ThyssenKrupp-Chef ruft zu Übernahmeangeboten für die Aufzugssparte auf

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Thyssenkrupp-Chef Guido Kerkhoff ruft Investoren indirekt zur Abgabe von Übernahmeangeboten für das Filetstück des Konzerns – der Aufzugsparte – auf. Ob diese Strategie Erfolg haben wird, ist mehr als fraglich. (Foto: nitpicker / shutterstock.com)

Der Kurs der ThyssenKrupp-Aktie ist in den letzten Monaten in schwere Turbulenzen geraten. Dem traditionsreichen Stahlunternehmen droht jetzt sogar der Abstieg in den MDAX. Am vergangenen Freitag rief ThyssenKrupp-Chef Kerkhoff in einem Spiegel-Interview Investoren auf, ihm für die Aufzugssparte – dem Sahnestück des Essener Stahlkonzerns – ein Übernahme- bzw. Beteiligungsangebot zu unterbreiten.

Tafelsilber steht zur Disposition

Im Interview ging es um die schlechte Gesamtlage des ThyssenKrupp-Konzern. Angesprochen auf einen möglichen Börsengang der gewinnbringenden Aufzugssparte, lobte Kerkhoff die Entwicklung dieser Konzerntochter: „Wir glauben an das Geschäft, das hat noch sehr viel Potenzial. Als ich als Vorstand anfing, hatten wir einen Gewinn von 600 Millionen, jetzt sind wir bei 900. Aber da könnten wir längst weiter sein. Da ist noch Luft nach oben.“

Im Interview nutzte Kerkhoff den avisierten Börsengang der Aufzugssparte aber auch als Druckmittel: Indirekt fordert er mögliche Investoren auf, Angebote für das Sahnestück des ThyssenKrupp-Konzerns zu unterbreiten: „Wenn der Börsengang stattfindet, ist der Zug für strategische Investoren und Private-Equity-Investoren zunächst abgefahren. Das setzt sie unter Zeitdruck. Sie glauben gar nicht, wie viele Telefonanrufe ich gerade aus dieser Ecke bekomme.“

Thyssenkrupp-Aktie im Sturzflug

Der 1999 aus einer Fusion von Thyssen und Krupp entstandene Stahlkonzern hat Anleger in den letzten Jahren verzweifeln lassen. Lag die Aktie im Herbst 2007 noch auf einem Rekordhoch von 46,92 Euro ist der Kurs seitdem um -79,2% auf 9,74 Euro gefallen. Unter den aktuellen DAX-Werten hatte nur die Deutsche Bank höhere Kursverluste hinnehmen müssen.

Abstieg in den MDAX wahrscheinlich

Der Konzern ist in den letzten Jahren stark in die roten Zahlen gerutscht. Der dadurch aufgebaute Schuldenberg ist erdrückend hoch. Mittlerweile ist ThyssenKrupp – gemessen an der Marktkapitalisierung – unter die 6 Mrd. Euro-Grenze gerutscht. Das Unternehmen droht daher im September der Abstieg in den MDAX, denn Unternehmen wie Deutsche Wohnen, Symrise und MTU liegen jetzt schon bei einer wesentlich höheren Marktkapitalisierung.

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Strategiewechsel bisher nicht geschafft

Trotz diverser Versuche hat es der schwer angeschlagene Stahlkonzern nicht geschafft, das Steuer herumzureißen. Die beschlossene Fusion mit dem europäischen Stahlableger der indischen Tata-Gruppe wurde von der EU nicht genehmigt. Auch die von Vorstandschef Kerkhoff geplante Aufspaltung des Konzerns in zwei Teile – einem Stahl- und einem Industriekonzern – wurde vom Aufsichtsrat gestoppt.

Der jetzt von Kerkhoff verkündete Plan B macht aus meiner Sicht nur wenig Hoffnung. Dieser Plan besagt, dass der Konzern sich wieder auf sein Stahlgeschäft konzentrieren will. Es sollen tausende Stellen gestrichen, die Verwaltung verschlankt und unrentable Konzernbereiche verkauft werden.

Zukunft bleibt offen

Ob der Aufruf im Spiegel für weitere bzw. attraktivere Angebote von Mitbewerbern oder Private-Equity-Investoren für die Aufzugssparte führen wird, ist ungewiss. Tendenziell sind Großinvestoren eher an Mehrheitsbeteiligungen interessiert. Fraglich ist allerdings, ob der ThyssenKrupp-Konzern sich das Ruder komplett aus der Hand nehmen möchte und die Mehrheit an der Aufzugssparte verkaufen wird.

Mögliche Investoren sind z.B. der finnische Mitbewerber Kone, der bereits Interesse an der Aufzugssparte bekundet hat. Eine Übernahme durch die Finnen dürfte allerdings einen längeren Genehmigungsprozess durch die EU-Behörden mit sich bringen. Auch eine (Teil-) Übernahme durch Finanzinvestoren wie KKR, Advent oder Berkshire Hathaway ist denkbar. Die Kriegskassen dieser Investoren sind momentan gut gefüllt.

Aus meiner Sicht ist aber der Börsengang der ThyssenKrupp-Aufzugssparte die wahrscheinlichere Alternative. Sie bringt dem Essener Konzern das dringend benötigte frische Kapital. Gleichzeitig kann das Unternehmen – bei entsprechender Ausgestaltung des Börsengangs – auch zukünftig das Ruder der neuen Aktiengesellschaft in den eigenen Händen behalten.


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Jens Gravenkötter
Von: Jens Gravenkötter. Über den Autor

Ein gewiefter Börsen-Profi leitet die Recherche beim "Übernahme-Gewinner". Jens Gravenkötter ist Chefredakteur bei dem erfolgreichen neuen Service.

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