Tom Tailor mit neuerlicher Gewinnwarnung

Preiskampf und nun eine beispiellose Hitzewelle machen dem textilen Einzelhandel zu schaffen. Das bislang jüngste Opfer ist Tom Tailor. (Foto: phongphan / Shutterstock.com)

Was Kinder und Urlauber erfreut, kann für Unternehmen existenzgefährdend werden: Wenn die Temperaturen zu stark ansteigen. Dies bekommen nun immer mehr textile Einzelhändler zu spüren, denn während der Hitzewelle der vergangenen Monate gingen die Menschen lieber zum Baden als zum Shoppen.

Opfer der Hitzewelle…

Erst traf es Gerry Weber, dann Zalando. Nun ist der Modekonzern Tom Tailor das bislang letzte Opfer des Jahrhundertsommers. Als Begründung für die Ende der vergangenen Woche veröffentlichten Gewinnwarnung gab das Hamburger Unternehmen an, dass nicht nur der ungewöhnlich lange und heiße Sommer eine rückläufige Nachfrage zur Folge gehabt habe, sondern auch der verzögerte Saisonstart für die Herbst-Winter-Kollektionen das Wachstum belastetet habe.

… und der eigenen Unzulänglichkeiten

Dabei waren es nicht marktbedingte Gründe allein, die Tom Tailor unter Druck brachten. So hat der auf die Best Ager der Über-50-Jährigen ausgerichtete Damenoberbekleidungsspezialist Bonita, den Tom Tailor 2012 übernommen hat, einmal mehr einen schwachen Start gehabt, der sich bis zum Jahresende nun wohl auch nicht mehr ausgleichen lasse. Der bisherigen Guidance den endgültigen Garaus machten zahlreiche Rabattaktionen, die das Unternehmen im August wohl zur Räumung der vollen Läger durchführte.

Doch damit nicht genug. Auch die „Modernisierung der Marke“ dauert nach Angaben der Gesellschaft länger als angenommen. Wenn Sie in einem Geschäftsbericht diese Begrifflichkeit lesen, sollten bei Ihnen ohnehin sämtliche Alarmglocken schrillen. Denn eine Verjüngung der Marke gelingt nicht von heute auf morgen, so dass sie auch über mehrere Perioden als Ausrede für eine Ergebnisverfehlung herhalten kann. Und wenn sie überhaupt notwendig ist, verdeutlicht dies nur, dass das Management in den Vorjahren seine Hausaufgaben nicht gemacht hat.

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Deutliche Anpassung der Prognosen

All das hat zur Folge, dass Tom Tailor auf Basis von Hochrechnungen für die restlichen Monate des Jahres mit einem Umsatzrückgang auf eine Bandbreite zwischen 840 bis 860 Mio. Euro rechnet. Gegenüber dem Jahr 2017, als Tom Tailor einen Umsatz von 922 Mio. Euro erwirtschaftet hatte, entspricht dies einem Umsatzeinbruch von 6,7 % bis 8,9 % – deutlich mehr, als es das Konjunkturbarometer des textilen Einzelhandels, des Testclubs der TextilWirtschaft, vermuten ließe. Dieser war zum Halbjahr um 2 % rückläufig.

Das Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (EBITDA) soll nun – gemessen am Umsatz – in einer Bandbreite zwischen 7,5 % und 8,5 % landen; bislang waren rund 10 % erwartet worden, was gegenüber dem Geschäftsjahr 2017, als die EBITDA-Marge bei 9,0 % lag, sogar einem Anstieg von 9,0 % entsprochen hatte.

Von solch optimistischen Prognosen ist der Vorstand inzwischen weit entfernt. Wobei noch schlimmer kommen könnte: Denn Tom Tailor will aufgrund der schwachen Geschäftsentwicklung von Bonita den bilanziellen Wertansatz der Beteiligung und den Markenwert „grundlegend“ überprüfen. Damit drohen erhebliche Abschreiben auf immaterielle Vermögenswerte, die sich zum Jahresende 2017 auf über 320 Mio. Euro summierten. Und damit das Eigenkapital um das knapp Eineinhalbfache übersteigen!

Von Entlastung keine Spur

Dass die Aktie nach einer solche Salve von schlechten Nachrichten unter Druck geriet, war zu erwarten gewesen. Bei hohen Handelsumsätzen nähert sich der Aktienkurs wieder Tiefstständen von 2016 an, und dürfte diese, da entlastende Meldungen kaum zu erwarten sind, auch in den kommenden Monaten testen.


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Von: Peter Thilo Hasler. Über den Autor

Peter Thilo Hasler ist seit über 25 Jahren als Finanzanalyst tätig, zunächst für einige große Investmentbanken, seit 2010 in seiner eigenen Research-Firma. Als Analyst berät er namhafte Fondsmanagern und Vermögensverwalter weltweit.