Tit for tat gilt nicht für Chinas Aktien

Der Handelsstreit mit den USA hat die chinesischen Aktienmärkte abstürzen lassen: Ihre Chance für große Kursgewinne? (Foto: crystal51 / Shutterstock.com)

Seit Monaten „beharken“ sich die USA (oder genauer formuliert: Donald Trump) und China in einem eskalierenden Handelsstreit.

Was dort abgeht, erinnert mich an den englischen Begriff „Tit for tat!“. Es war die erste englische Redensart, die ich in meinem Schulbuch „Learning English“ vermittelt bekam. (Daher hat sie sich wohl so in mein Hirn eingebrannt.)

„Tit for tat!“ bedeutet: „Wie Du mir, so ich Dir!“ Jedes Mal, wenn Trump wieder neue, aus China importierte, Waren mit Strafzöllen belegt, reagiert das „Reich der Mitte“ seinerseits mit Vergeltungs-Strafzöllen auf US-Importe.

„Tit für tat“ gilt indes nicht für die Aktienmärkte: Während die Wall Street insgesamt in diesem Jahr zulegen konnte (S&P 500: +4,5%), belastet der Handelsstreit die chinesischen Aktienmärkte zutiefst:

Je nach Index reichen die Verluste ab den im Januar erreichten Jahreshochs von -20% bis -25%. Angesichts solcher Kurseinbußen wittern „Schnäppchenjäger“ zunehmend Morgenluft.

Wir schauen daher einmal gemeinsam auf die Charttechnik von 2 wichtigen chinesischen Aktien-Indizes.

Was ist der CSI 300?

Beginnen wir mit dem CSI 300: Das Kürzel steht für China Securities Index 300.

Dieser Index spiegelt die Kursentwicklung der 300 größten und meistgehandelten A-Aktien wider, die an den beiden größten Börsen Chinas (Shanghai und Shenzhen) ohne Hongkong gehandelt werden.

Betrachten wir nun einmal auf die Kurshistorie des CSI 300 seit August 2007:

CSI 300: Das sieht nicht gut aus!

Das sieht nicht gut aus!

Die gute Nachricht: Der langfristige Aufwärtstrend seit Oktober 2008 ist (noch) intakt.

Doch es gibt auch eine schlechte Nachricht: Der im Februar 2016 begonnene mittelfristige Aufwärtstrend wurde im Juni nach unten durchschlagen (gelber Kreis).

Damit manifestiert sich das wahrscheinliche Kursziel: Der CSI 300 dürfte in den kommenden Monaten wohl noch auf die langfristige Aufwärtstrendlinie zurückfallen.

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Derzeit verläuft dieser Trend bei etwa 2.420 Punkten. Somit könnte der Index noch weitere gut 1.000 Zähler oder rund -30% fallen.

Relative Stärke Index bestätigt negative Einschätzung

Was mich jedoch noch bedenklicher stimmt, ist der Blick auf den 14-Monats-Relative Stärke Index (RSI).

Dieser Indikator spiegelt Ihnen die Trendintensität eines Marktes wider. Ich arbeite mit dem RSI auf Monatsbasis sehr gerne, weil er verlässliche, häufig frühzeitige und vor allem langfristige Kauf- und Verkaufssignale liefert.

Der im RSI eingezeichnete Aufwärtstrend startete zur selben Zeit wie im Index selbst. Allerdings wurde dieser im Juni ebenfalls nach unten verlassen (blauer Kreis).

Das lässt die Interpretation zu, dass mit dem zu erwartenden Rückschlag auf den langfristigen Aufwärtstrend noch nicht „Schluss sein muss“.

Shanghai Composite sieht noch schlimmer aus!

Der Shanghai Composite heißt mit vollen Namen eigentlich Shanghai Stock Exchange Composite. Er wird als der bedeutendste Index in China ohne Hongkong angesehen:

Shanghai Composite: Extrem negativ – Aufwärtstrend seit 1994 wurde verlassen

Für den Shanghai Composite liegt mir sogar die Kurshistorie seit dem Jahr 1992 vor. Allerdings gibt es bei diesem Index nur schlechte Nachrichten:

Der gelbe Kreis kennzeichnet, dass der Aufwärtstrend seit 1994 nun endgültig durchbrochen scheint: Ein erstes Durchrutschen von 2012 bis 2014 konnte letztlich durch die Rückkehr in den Aufwärtstrend wieder „geheilt“ werden.

Diese Einschätzung wird auch vom Relative Stärke Index gestützt: Der Indikator hat bereits im März dieses Jahres den Aufwärtstrend seit Anfang 2016 nach unten verlassen (blauer Kreis).

Fazit

„Tit for tat“ gilt nur für den Handelsstreit zwischen China und den Vereinigten Staaten: Während die Wall Street seit Jahresbeginn leicht zulegen konnte, sind die chinesischen Aktien regelrecht abgestürzt.

Die dadurch auf den Plan gerufenen „Schnäppchenjäger“ sollten sich allerdings gewarnt fühlen: Meine Analyse von 2 bedeutenden chinesischen Aktien-Indizes zeigt, dass die zwischen 11 und 24 (!) Jahre zurückreichenden Aufwärtstrends in den vergangenen Monaten in ernsthafte Gefahr geraten sind.

Angesichts solcher Risiken sollten Sie von Aktien-Investments im „Reich der Mitte“ vorerst Abstand nehmen!


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Von: Andreas Sommer. Über den Autor

Andreas Sommer ist ein absoluter Börsen-Profi. Der gelernte Bankkaufmann war 10 Jahre als Wertpapierberater bei einer großen deutschen Bank tätig.