Türkische Lira im freien Fall

Erdogan greift zu drastischen Maßnahmen – und ruft seine Landsleute auf, ihre Ersparnisse in Lira anzulegen. Die Währung bleibt unter Druck. (Foto: dnd_project / Shutterstock.com)

Es ist ein ungewöhnlicher Appell, den der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan an diesem Wochenende an seine Landsleute gerichtet hat. Er rief sie auf, etwaige Ersparnisse in Dollar oder Euro umzutauschen gegen türkische Lira und somit die eigene Landeswährung zu stützen.

Der Aufruf wirkt mitten in der heißen Wahlkampfphase wie ein Akt der Verzweiflung, untermauert er doch, dass Erdogan selbst offenbar einen weiteren Wertverfall der Lira befürchtet. Und diese Sorgen sind nicht unbegründet.

Seit Jahresbeginn hat die türkische Währung mehr als 20 Prozent an Wert eingebüßt, allein in den vergangenen vier Wochen ist sie zweistellig gefallen. Zwischenzeitlich waren rund 5 Lira für einen US-Dollar fällig.

Währungskrise gefährdet Erdogans Wiederwahl

Zusammen mit der hohen Inflationsrate von gut 10 Prozent ist das Leben für viele Türken innerhalb kurzer Zeit dadurch spürbar teurer geworden – und das könnte nun sogar Erdogans sicher geglaubte Wiederwahl bei den Präsidentschaftswahlen Ende Juni gefährden.

Immerhin galt ihm die Unterstützung der Wählerschaft vor allem wegen des wirtschaftlichen Wohlstands, von dem viele Türken profitierten. Das Wirtschaftswachstum lag im vergangenen Jahr bei stolzen 7,4 Prozent – und das trotz der Krise in der für das Land so wichtigen Tourismusbranche.

Nach dem gescheiterten Putschversuch des türkischen Militärs und der sich anschließend verschärfenden innenpolitischen Lage meiden viele Urlauber die türkischen Urlaubsorte und weichen stattdessen wieder vermehrt auf Reiseziele im europäischen Mittelmeerraum aus.

Krise durch Erdogans Politik

Was die Krise des Tourismus und die Krise der Währung gemeinsam haben: Beide gehen auf die Politik Erdogans zurück, auch wenn dieser gern auf Verschwörungen ausländischer Mächte und oppositioneller Kräfte verweist.

Doch es war Erdogans hartes Vorgehen gegen Kritiker und auch Journalisten, die international für Entsetzen gesorgt und potenzielle Urlauber verunsichert haben. Und es sind Aussagen wie diejenige, nach einer Wiederwahl die türkische Zentralbank und ihre Entscheidungen weitgehend unter präsidentielle Kontrolle stellen zu wollen, die nun die Lira weiter unter Druck setzen.

Entmachtete Notenbank

Zudem verteufelt Erdogan Anhebungen des Leitzinses als „Vater allen Übels“ und setzte somit die Notenbank unter Druck, diesen eigentlich zur Stärkung der eigenen Währung üblichen Schritt zu vermeiden.

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Wie geschwächt ihre Position inzwischen ist, zeigte sich in der vergangenen Woche, als die Notenbank im Rahmen einer Krisensitzung die Zinsen gleich um satte 3 Prozentpunkte anhob auf mehr als 16 Prozent – doch die Wirkung dieser Maßnahme verpuffte, die Lira gab am Folgetag weiter nach.

Wird die Notenbank nach der Präsidentschaftswahl noch weiter entmachtet und ihrer eigentlich vorgesehenen Unabhängigkeit beraubt, dürfte das für die türkische Währung und die dortige Wirtschaftsentwicklung verheerende Folgen haben, da sind sich Experten weitgehend einig.

Nur Erdogan sieht das anders. Ob seine Wähler ihm erneut das Vertrauen schenken werden, wird sich in wenigen Wochen zeigen.


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Von: David Gerginov. Über den Autor

David Gerginov publizierte unter anderem zum Thema Schuldenbremse und beschäftigt sich heute mit allen Fragen rund um Wirtschaft, Politik und Finanzen.