Übernahme-Wissen: Nachzahlung und Squeeze Out

Verschwindet ein Übernahme-Kandidat vom Kurszettel, heißt das nicht, dass die Aktionäre schon den vollen Preis bekommen haben. (Foto: Zadorozhnyi Viktor / Shutterstock.com)

Dass das Übernahme-Geschäft attraktive Gewinnchancen trägt, ist vielen Privatanlegern nicht neu. Was viele aber nicht wissen, ist wie der Übernahme-Prozess abläuft. Diese Wissenslücke kann viel Geld kosten.

Seit 2009 schreibe ich Ihnen fast täglich von den heißesten Deals und wie diese einzuordnen sind. Darüber hinaus erfahren Sie mehr vom Übernahme-Geschäft und erhalten wertvolle Tipps.

In welcher Region ist die Aktivität gerade besonders hoch? Durch welche Branche rollt gerade eine Übernahme-Welle? Was ist zu tun, wenn Ihnen eine Übernahme-Offerte unterbreitet wird?

Heute will ich Ihnen das Ende des Übernahme-Prozess, den Squeeze Out vorstellen. Denn der bietet Gewinne, ohne dass Ihr Kapital gebunden ist.

Übernahmen helfen nicht nur dem Käufer – sondern auch dem übernommenen Unternehmen

Ohne Hilfe kann im Übernahme-Geschäft einiges schief gehen. Erhalten Anleger ein Schreiben der Bank mit Übernahme-Offerte, wird häufig angenommen, dass es sich um eine Terminsache handelt, auf die man reagieren muss.

Doch dem ist nicht so. Übernahme-Offerten sind Angebote und keine Aufforderungen. Wer das Schreiben der Bank ignoriert, der bleibt Aktionär mit allen Rechten. Das kann zwar nachteilig sein – aber eben auch zu Ihrem Vorteil.

Meine persönliche Erfahrung ist, dass die Aktie nach einer erfolgreichen Offerte häufig weiter klettert. Das ist auch verständlich, denn in der Regel verbessert eine Übernahme die Geschäftsentwicklung beim Übernahme-Kandidaten.

Kosten- und Umsatz-Synergien sorgen für Schwung und mehr Effizienz. Der Wert des Unternehmens steigt – und damit auch der Aktienkurs.

Spruchverfahren soll Angemessenheit des Squeeze Out-Preises prüfen

Der Aktienkurs kann auch weiter steigen, wenn der neue Großaktionär zu einem späteren Zeitpunkt das Unternehmen komplett schlucken will. Schafft er es, die Marke von 95% zu überspringen, kann er die verbliebenen Aktionäre herausdrängen.

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Das ist sinnvoll, denn sonst könnte ja jeder Querulant die Komplett-Übernahme verhindern. Sie werden dann enteignet – aber keine Sorge! Der Großaktionär ist verpflichtet Ihnen zumindest den 3-Monats-Durchschnittskurs zu zahlen.

Und auch nach der Enteignung sind Sie nicht komplett „raus“. Sie erhalten zwar den Wert ihrer Investition zum 3-Monatsdurchschnisttskurs zurück, doch im Nachgang wird dann überprüft, ob der Wert auch wirklich angemessen war. Damit soll sichergestellt werden, dass der Bieter auch den letzten Aktionär fair abfindet.

Nachzahlungen können über 100% Aufschlag auf den Squeeze Out-Preis betragen

Stellt sich im Nachgang heraus, dass die Abfindungszahlung zu gering war, erhalten Sie einen Nachschlag. Das kann mehrere Jahre dauern, doch Sie haben ja schon den Squeeze Out-Wert Ihrer Investition zurück erhalten.

Und da die Nachzahlung nicht selten recht üppig ausfällt, wird der Schmerz über die Enteignung schnell kleiner. Ich habe für Sie kurz einige Beispiele aus 2017 herausgesucht, die Ihnen zeigen, welche Nachzahlungen in diesem Jahr flossen:

GeneScan: Erhöhung der Barabfindung um +29,3%

Hotel-Aktiengesellschaft Wuppertal: +100%

Aditron: +16,5%

Gerresheimer Glas: +20% (zzgl. Zinsen)

Sie sehen: Es kann sehr attraktiv sein, bis zuletzt an seinen Aktien festzuhalten und selbst Übernahme-Angebote mit hohem Aufschlag auf den Aktienkurs abzulehnen.


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Von: Jens Gravenkötter. Über den Autor

Ein gewiefter Börsen-Profi leitet die Recherche beim "Übernahme-Gewinner". Jens Gravenkötter ist Chefredakteur bei dem erfolgreichen neuen Service.