, die zu weiteren Lieferverzögerungen aufgrund längerer Wartezeiten führen könnte.

Bis sich die globalen Handelsketten wieder im Takt befinden, werden Experten zufolge mehrere Wochen ins Land gehen. Das verschärft die Knappheit besonders gefragter Güter, was zwar nicht unbedingt zu leeren Regalen, wohl aber zu steigenden Preisen führen dürfte – in einer Situation, da die Inflation seit Jahresbeginn ohnehin schon anzieht.

In einer von der Pandemie gebeutelten Lage der globalen Wirtschaft kam die Havarie zur Unzeit. Doch gerade dadurch könnte sie als Weckruf gesehen werden und eine proaktive Suche nach alternativen Möglichkeiten anstoßen.

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Von: David Gerginov. Über den Autor

David Gerginov publizierte unter anderem zum Thema Schuldenbremse und beschäftigt sich heute mit allen Fragen rund um Wirtschaft, Politik und Finanzen.

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